Wir sitzen in ihrem Zimmer, sie auf meinem Schoß, und verteilen die Puzzleteile auf dem Boden. Ich nehme das Teil mit dem Faultier darauf in meine Hand: „Ah, da ist ja das Faultier. Hmmm, siehst du, wo es sich versteckt hat? Ich kann es nicht finden!“ Konzentriert huscht ihr Blick von Puzzleteil zu Puzzleteil, verweilt auf dem einen länger, auf dem nächsten kürzer, bis der kleine Zeigefinger schließlich aufgeregt auf das Teil links oben zeigt. Ein Faultier hängt zwischen den braunen Lianen im Urwald. „Da!“, sagt sie laut und klatscht. „Hah, da ist das Faultier, du hast es gefunden!“, sage ich mit verstellen Stimme. „Ich glaube, ich schaff das nicht alleine.“, lässt die Kasperlhandpuppe meine Tochter wissen, die daraufhin geschickt übernimmt und die Teile zusammensteckt. Sie lächelt. Ein Mini-Puzzle von ingesamt 12 ist fertig.

Das Teil mit der Raupe

Früher oder später kommen wir zu den beiden Puzzleteilen mit der Raupe drauf. Eine kleine grüne Raupe, die frech aus einem Apfel hervorlugt.

Daran führt kein Weg vorbei.

Wenn ich das eine Raupen-Puzzleteil nehme und sage: „Schau mal, da ist eine Raupe.“, dann passiert nicht dasselbe wie bei Faultier, Lama, Biene und Co. Nein, wenn Mama die Raupe hochnimmt, läuft Mini hurtig zum Regal in unserem Wohnzimmer und zeigt mit der Hand nach oben: „Hah, da! Da! Mama!“, quietscht sie. Ich seufze und sage: „Ja, genau, da war die kleine Raupe.“, woraufhin Mini wieder zu mir kommt. Wir widmen uns dem Spiel, aber wenn ich frage: „Schau mal, ich kann die Raupe nicht finden. Wo ist denn die Raupe, weißt du das?“, springt sie erneut auf.

Sie läuft zum Mistkübel in der Küche und sagt wieder: „Da!“

Das ist leider nicht seltsam.

Das ist leider das Ergebnis eines mega „Parenting-Fails“.

Unser grünes Haustier

Eine kurze Geschichte kurz: Wir versorgten über 1,5 Monate eine Raupe im Einmachglas, die schlussendlich starb und von mir samt Glas in den Mistkübel geworfen wurde. Mini hat’s gesehen. Kurzschluss ganz einfach, ich hab nicht mitgedacht.

Ausführlicher? Bitteschön, eine Story aus der Reihe „Die Raupe, die kein Schmetterling wurde“:

Am 23.12.2015 fiel eine kleine Raupe vom Weihnachtsbaum, als wir ihn aufstellten. Mini fand das ganz toll und weil’s draußen kalt war beschlossen wir, die kleine Raupe im Einmachglas zu verköstigen in der Hoffnung, sie würde sich bald verpuppen und zu einem Schmetterling werden. Gesagt, getan. Und so bekam die Raupe von mir von diesem Tag an alle zwei Tage was Frisches zu essen. Ab und zu versuchte ich auch, das Einmachglas zu reinigen, da sie eine beneidenswerte Verdauung hatte und viel Appetit. Mini pflückte Klee, riss Basilikumblätter für die Raupe ab und gab ihr ab und an auch mal ein Salatblatt. Das fand Mini natürlich irrsinnig aufregend und freute sich, wenn die Raupe genüsslich schlemmte und wir sie dabei beobachten konnten.

Die Wochen vergingen, die Raupe aß und wuchs und kackte und wuchs. Aber sie verpuppte sich nicht. Nach etwas mehr als einem Monat war die Raupe riesig. Wir fuhren über vier Tage nach Tirol. In der Zeit wurde die Raupe von meiner Mama versorgt. Ja, sie war mittlerweile einfach immer da und ich hatte mich schnell dran gewöhnt, mich um sie zu kümmern. Auch wenn ich nicht viel mehr mit ihr zu tun hatte, als ab und an mal was Grünes ins Glas zu stecken.

