Wenn dein Kleinkind haut, beißt, tritt: Was du tun kannst, anstatt deine Grenzen aufzuzeigen (Achtung: Das kann dich herausfordern!)

Wenn dein Kleinkind haut, dann musst du doch irgendwie deine Grenzen klarmachen, oder? Ich sage: Nein, musst du nicht. Lass mich erklären. Eine Einladung zum Gedankenexperiment.

So viele Kleinkinder drücken ihre Aggressionen körperlich aus. Sie beißen, hauen, kratzen, treten. Wir wissen heute, dass sie das tun, da das Hirn noch über keine andere Impulskontrolle verfügt. Da sind Wut, Trauer, Frust… und das muss raus.

Den Weg wählt das Kind nicht bewusst – er „passiert“.

Nun sind wir uns hoffentlich einig, wenn ich sage, dass weder Zurückhauen, noch dem Kind die Schuld an den Gefühlen des Erwachsenen geben („Das macht Mama traurig!“) gangbare Lösungen sind. Wenn ich nun weiter sage, dass wir Eltern auch hier liebevoll begleiten müssen (denn nochmal: Das Kind kann nicht anders!) tauchen schon die ersten Fragen auf.

Du sagst: Das ist so schwer! Ich sage: Ja, voll!

Es ist so unglaublich schwer, weil Aggression in unserer Gesellschaft verpönt ist. Dieser Tatsache Schulden wir auch, dass die meisten von uns so unfähig sind, selbst mit ihr umzugehen. Wir haben es nicht gelernt. Dank der gängigen Erziehung blieb uns das verwehrt.

Aggression gilt als etwas „Böses“. Als etwas, das man nicht haben will… was für eine ungesunde Einstellung!

Zurück zum hauenden Kind: Eltern sagen dann, wenn ich vom „Begleiten“ und „Worte geben“ spreche: „Aber ich muss meinem Kind schon zeigen, dass ich das nicht will! Ich halte es und sage ganz ernst und deutlich Nein!“ Das hat nur leider nichts mit liebevollem Begleiten“ zu tun.

Das deutliche „Nein!“ und „Ich will das nicht!“ oder auch ein „Hör auf!“ der Erwachsenen ist egoistisch, angesichts der Tatsache, dass das Kind sich in einer Notsituation befindet. Denn mit derlei Reaktionen geht’s plötzlich um den Elternteil, darum, wie er sich fühlt und was er will. Es geht nicht mehr darum, das Kind zu unterstützen, Worte für seine Gefühle zu finden, da zu sein und es auch in diesem Wutanfall zu begleiten. Und es ändert nichts an der Not des Kindes.

Darüber, wie wir die Gefühle unserer Kinder unbewusst verleugnen und der einfache Weg, damit aufzuhören, habe ich schon einmal geschrieben.

Kindliches Schlagen, Kratzen, Beißen hat mit der Gewalt, die du verurteilst, gar nichts zu tun.

Liest du diese Zeilen, denkst du dir vielleicht: „Aber ich muss meinem Kind doch klarmachen, dass ich das nicht will!“

Dann erscheint es dir womöglich sinnvoll, nicht direkt in, sondern nach so einer Szene mit dem Kind zu reden.

Ich glaube mittlerweile jedoch, dass auch DAS nicht sinnvoll ist. Denn was passiert, ist folgendes: Das Kind tickt bei der nächsten Gelegenheit wieder aus, haut und kratzt wieder… wie das nunmal so ist, in der „Trotzphase“. Und noch bevor es wieder ganz bewusst ist, fühlt es sich schon richtig schlecht. Denn es weiß ja nun: Es hat etwas getan, das du nicht willst. Es hat dir wehgetan und dich vielleicht traurig gemacht. Merkst du, dass es wieder um dich geht? Und nicht um die Not des Kindes?

„Oh nein, ich habe alles kaputt gemacht! Und dabei wollte ich das gar nicht! Ich will nicht, dass du böse auf mich bist! Aber ich weiß doch auch nicht,….“ Schluchzender O-Ton einer nicht mal Vierjährigen.

Schlecht, klein und falsch fühlen ist da vorprogrammiert.

Was aber dann?

Ich glaube in der Tat, dass es völlig ausreicht, zu begleiten. Dass wir NICHT unsere eigenen „Grenzen“ hier abstecken müssen. Auch nicht nach einer solchen Szene. Auch nicht, wenn Kinder hauen, kratzen, beissen,…

Ich glaube dass es völlig ausreicht, auch hier vorzuleben.

