Weder meine Tochter noch ich hatten es eilig mit dem Abstillen. Die Situation passte für uns. Es störte mich nicht, jede Nacht neben ihr zu liegen und sie stillend in den Schlaf zu begleiten – im Gegenteil, ich genoss es sehr. Auch hatte ich nicht das Bedürfnis, spät abends noch ins Kino zu gehen oder um die Häuser zu ziehen. Mir war bewusst, wie schnell diese wertvolle Zeit vergeht und wie kurz sie sich rückblickend wohl anfühlen würde.

Dann rückte die Hochzeit einer guten Freundin immer näher. Sie sagte mir, wie sehr sie sich auf diesen Tag freue und darauf, dass wir auch gemeinsam ausgiebig feiern würden. Bis in die Morgenstunden. Etwas, das mit einem Kind, das von mir in den Schlaf begleitet werden möchte und mich nachts braucht, nicht möglich ist.

Wer will hier eigentlich abstillen?

Seit der Geburt meiner Tochter hatte ich mich bereits mehrmals verunsichern lassen. Nach kritischen Kommentaren oder Aussagen wie „Jetzt wird’s dann aber schon Zeit, abzustillen.“ erwischte ich mich immer öfter dabei, übers Abstillen nachzudenken, obwohl es nicht aus meinem eigenen Bedürfnis heraus geschehen würde. Es waren Einflüsse von außen, Wortspenden völlig unbeteiligter Dritter, die meinten, ihre Meinung beisteuern zu müssen. Weder meine Tochter, noch ich selbst verspürten bis dahin den Wunsch, unsere Stillbeziehung zu beenden.

Ich wusste: Ich stille mein Kind nicht ungewöhnlich lange. Ich kenne die Empfehlungen der WHO, die Stillen bis zum zweiten Lebensjahr und darüber hinaus empfiehlt, sofern Mutter und Kind das wünschen. Und nein, diese Empfehlung bezieht sich nicht auf Dritte-Welt-Länder mit schlechter Gesundheitsversorgung. Die gesundheitlichen Vorteile von Muttermilch sind international dieselben – Landesgrenzen sind hier, wie so oft, irrelevant. Trotzdem ließen mich die unerbetenen (und großteils auch uninformierten) Meinungen anderer nicht kalt.

Ich dachte an den Wunsch meiner Freundin und daran, wie auch andere Freundschaften sich seit der Geburt meiner Tochter verändert hatten. Dann beschloss ich, dass die zwei Monate, die ich noch bis zur Hochzeit hatte, wohl die ideale Gelegenheit wären, mein Kind abzustillen.

Sanftes Abstillen nach Gordon?

Bereits Monate zuvor war ich während meiner Streifzüge durchs Internet über Gordons sanfte Abstill- bzw. Einschlafmethode gestolpert. Sie ist eine Art Leitfaden, mit dem es gelingen soll, das mindestens 12 Monate alte Kind nachts sanft abzustillen. Das primäre Ziel hier ist besserer Babyschlaf. Natürlich bedeutet es auch neu gewonnene Freiheit für Mama, wenn das Kind ohne sie (aber dennoch liebevoll begleitet) in den Schlaf findet.

Die Anleitung startet damit, dass das Kind zunächst einmal lernen muss, ohne Brust einzuschlafen. Wie im Text beschrieben versuchte ich – nachdem ich mit meiner Tochter tagsüber über mein Vorhaben gesprochen hatte – ihr ganz knapp vorm Einschlafen die Brust „wegzunehmen“. Das allerletzte Stückchen ins Land der Träume sollte sie ohne schaffen. Das führte zunächst zu massivem, lauten Protest. Sie weinte. Also bekam sie wieder die Brust, bis sie abermals ganz kurz vorm Einschlafen war, ich nahm sie ihr wieder weg, und so weiter und so fort. Ich wiederholte die Übung, bis ich dann endlich den richtigen Zeitpunkt erwischte und sie von selbst einschlief.

Ein Schritt vor, zwei zurück

Über die darauffolgenden Tage tastete ich mich Schritt für Schritt voran. In Minischritten. Ein oder zwei Mal schlief meine Tochter, nachdem sie zuvor gestillt hatte, beim Lesen, Singen oder Geschichtenerzählen von selbst ein. Das war, nachdem ich bereits mehr als zwei Stunden mit ihr im Schlafzimmer verbracht hatte.

