Wurde die Polyvagal-Theorie widerlegt? Was du über die aktuelle Debatte wissen musst

In der Welt der Traumatherapie und Neurowissenschaften sorgt aktuell eine alte Kontroverse für neues Aufsehen: Die Kritik an Stephen Porges’ Polyvagal-Theorie (PVT). Ein kürzlich veröffentlichtes Paper des Neurophysiologen Paul Grossman und 38 weiteren Forschenden stellt einige Punkte der Theorie infrage. Heißt das nun, dass wir alles über Bord werfen müssen, was wir über das Nervensystem gelernt haben?

Die Kurzform: Nein, sie wurde nicht „widerlegt“

Die kurze Antwort lautet: Die Theorie wird wissenschaftlich herausgefordert – und das ist ein völlig normaler Prozess in der Wissenschaft. Porges hat bereits formell geantwortet und weist darauf hin, dass viele Kritiken auf Missverständnissen oder fehlerhaften Interpretationen beruhen.

Für dich als Leser:in oder Praktiker:in ist jedoch die entscheidende Frage: Sind die Ansätze, die auf der Polyvagal-Theorie basieren, noch wirksam? Das war auch die Frage, die ich mir sofort gestellt habe. Schließlich ist die Polyvagal-Theorie auch für das, was ich lehre, wichtig. Ich liebe es, dass sie so greifbar macht, was in jeder Sekunde dieses Lebens in uns drinnen los ist. Für mich als Trainerin – also jemanden, der absolut praktisch arbeitet und Menschen Wissen vermittelt und wirksame Werkzeuge beibringt – gilt final nicht das, was zu 100 % auf eintausend Wege hergeleitet werden kann und jede Wissenschaftler:in auf der Welt super happy stimmt… sondern das, was wirklich wirkt.

Und die Antwort auf die Frage lautet ganz klar: Ja. Hier sind die Gründe dafür:

1. Die Praxis wurzelt tiefer als die Theorie

Kritiker:innen räumen oft selbst ein, dass die Kernkonzepte der polyvagalinformierten Arbeit (wie die Bedeutung von Sicherheit, Co-Regulation und soziale Verbundenheit) schon Jahrzehnte vor der Theorie existierten. Diese Prinzipien stammen u. a. aus der Bindungsforschung.

Wie ich auch in meinem Buch „Du bist viel mehr als deine Gefühle“ beschreibe, ist das Fundament dieser Arbeit das Verständnis, dass unser Nervensystem keine Worte versteht. Es reagiert auf Sicherheit im Spüren, nicht auf intellektuelle Konzepte. Das bedeutet: Die klinische Wirksamkeit dieser Arbeit hängt nicht allein davon ab, ob jede anatomische Detailerklärung von Porges zu 100 % korrekt ist. Die Praxis hat sich in der Traumaintegration und somatischen Arbeit längst als effektiv bewährt.

2. Das Problem der „Biohacks“ und Social Media

Ein Großteil der aktuellen Aufregung rührt daher, dass die Polyvagal-Theorie oft missverstanden wird. Viele Influencer verkaufen sie als eine Art „Methode“ oder bieten „Vagus-Nerv-Hacks“ an, um das Nervensystem mal eben schnell zu regulieren.

Die Polyvagal-Theorie ist jedoch keine Technik, sondern ein Erklärungsmodell für unsere Physiologie. Ein tief sitzendes Trauma lässt sich nicht durch einen einzelnen „Hack“ lösen. In meiner Arbeit und meinem Kurs „Lebend/Ich“ betone ich daher die Notwendigkeit einer nachhaltigen Neuverkabelung durch winzige, konsequente Impulse – die 0,1 % Veränderung.

Wenn Menschen merken, dass diese oberflächlichen Übungen keine nachhaltige Veränderung bringen, schieben sie es oft fälschlicherweise auf die Theorie selbst. Doch das Problem ist nicht die Theorie, sondern die übertriebene Vereinfachung.

3. Warum die Hierarchie der Reaktionen wichtig bleibt

Ein Kritikpunkt lautet, dass unsere Überlebensreaktionen nicht so streng hierarchisch ablaufen, wie Porges es beschreibt, sondern oft „Mischzustände“ sind. Das stimmt teilweise – besonders bei Menschen mit chronischem Trauma ist das System oft dauerhaft in einem Mischzustand (z. B. Freeze). Doch bei einem gesund regulierten Nervensystem lässt sich die Hierarchie der Reaktionen (soziale Interaktion > Kampf/Flucht > Erstarrung > Kollaps) nach wie vor beobachten. Die Komplexität des Einzelfalls widerlegt nicht das zugrunde liegende Prinzip.