Vorzuleben, wie wir selbst Konflikte lösen, wie wir unsere Wut bändigen, mit unseren Aggressionen umgehen.

Und sollten wir bei diesen Gedanken feststellen, dass wir selbst manchmal Kastentüren zuschlagen, die Tasche in die Ecke knallen, aufstampfen wie Rumpelstilzchen, laut in den Polster schreien,… gerade dann sollten wir umso mehr Verständnis für unsere Kinder aufbringen.

Unser Hirn wäre ja theoretisch schon imstande dazu, anders zu tun. Ist es aber offenbar nicht immer. Wieso gehen wir dann mit Kindern so streng ins Gericht? Wieso erwarten wir hier – wie so oft – Funktionieren, wo wir selbst es doch nicht tun?

Komm wieder ins Vertrauen!

Ich möchte dich hier ganz bewusst ins Vertrauen holen. Erinnern an den Glauben daran, dass dein Kind nichts gegen dich tut, sondern immer nur für sich. Daran, dass dieser Schritt notwendig ist für seine Entwicklung und diese schwierigen Situationen entsprechend temporär sind. Dein Kind wird andere Wege finden. Und ich will aufzeigen, dass bei jedem Erklären des eigenen Standpunktes, bei jedem Aufzeigen der eigenen Grenzen, bei jedem Halten und „Nein!“ sagen… die Angst die Zügel hält.

Ich glaube ich weiß, was du nun denkst. Und ich bitte dich, für einen kurzen Moment zumindest: Hinterfrage dein „Was? Na also ich lass mich doch sicher nicht hauen! Ich bin doch nicht blöd! Niemand darf mich hauen!“

Ja, hinterfrage das! Echt!

Dein Kind tut alles für sich, nicht gegen dich.

Denn ich glaube, diese Meinung gründet NICHT im Leben mit Kind. Du hast sie dir lange vorher angeeignet. Und bisher hat sie auch gepasst. Jetzt tut sie das nicht mehr.

Na klar entfährt uns mal ein „Au!“ Kann ja auch weh tun. Unser erstaunter Blick, abwehren, etwas auf Abstand gehen… ich denke, dass das natürliche Reaktionen sind und dass es nicht sinnvoll wäre, die irgendwie zu unterdrücken.

Kindliches Hauen ist nicht Gewalt

Ich glaube, wenn wir die Beziehung zu unseren Kindern mit Liebe und bewusst gestalten, müssen wir nicht einmal hier, in so herausfordernden Situationen, Grenzen aufzeigen. Wir müssen nicht uns und unsere vermeintlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, sondern können sogar jetzt das Kind sehen, das uns gerade braucht.

Dass Gewalt nicht toll ist, kriegt das Kind mit.

Ich halte es aber für essentiell zu erkennen, dass ein schlagendes, kratzendes Kind in einem völlig natürlichen und entwicklungsbedingten Wutanfall nicht gewalttätig ist. Nicht in dem Sinn, den wir sonst verstehen, wenn wir von Gewalt reden.

Dein Kind wird andere Wege der Impulskontrolle erlernen. Wir dürfen auch hier begleiten.

Lass los. Öffne dein Herz, stell das Gelernte hinten an.


Meine Gedanken. Was denkst du?

Wenn dein Kind andere Kinder haut, beißt, zwickt… findest du in meinem dreiteiligen Video über Konflikt, Wut und Aggression qualifizierte Lösungen vom Profi.

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Was tun, wenn das Kleinkind haut, beisst, tritt? Ein beziehungsorientierter Ansatz #beziehungstatterziehung #unerzogen #freivonerziehung (Mini and Me, Beziehung statt Erziehung, Unerzogen leben, Kinder begleiten, Auf Augenhöhe, Beziehungsorientiert)

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Foto via stocksnap.io

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30. Bloggerin, Autorin, Kommunikationstrainerin und Schauspielerin. Mama, Verlobte, Wienerin. Cappuccino und Bitterschokolade gehen immer. “Being a mother is learning about strengths you didn’t know you had, and dealing with fears you didn’t know existed.”

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22 thoughts on “Wenn dein Kleinkind haut, beißt, tritt: Was du tun kannst, anstatt deine Grenzen aufzuzeigen (Achtung: Das kann dich herausfordern!)