In dieser Zeit kam es auch mehrmals vor, dass sie wieder gänzlich wach wurde. Um 3 oder 4 Uhr Morgens würden wir also in ihrem Zimmer spielen (oder fernsehen, wenn ich komplett am Rad drehte), bis sie wieder müde wurde.

Abgesehen davon wurde sie nachts genauso oft wach, wie wenn sie sich in den Schlaf stillen durfte. Dieses „Spiel“ dann mitten in der Nacht nochmal zu spielen und hier in Kauf zu nehmen, dass sie weinen, protestieren, sich ärgern oder kränken würde, kam für mich – nachdem wir es kurz ausprobiert hatten – nicht in Frage. Außerdem war ich schlicht zu müde, um jedes Mal wach abzuwarten, bis es wieder „an der Zeit wäre“. So schlief sie nachts dann doch oft an der Brust weiter.

Mir ist klar, dass das vermutlich der Punkt wäre, bei dem man es dann einfach durchziehen und konsequent sein müsste. Das ging für mich nicht. Hiergegen sträubte sich alles in mir, sowohl im Hinblick auf die Bedürfnisse meines Kindes als auch beim Gedanken an meinen eigenen, so dringend benötigten Schlaf.

Ich war geschlaucht und erschöpft. Sie war genervt und verunsichert.

Mama erschöpft, Kind frustriert

Nach knapp zwei Wochen, an einem Abend, an dem wir ihr Lieblingsbuch bereits zwei mal durchgelesen hatten und sie immer noch nicht eingeschlafen war, dachte ich: „Scheiß drauf. Das klappt nicht. Und ist nur mühsam. Für sie und für mich.“

Kind angekuschelt, ran an die Brust, nicht mehr den „richtigen“ Moment zum Wegnehmen abgewartet und zack! Sie schlief nach nicht einmal zehn Minuten friedlich ein. So, wie sie es fast immer tat, wenn ich einfach das zuließ, was für uns beide gut und richtig war.

Was willst DU?

Klar war mir der Wunsch meiner Freundin wichtig. Aber eben nicht so wichtig wie diese einzigartige Beziehung, diese kurze, besondere Zeit mit meiner Tochter. Ich hatte das Wichtigste vergessen: Es war nicht mein ehrlicher Wunsch, nicht mein eigenes Bedürfnis, die Stillbeziehung zu meiner Tochter zu beenden.

Es wäre „praktisch“ gewesen und sicher ein ganz wunderbarer Abend im Spätsommer, aber meine Prioritäten lagen woanders. An erster Stelle kam und kommt, wie immer, sie. Und ich würde ihr nichts nehmen wollen, was sie noch nicht bereit war, aufzugeben.

In dieser Zeit dachte ich an Anja und Susanne, die mir mehr als ein Jahr zuvor in Berlin einstimmig gesagt hatten: „Wenn du dein Kind wirklich nicht mehr stillen möchtest, merkt es das. Dann kann das Abstillen funktionieren.“

Zurück zu uns, die Welt spielt keine Rolle.

Für mich bleiben also zwei Gewissheiten:

Abstillen ist möglich, wenn die Mutter das selbst möchte. Es wird nicht funktionieren, wenn man nach Meinung Dritter doch bitte „sollte“, „müsste“ oder jemandem einen Gefallen tun will, aber selbst nicht dazu bereit ist.

Wirklich sanftes Abstillen ist vermutlich nur dann möglich, wenn das Kind selbst entscheiden darf. Es gibt keinen sanfteren Weg, die gemeinsame Stillbeziehung zu beenden, als die Entscheidung voll und ganz dem Kind zu überlassen.

Das ist unser Weg.

Und wisst ihr, was das Schöne ist? Es geht niemanden etwas an.

Nachtrag: Ein paar Mamis wollten wissen, ob wir dennoch gefeiert haben und wie alt meine Tochter zu dem Zeitpunkt war. Wir hatten einen ganz wunderbaren Tag und Abend, und blieben gemeinsam bis knapp vor Mitternacht. Sogar die Tanzfläche haben wir unsicher gemacht und meine Freundinnen haben sich gefreut, dass wir „so lange“ dabei waren. Meine Tochter war da 26 Monate alt.


Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ich freu mich auf eure Meinung und Erlebnisse!

Mehr zum Stillen auf Mini and Me:

Zum Abstillen auf anderen Blogs:

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