Fazit für deine Entfaltungsreise

Lass dich von den akademischen Debatten nicht verunsichern. Die Polyvagal-Theorie bietet uns eine wertvolle Sprache, um zu verstehen, warum wir uns in bestimmten Momenten unsicher oder erstarrt fühlen.

Was wirklich zählt:

  • Sicherheit ist der Schlüssel: Ohne ein Gefühl von Sicherheit kann keine Integration stattfinden. „Positiv denken“ reicht nicht. Es braucht die verkörperte Erfahrung davon, wie es sich anfühlt, „sicher genug“ zu sein, um die Waffen niederzulegen und präsent zu sein.

  • Co-Regulation hilft: Wir sind soziale Wesen und brauchen einander, um unser System zu beruhigen bzw. hochzufahren – kurz: um in Regulation zu kommen.

  • Körperorientierung: Die Arbeit mit dem Nervensystem bleibt der effektivste Weg, um nachhaltige Veränderung zu bewirken – unabhängig davon, wie Wissenschaftler:innen in zehn Jahren über die genauen Nervenbahnen streiten.

Echte Regulation ist kein schneller „Quick Fix“, sondern ein Prozess, der Zeit, Geduld und ein tiefes Verständnis für die eigene innere Landkarte erfordert.


Endlich raus aus dem Überlebensmodus: Deine Reise zurück zu dir selbst

Theoretisches Wissen über das Nervensystem ist wertvoll – aber Wissen allein verändert noch keine tief sitzenden Stressmuster. Wenn du dich oft getrieben, erschöpft oder wie „abgeschaltet“ fühlst, liegt das meist nicht an mangelnder Disziplin, sondern an einem Nervensystem, das im Überlebensmodus feststeckt.

Ich lade dich ein, die Ebene des bloßen Verstehens zu verlassen und echte, verkörperte Sicherheit zu erfahren. In meinem Online-Kurs Lebend/Ich: Reise in dein Nervensystem begleite ich dich dabei, deine innere Landkarte kennen- und lesen zu lernen.

Dieser Kurs ist für dich, wenn du:

  • Dich nach echter emotionaler Handlungsfähigkeit sehnst, statt deinen Gefühlen ausgeliefert zu sein.
  • Verstehen willst, wie dein Körper Sicherheit speichert und wie du aktive Selbstregulation im Alltag lebst.
  • Bereit bist für eine nachhaltige Veränderung, die tiefer geht als oberflächliche Entspannungstipps.

Was dich erwartet: Wir nutzen die Neuroplastizität deines Gehirns, um deine „Nervenhighways“ Schritt für Schritt neu zu verdrahten. Mit fundierten Impulsen, somatischen Übungen und einer unterstützenden Gemeinschaft führen wir dein System zurück in einen Zustand von Präsenz und Lebendigkeit.

Warte nicht darauf, dass der Stress von allein nachlässt. Lerne die Sprache deines Körpers und hol dir deine Kraft zurück.

Hier erfährst du alles über Lebend/Ich und kannst dir deinen Platz sichern.


Basierend auf einem Artikel von Irene Lyon (März 2026), ergänzt um Ansätze aus meinem Buch „Du bist viel mehr als deine Gefühle“.

Jeannine ist Nr. 1 Spiegel-Bestseller Autorin und dipl. Trainerin mit Fokus auf emotionale Gesundheit, bewusstes Elternsein, Stress, Trauma, Körper und Nervensystem. Schreiben ist ihre Leidenschaft. Ihren ersten Blog tippte Jeannine vor mehr als 20 Jahren. Im Mai 2019 erschien ihr erstes Buch „Mama, nicht schreien!“, das innerhalb weniger Wochen zum Bestseller avancierte und mittlerweile in 10 Sprachen übersetzt wurde. Weitere Bücher und ihre Online Kurse für ein bewusstes Leben findest du auf ihrer Homepage jeanninemik.com. Die 36jährige lebt mit ihrer Familie in Wien.

www.mini-and-me.com

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