  • Reply Janine 6. Juni 2018 at 14:55

    Hallo :),
    Ich glaube das es hier ganz auf das Kind und die Situation ankommt. Woran liegt es, dass mein Kind schlägt? Ist es reiner Trotz und das Kind weiß wirklich nicht wohin mit seinem Gefühlen, dann empfinde ich ihren Artikel als richtig. Hier kann ich mein Kind begleiten und weiß es wird andere Wege finden. In Situationen wo mein Kind bewusst seine Grenzen austestet und mich beim hauen auch noch angrinst und lacht, muss es mir erlaubt sein zu sagen auch einmal zu sagen das ich nicht geschlagen werden möchte.
    Liebe Grüße

  • Reply Eva 6. Juni 2018 at 17:32

    guter Gedanke.
    Wir sind auch immer wieder bei diesem Thema.
    Ich bei mir. Und mit den Kindern.
    Wie ist aggression ok. Wo, Wann, Warum?
    Ich versuche momentan die Kinder zu begleiten und aber auch irgedwohin zu nehmen, wo nicht wichtigs kaputt geht.
    Rasen ausreissen und rumschmeissen finde ich ok. Aber die Bücher zu zerreissen nicht.
    In der Küche auf dem Stuhl zu toben ist mir lieber, wie mit dem Geschirr.
    Ich gehe zu den KIndern und mit ihnen dann wohin es gerade passt.
    Geht im Moment gut.
    Doch die Aussage, im Nachhinein: Au nein, ich war so blöd. Höre ich leider auch immer wieder.
    Das tut mir mehr weh wie die zugeschlagenen Türen.
    Doch wie ich das ändern kann, weiss ich noch nicht. Ich möchte dass meine Kinder lernen, dass jeder Fehler macht und das ok ist. Egal was.
    Lg Eva

  • Reply Miriam 6. Juni 2018 at 17:46

    Hallöchen!
    Wir haben hier gerade das totale Aggressions-Thema. Ich weiß ja nicht, wie eure Kinder so hauen, aber mein Mini-Mann hat Kraft und Ausdauer. Und ich bin hochschwanger. Ja, es geht hier also auch um den Schutz des Babys, da auch hin und wieder einen Tritt in den Bauch bekomme. Ich habe aufgrund meines Umstandes auch weniger Geduld und mein Körper ist einfach geschwächter, so dass ich empfindlicher bin… Mir tut es schlichtweg weh-und natürlich auch emotional, da kann ich mir die fehlende Impulskontrolle noch so vorsprechen…
    Ja, manche Reaktionen sind egoistisch – denn wir als Eltern mit unseren Schwächen und Bedürfnissen sind eben auch noch da. Ich denke, man kann sehr wohl liebevoll sein und trotzdem klare Grenzen zeigen, wenn es den andren schlichtweg verletzt. Ich finde Dialog, Austausch und Authentizität in seinen Emotionen, auch wenn sie mal nicht so zurecht gekämmt und ultrasuperdurchdacht sind nich viel wichtiger. Denn so ist das Leben – wir machen Fehler, wir reagieren über/falsch, wir verletzen sogar, wir entschuldigen uns, wir lernen und wir lieben uns – immer, mit allen Gefühlen-auch die von Mama und Papa. Die sind nämlich ganz eng mit den der Kleinen verwoben.

  • Reply Anja 7. Juni 2018 at 6:38

    Oh ja. Regelmäßig mein Thema. Nicht nur weil ich, wie so oft, uneingeschränkt deiner Meinung bin. Sonder aktuell auch, weil es nicht mehr nur um mich geht.
    Es war für mich selbst nie problematisch einfach aus zu halten, zu begleiten, umzulenken. Und dann kam die Schwangerschaft. Ich verurteile. Noch immer nicht wie mein Sohn handelt, aber ich habe Angst dass ein Tritt in den Bauch mal dem Baby schadet und da finde ich mich oft dann doch in der Situation wieder, dass ich nein sage. Nicht mal nein wegen mir, sondern nein sei vorsichtig da ist doch das Baby drin. Trotzdem genau die Reaktion die keinem von uns letztlich weiter hilft. Aber sie ist so tief drin… ich arbeite dran, denn potenziell wird genau da Problem auch nach der Entbindung noch bleiben .

