Vor ein paar Wochen kam eine Online Marketing Agentur im Auftrag eines großen Herstellers für Babynahrung auf mich zu. Sie seien auf der Suche nach Familien für ein Videoprojekt: Mit einer speziellen Kamera solle ich Momente des Familienalltags festhalten, also aufwachen, essen, spielen, rausgehen, schlafengehen, etc. Ich sollte kurze Episoden aus unserem Alltag erzählen und schildern, welche Erfahrungen wir vor allem in Bezug auf die Gesundheit des Babys gemacht haben. Die gefilmten Szenen würden für mich zusammengeschnitten, damit ich das Video auf meinem Blog verwenden könnte. Der Auftraggeber würde es auch verwenden. Im Internet würden die fertigen Videos einiger Familien über diverse Kanäle verbreitet, damit jedes eine möglichst große Reichweite generiere. Ziel war es, die Videos „viral“ gehen zu lassen. Die Bezahlung war ein bunter Mix aus ein wenig Geld, Gutscheinen und Produkten.

Ich war skeptisch und fragte Minis Papa um seine Meinung. Zunächst beantwortete ich die Mail mit einigen Gegenfragen, zum Beispiel zu den Verwertungsrechten des Videos. Letzten Endes entschied ich mich trotz meiner permanent hochgezogenen Augenbraue dafür, der Sache eine Chance zu geben. Dafür sprachen vier Dinge: der riesengroße Babynahrungshersteller als Auftraggeber und die Chance auf weitere Zusammenarbeit, die Connections zur großen Online Marketing Agentur, ein vielleicht ganz nettes Video als Erinnerung an Minis Kleinstkindzeit und die Tatsache, dass ich meinen Blog im Video namentlich vorstellen würde dürfen.

Ein paar Tage und ein persönliches Briefing später hatten wir sie also daheim, diese seltsame Spezialkamera recht dürftiger Qualität, mit der ich filmen sollte. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten erhielten wir auch die ersten wirklich netten Aufnahmen.

Mit Leitfaden und Gebrauchsanweisung verinnerlicht, lief ich unserer kleinen Tochter also durch die Wohnung hinterher, während sie sich heiter japsend ihren Weg bahnte. Ich weckte sie mit dem Ding auf meinem Kopf aus ihrem Mittagsschlaf und filmte, wie ihre kleine Hand mir müde winkte. Ich nahm das Gerät mit zum Ankleiden und hielt die unglaublich kreative Geschichte fest, die ich unserer Kleinen erzählte, um sie vom Pullover Überziehen abzulenken. Die Kamera war dabei, als Papa und Mini in der Küche ein Buch lasen und auch, als sie über das immer selbe Geräusch zigmal herzhaft lachte.

Dann schloss ich die Kamera an den Laptop an und sichtete die entstandenen Aufnahmen. Sie waren wundervoll, schlechte Qualität hin oder her. Sie waren so nah dran, so echt.

Sie waren wir, privat.

Zu privat.

Es ist die eine Sache, Fotos von einem Editorial-Shooting in einen Artikel einzuflechten und kleine, penibel kontrollierte Einblicke in unseren Alltag als Familie auf Instagram und Co. zu gewähren.

Es ist eine ganz andere Sache, die wildfremde Masse an Menschen, die das Internet bevölkert, unkontrolliert, pur und ohne Einschränkungen mit in unsere Wohnung zu nehmen. Gefilmt mit den Augen der Mama; aus einem Blickwinkel, der liebevoll und gleichbedeutend mit Schutz und Geborgenheit sein sollte.

„Das kann ich nicht, das geht nicht.“, dachte ich mir.

„Ich muss von der Kooperation zurücktreten, Schatz!“, lies ich Minis Papa kurz darauf per Telefon wissen. „Das ist zu intim. Ich will nicht, dass solche privaten Aufnahmen veröffentlicht werden. Das ist anders als das, was ich sonst mache und es geht mir zu weit.“

Ich brauche Abgabefristen, sonst bekomme ich nichts erledigt. Und wie meistens, hatte ich mir auch bei diesem Projekt bis zum letzten Tag zeitgelassen. E-Mail wollte ich keine schreiben, das erschien mir angesichts des Zeitfaktors und der ursprünglichen Zusage zur Teilnahme am Projekt nicht angebracht. Ich rief also meine Ansprechperson bei der Online Marketing Agentur an.

Anrufbeantworter.

„Es tut mir leid, aber ich muss von unserer Kooperation zurücktreten. Ich bin mir sicher, dass das Projekt funktionieren wird, wie ihr es euch vorstellt, denn die Aufnahmen sind so nah dran, wie ihr es euch gewünscht habt. Ich als Mutter muss jedoch an uns denken, an mein Kind. Und ich finde das nicht gut. So ungefiltert und intim möchte ich weder mein Kind noch uns als Familie darstellen.“ Ein paar Stunden später schafften wir das Telefonat. Ich trat von der Kooperation sehr zum Leid meines Ansprechpartners zurück. Der stand nun dem Auftraggeber gegenüber freilich unter Zugzwang.

Unternehmerisch gesehen verstand ich das komplett, als Mutter war es mir herzlich egal.

Ich packte die Kamera in ein Paket und schickte sie zurück zur Agentur. Ich versicherte auf Verlangen des Auftraggebers schriftlich, die bisher entstandenen Aufnahmen nicht für meinen Blog zu nutzen. Seither habe ich weder vom Auftraggeber, noch von der Agentur gelesen. Verständlich.

Dieses Erlebnis hat mir ganz klar vor Augen geführt, wie bewusst ich Inhalte teile. Es hat mir gezeigt, dass ich mir meinen mütterlichen Kopf nicht umsonst zerbreche, wenn ich penibel abwäge, welche Fotos online sein dürfen und welche nicht.

Es hat mir verdeutlicht, wie heilig mir unsere Privatsphäre ist.

Ich bin mir sicher, dass die fertigen Videos der teilnehmenden Familien nett werden. Ich freue mich für jede Bloggerin, die durch die Teilnahme an dem Projekt eine bewegtbildliche Erinnerung an diese kostbare Zeit und viele neue Besucherinnen am Blog erhält.

Von unserer Familie wird es ein solches Video nicht geben.

Darüber freue ich mich am meisten.


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