Dann, kurz nach unserer Heimkehr, erschien die Raupe irgendwie kleiner. Sie bewegte sich nicht mehr. Ich dachte erst, dass sie vielleicht gerade schlief und wartete mal einen Tag ab. Am nächsten Tag hatte sie ihr Köpfchen etwas aufgestellt, wirkte noch kleiner. Ich dachte: Entweder sie verpuppt sich jetzt, oder die Leichenstarre hat eingesetzt. „Mama?“, fragte meine Tochter und deutete auf’s Glas. Ich erklärte ihr, dass die Raupe sich vermutlich bald verpuppen würde. Und hoffte. Noch ein Tag verging. Sie lag noch immer da. Ja, ok, das kam mir schon komisch vor und irgendwie wusste ich, dass es sich wohl ausgeraupt hatte, aber: Vielleicht tut sich doch noch was.

Es hat sich ausgeraupt

Am vierten Tag, ich hatte Mini grad am Arm, guckte ich einmal mehr ins Glas um zu sehen, ob sich irgendetwas getan hatte und sah, wie die kleine Raupe in ihrer eigenen Soße lag. Wah, ich weiß, das ist grausig. Und genau so empfand ich es auch. Ich war enttäuscht, weil ich’s nicht geschafft hatte, meiner Tochter zu zeigen, welch schöner Schmetterling/Nachtfalter/Wasauchimmer diese kleine Raupe dank unserer Pflege geworden war. Der Beweis dafür, dass sie wohl endgültig tot war, machte mich – zugegeben – ein bisschen traurig.

Dann folgte der Kurzschluss. In der Hoffnung, dass die Kleine den Matsch nicht gesehen hatte, warf ich das Einmachglas schnell in den Mistkübel.

Mini sah natürlich, was Mama da mit dem Zuhause der Raupe macht, aber daran dachte ich nicht.

Wenige Sekunden später dämmerte es mir dann, als die Kleine mich fragend ansah. „Hm?“, sagte sie und zuckte mit den Schultern.

Ah! Äh… Achso. Was sag ich denn jetzt?

Der Klassiker: Die Notlüge

„Schatz, stell dir vor, die Raupe ist weggelaufen! Die war da nicht mehr drinnen, das Glas war leer!“

Ich weiß nicht, ob sie’s mir in dem Moment glaubte und natürlich auch nicht, ob sie’s verstand. Wir unterhalten uns nicht oft darüber, ob oder dass jemand „wegläuft“. Sie kannte das Wort deshalb vielleicht noch nicht.

Natürlich hätte ich in dem Moment auch sagen können, dass die Raupe tot ist. Vermutlich hätte sie sich darunter noch weniger vorstellen können und gerade in Zusammenhang mit dem Mistkübel erschien mir das nicht sinnvoll. Mit dem Glas im Abfalleimer an den Tod herangeführt zu werden, ist vermutlich nicht ideal. Wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob es eine „ideale“ Weise gibt, das Thema zu beleuchten. Wahrscheinlich ist es für die ganze Thematik auch noch zu früh. Oder nicht? Ich weiß nicht.

Wie dem auch sei.

Ich find’s auf jeden Fall doof, die Mama zu sein, die die Raupe in den Mistkübel geworfen hat.

Gleichzeitig kann ich nur immer wieder darüber staunen, was und wie lange sowohl große, als auch ganz kleine Dinge im Bewusstsein unserer Kinder verweilen. Wir können als Eltern gar nicht vorsichtig und bedacht genug sein.

Das stresst ganz schön, meint ihr nicht?


Lasst mich nach diesem Outing bitte nicht hängen.

Sagt mir, dass euch sowas auch schonmal passiert ist. Bitte!

PS: Momentan spielen wir beinah täglich mit dem Puzzle.

PPS: Ich geb’s ja zu, ein bisschen witzig finde ich’s schon, wenn sie zum Mistkübel läuft. Aber nur ganz kurz, bevor mich wieder das schlechte Gewissen packt. ;)

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