  • Reply Littlejohnssewingmom 7. Juni 2018 at 16:13

    Ich bin bei dir aber dennoch in der Zereißprobe. Wir haben wegen „Neuverdrahtung“ beim kleinen Mann gerade wieder viel Geschrei bei Kleinigkeiten. Und das Werfen von Graß, Steinen und Kies. Gerade die letzten beiden sind problematisch. Die mit Kies dekorierte Motorhaube des Nachbarn und die über den Zaun geworfenen Steine. Ich sehe darin Frust und Wut. Oft auch die anderer Personen, die der kleine wahrnimmt und wie ein Seismograph sichtbar werden lässt. Aber Ventile finde ich oft nicht in der Situation, sondern erst später. Bin ich selbst gerade müde und erschöpft, kann ich das schlagen von und Treten gegen Türen auch schlecht aushalten. Und noch schlechter dem wütenden Nachbarn erklären oder die väterliche Strafandrohungssalve abwehren.

  • Reply Christine 10. Juni 2018 at 19:05

    Dem Kind klare Grenzen aufzuzeigen finde ich persönlich total in Ordnung. Wie sollen Kinder denn lernen, ihr Verhalten einzuordnen? Kinder brauchen diese klaren Grenzen von Erwachsenen um Sicherheit und Orientierung zu finden.

    Mit freundlichen Grüßen, Chris

  • Reply Simone 11. Juni 2018 at 15:40

    Kann ich nicht unterstützen, diesen Gedanken. Wenn es mir wehtut oder schlicht und einfach stört, dass ich von meinem Kind gehauen werde, dann ist es absolut WICHTIG, dass auch zu kommunizieren. Und damit meine ich keine Manipulation a la „Du machst mich traurig.“, sondern ein völlig authentisches „Das tut mir weh.“ Genauso wichtig ist es, dem Kind zu zeigen, dass man seine Wut sieht und auch, dass es eigentlich nicht hauen möchte, aber nicht anders kann. Das geht aber nicht, indem ich mein Kind anlächle, wenn ich grade (vor Schmerz) heulen möchte. Empathie entwickelt sich eben auch so.

    • Reply Jeannine 7. Juli 2018 at 16:08

      Würdest du dein Kind anlächeln, obwohl dir nicht zum Lachen zumute ist, wäre das auch nicht echt. Entsprechend nein, das kann und darf glaube ich nicht die Lösung sein. Das habe ich aber auch nicht vorgeschlagen.

    • Reply Ilse Schmeller 6. September 2018 at 18:38

      ….ganz im Allgemeinen: JEDES Kind ist anders, benimmt sich anders , hat andere Benehmensweisen,evtl. Hau-Schlag-Zorn-Gründe und jedes Kind muss genau nach seinen Möglichkeiten aber auch nach denen seiner Familie und Freunde behandelt werden.Und: Bestimmte Verhaltensregeln dürfen auch Kinder lernen….:-)Allerdings ohne Gewalt..

      Eines ist meist zu empfehlen: Neigt ein Kind sehr zu körperlichen Zorn-Reaktionen wir Hauen und Schlagen, dann sollten Polsterschlachten, Tobespiele etc. als Lösung versucht werden. Ablenken, abreagieren lassen:wichtig!
      Aber wie gesagt:Es gibt kein “ GENAU SO UND NICHT ANDERS „FÜR ALLE!

  • Reply Jennifer 12. Juni 2018 at 19:06

    Wenn mein Sohn wütend oder traurig oder überfordert ist ect. und mit hauen reagiert dann versuche ich mich hineinzuversetzen und haue
    auf den Boden oder Sofa usw. so kann er meiner Meinung und Hoffnung nach lernen seine Emotionen abzureagieren. Problem ist nur wenn er aus Spaß an der Freude lachend „schlägt“ der Schwangere Bauch ist ein beliebtes Ziel und leider auch mein Gesicht das begründe ich immer noch mit nicht steuerbarer Energie mit seinen 16 Monaten… aber es ist echt super schwer da nicht genervt zu reagieren weil es auch echt schmerzhaft ist….

    • Reply Jeannine 7. Juli 2018 at 16:07

      Ich glaube, du darfst auch mal genervt reagieren. Da immer ruhig zu bleiben, das ist doch nicht möglich, oder? Das wäre denke ich auch nicht „echt“.

  • Reply Jessica S. 12. Juni 2018 at 19:39

    Ich frage mich, ob wir unseren Kindern damit wirklich einen Gefallen tun, wenn wir Ihnen gewisse Grenzen nicht rechtzeitig feedbacken. Natürlich ist es wichtig, dass ich meinem Kind signalisiere, dass ich seine Gefühle und sein „nicht anders Können“ in einer bestimmten Situation verstehe, aber gerade wenn es darum geht, dass auch andere beteiligt sind und dadurch eventuellen Schaden erleiden könnten (wie in den Kommentaren ja auch entsittlich, die Schwangeren unter uns) dann halte ich es für richtig und wichtig, diese Grenzen auch ganz klar dem Kind zu artikulieren. Ich hatte vor einigen Wochen ein frühstück bei einer Freundin, deren Tochter aktuell sehr gerne Ärzrin spielt und ihre Mutter meinte zu ihr, sie solle vorsichtig mit meinem Bauch sein, da sich darin ein Baby befände. Woraufhin die Kleine sehr gezielt und bewusst mit einer Spielzeugspritze ausholt und sie mir mit erstaunlicher Kraft in den Bauch rammt. Da hilft es dann nicht, von „Hinflosigkeit“ etc. zu reden. Nein, das verstehe ich unter gezielter Provukarion und Austestung von Grenzen. Wie gehe ich damit um? Ich hatte deutlich über eine Woche ein schönes Hämatom von der „Spielerei“ des Kindes.

  • Reply Sandra 7. Juli 2018 at 16:04

    So ganz komme ich da auch nicht mit. Ich soll mich also weiter mit blauen Flecken und Kratzern übersähen lassen, mich anspucken und treten lassen, weiter mit blutigen Wunden leben und das alles ohne meiner Tochter gegenüber zu reagieren? 4 Jahre noch? Und dann kommen wir zu der vorhin passierten Situation: in einem Wutanfall mit hauen und treten reißt die sich von meiner Hand los, am Bahnhof… beim einfahrenden Zug. ‚Oh meine kleine, warte ich begleite dich beim vorm Zug springen!!!‘
    Das ist doch völlig unrealistisch!!! In meinem Alltag klappt das so nicht! Vorleben hin oder her… Ich bin damit durch. Funktioniert nicht.

    • Reply Jeannine 7. Juli 2018 at 16:06

      Nein, liebe Sandra, sollst du nicht. Wo liest du diese „Empfehlung“?

  • Reply Stella 9. Juli 2018 at 13:38

    Ich find das ein so schwieriges Thema! Einerseits seh ich deinen Standpunkt total! Es stimmt ja, das Kind hat Not und kann sie nicht ausdrücken. Nur… manchmal dreht sich halt tatsächlich nicht die ganze Welt um eine Person. Ich merk das halt bei meinen Dreien. Da beißt der Kleine den Großen, weil der wieder einmal von seinen Wildseimanderln übermannt trietzt und sich an der Not des Kleinen ergötzt. Ich versteh den Kleinen. Trotzdem hat der große dann eine blutende Wunde und Schmerzen und ja, er IST ”krank”. Oder eingeschränkt, ist vielleicht besser.
    Er hat sich die Stoffwechselstörung im Gehirn nicht ausgesucht und wenn die Wildseimanderln nicht da sind, dann ist er ein sehr sanftes, fürsorgliches Kind und ein wunderbarer großer Bruder. Tja, und dann ist da noch das Baby, das das Geschrei um’s Verrecken nicht verträgt. Der Einfachkeit halber red ich jetzt nicht von meinen Bedürfnissen oder denen der anderen Erwachsenen. Die Reihenfolge ist dann trotzdem: wir versorgen den akuten Schmerz, dann kommt’s Baby, das noch keine Chance hat, zu verstehen (dh Baby kriegt Schnuller und kommt auf den Arm), dann wird der Kleine in den Arm genommen und ihm gesagt, dass ich gesehen hab, was ihm passiert ist. Dann wird gesagt, dass Wehtun trotzdem keine Lösung ist und wir uns eine andere überlegen müssen. Und dann kommen die Gespräche mit dem Großen, um rauszukriegen, warum er den Kleinen gern quälen mag.

    Niemand ist da auf seine Kosten gekommen. Kein Bedürfnis wurde wirklich gesehen und befriedigt. Der akut Leidende war eigentlich der Kleine. Nur geht der akute Schmerz (für mich) vor. Und das ist dann das, wo ich mit dir nicht d’accord geh, weil mir wehgetan wird, wenn ich gehaut werd. Und dieses Bedürfnis ist vorrangig. Also für mich.

  • Reply Essbee 9. Juli 2018 at 19:57

    Ich finde den Ansatz sehr sehr gut. Ich habe drei Kinder und meine Jüngste ist vier und tatsächlich total schnell laut, agressiv und anstrengend. Und so wie ich mir dann leid tue, weil es einfach mir in den Ohren oder auch körperlich weh tut, sehe ich durchaus, dass meine Kleine nicht anders kann. Ich kann sie da nur lenken, stärken, ruhig bleiben und ihr zeigen, dass es nichts ändert. Die Situation bleibt die selbe. Nur sie ist furchtbar aufgelöst und alle Blicke ruhen auf ihr. Also sehr schlimm fürn sie. Es klappt bei weitem nicht immer, ruhig zu bleiben. Aber wir sind emotional weiter und stärker. Das sage ich mir dann zumindest immer. Ausserdem habe ich mich selber für drei Kinder entschieden, sie sollen mein Stresslevel nicht ausbaden.

  • Reply Susanne 25. Juli 2018 at 7:59

    Danke für den Artikel. Er spricht mir aus der Seele und ich freue mich auch noch Anregungen bekommen. Denn tatsächlich mache ich meinem Sohn unabsichtlich im Nachhinein ein schlechtes Gewissen. Schön auch die Antworten die du gegeben hast (habe leider nicht alles gelesen). Ein Glück kann ich mich nicht entsinnen das mein ältester mich je gehauen oder getreten hat als ich schwanger war. Aber da war er auch noch keine zwei. Wenn er jetzt seinem kleinen Bruder weh tut weil ihm was nicht passt und er sich irgendwo abreagieren will, reagiere ich auch nicht immer wie ich es mir wünschen würde. Da erkläre ich ihm dann warum ich so überreagiert habe und bin eben authentisch. Aber normalerweise klappt es gut seine Emotionen anzunehmen und natürlich heisst das nicht das man sich verprügeln lassen muss.
    Aber wie wichtig das vorleben ist merkt man spätestens wenn man doch mal vor den Kindern ausrastet. Und ja, das bin ich schon mal. Denn dann sehe ich genau mein Verhalten in meinem Kind. Gut vorleben geht vielleicht nicht so schnell wie schlechtes Beispiel sein. Aber es Funktioniert.

  • Reply Julia 26. Juli 2018 at 10:59

    Wenn meine Tochter ihren Bruder haut, weil er ihr wieder etwas wegnimmt, reagiere ich erst mit Verständnis und einem Vorschlag „oh, jetzt bistbdu wütend! Komm, wir stampfen jetzt mal ganz fest auf!“. Seitdem wurde das hauen weniger, das stampfen mehr.
    Allerdings muss ich sagen, dass sie nicht wie eine irrr zuschlägt. Wenn mein kind mich so fest schlagen würde, dass ich mir Sorgen um mein ungeborenes machen müsste, sie ihrem bruder ernsthaft weh tun würde oder einem anderen kind schaden würde, dann würde ich auch mit einem klaren „nein“ reagieren. Denn da finde ich, müssen grenzen gesetzt sein.

  • Reply Judy 7. August 2018 at 20:49

    Ich bin der Meinung,dass wenn man, um das mal allgemein zu halten, Menschen,und somit auch Kindern erlaubt seinen verständlichen und nachvollziehbaren Ärger in Form von Gewalt zu äußern, man egoistische Menschen hervorbringt. Denn so werden die Grenzen der betroffenen Person überschritten und das ist in keinster Weise ok. Ja, man kann Wut haben und auch mal aggressiv sein. Es geht nicht darum Emotionen zu unterdrücken oder diese zu werten, sondern darum, diese anders auszudrücken. Ich bin der Meinung, dass wir als Eltern die Verantwortung haben unseren Kindern beizubringen, dies auf eine gute Art und Weise zu äußern. Wie soll es als heranwachsendes Kind oder sogar als erwachsener Mensch dann mit Aggression umgehen? Spätestens dann wird keiner mehr Verständnis dafür haben. Aber wenn es mir nicht beigebracht wurde ,dass es nicht richtig ist… Ich persönlich halte es für sehr wichtig Kindern Grenzen zu setzen, spätestens wenn es die Grenzen eines anderen überschreitet. Wir leben nunmal In einer Gesellschaft, in der es viele Grenzen gibt. Ist es dann nicht wichtig unseren Kindern beizubringen diese zu respektieren und nicht nur nach seinen Gefühlen zu handeln? Ich halte es für einen starken Ausdruck von Liebe, wenn man sein Kind so erzieht und begleitet, dass es später gut in der Gesellschaft zurecht kommt. Und dafür muss es lernen nicht nur auf seine Bedürfnisse zu schauen, sondern auch auf die, auf die sich ihr Verhalten auswirkt.

  • Reply Steinmädchen 14. August 2018 at 7:53

    Mit diesen Gedanken schlage ich mich auch rum (sehr passende Formulierung an der Stelle) …
    grundsätzlich denke ich, dass alles was extrem ist, nicht gut sein kann und dementsprechend auch nicht nur das Eine oder das Andere richtig sein kann! Zum einen … wenn ich meine eigenen Gefühle stets unterdrücke, also Enttäuschung, Wut, Verzweiflung, schmerzhaftes Empfinden „weg mache“ damit es nicht um mich, sondern um mein Kind geht, was genau lebe ich dann vor?! Nicht genau dass, was ich durch das verbinden und begleiten gerade nicht will?
    Dann frage ich mich wie sich Empathievermögen entwickeln soll, wenn mein Kind nicht erfährt was in Anderen vorgeht wenn es tut was es tut?! Dann geht es auch darum den eigenen Körper kennenzulernen „Au dein Ellbogen ist ganz spitz, wenn du dich damit auf meinen Bauch stützt tut mir das weh“ und die Dosierung von Berührungen unterscheiden zu lernen, was ist fest, was ist sanft, kann mein Kind Berührungen dosieren? Hat es überhaupt die gleiche Empfindung wie ich? (Taktile Wahrnehmung!!)
    Gleichzeitig möchte ich natürlich nicht, dass mein Kind traurig ist und sich schlecht fühlt weil es aus einem Impuls geleitet etwas getan hat, was letztendlich natürlich garnicht in seiner Absicht lag!
    Zudem kommt es auf das Alter des Kindes, die jeweilige Situation und das Ausmaß an.
    Meiner Meinung nach geht es in jedem Fall darum die eigenen Gefühle wahrnehmen zu lernen, sie benennen zu lernen und einen Weg kennenzulernen mit ihnen umzugehen ohne dass jemand verletzt wird! Und das heißt eben auch die Bedürfnisse anderer wahrnehmen zu lernen denn wir sind soziale Wesen und es wird unser gesamtes Leben und auch das unserer Kinder um soziale Interaktionen gehen, sich abzugrenzen, auf sich acht zu geben und auch auf andere.
    Diesen Lern- und Entwicklungsprozess von Kindern zu begleiten und eine gute Balance zu finden ist wohl eine der größten Herausforderungen, denen wir als Eltern begegnen!

  • Reply Kerstin 29. August 2018 at 6:26

    Gewalt ist keine Option. Alles andere ist für mich eine Ausrede, welche versucht Gewalt zu rechtfertigen. Keiner will, dass sein Kind von anderen Kinder geschlagen wird, auch wenn sein eigenes ebenfalls schlägt. Meines Erachtens sollte nicht jeder Gedankendunst unreflektiert in die Welt getragen werden.

  • Reply Steffi 14. September 2018 at 7:44

    Sehr schöne Gedanken zum Thema! Finde auch, dass man mit den Gefühlen des Kindes verständnisvoll umgehen und an der Seite des Kindes sein sollte. Was ich mir hierbei an Beachtung noch gewünscht hätte, sind Ideen für Lösungsansätze, vor allem die von der Aggression betroffene (geschlagene) Personen zu schützen. Denn jemanden verletzen ist nicht ok. Sich hauptsächlich als Begleiter zu sehen, finde ich auch sehr treffend und gut beschrieben. Das Hinterfragen des Verhaltens halte ich persönlich für essentiell, um die Herkunft der Gefühle und Taten nicht nur zu achten sondern aktiv einordnen zu können und dann bewusst mit dem Kind handlungsfähig zu werden: „Warum bist du denn so wütend? Was brauchst du? Was denkst du, wie fühlt sich nun das andere Kind?“ …

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