veröffentlicht am 2. April 2017

Situationen, in denen wir unseren Kleinkindern nichts recht machen können, gibt es viele. In solchen Momenten spüren wir manchmal eine Distanz, die da vorher nicht war. Sie belastet uns und fühlt sich fremd an. Wir Eltern sind für die Qualität unserer Beziehung verantwortlich, nicht das Kind. Aber der Anspruch, jeden Wunsch erfüllen zu können, ist illusorisch. 

„Mama, siehst du mich wirklich?“

Meine Tochter und ich sitzen im Auto. Wir warten seit etwa fünf Minuten auf Oma, die gleich von ihrem Termin zurückkommt. Vorne sitze ich, meine Tochter hinten in ihrem Kindersitz. Sie wollte nicht, dass ich mich zu ihr setze. Ich checke meine Mails am Handy. Eigentlich war Mini gerade noch am Spielen, deshalb dachte ich, das wäre eine gute Gelegenheit.

Da höre ich ein leises „Oma, Oma!“

Ich schaue nach vorne, an die Hausecke, um die Oma eben verschwunden ist. Nichts zu sehen. Über den Rückspiegel sehe ich meine Tochter an und sage: „Oma ist gleich wieder da, mein Schatz.“ Sie guckt unglücklich auf das kleine Büchlein vor sich. „Omaaa…“, maunzt sie, wesentlich verstimmter. Ich füge hinzu: „Sie ist doch gerade erst zum Termin gegangen, wir warten erst ein paar Minuten. Es dauert sicher nicht lange, bis sie wieder kommt.“

Darauf sie: „OHJA! Oma!“

Ihr Ärger über eine Sache, die mit uns beiden nichts zu tun hatte, wurde plötzlich unser Konflikt.

Ein Richtungswechsel: Vom Besinnen und Begleiten

Ich merke, dass da gerade nichts Verbindendes zwischen uns ist, dass ich sie mit meinen Aussagen so gar nicht in ihrer Wirklichkeit abhole. Das muss anders.

Ich drehe mich um zu ihr: „Puh, die Oma braucht ganz schön lange, gell?“ Sofort hebt sie den Kopf und sieht mich mit großen, traurigen Augen an. „Ja“, murmelt sie leise. „Du findest es doof, dass wir so lange warten müssen“, fahre ich fort. Sie nickt und zieht die Mundwinkel jetzt noch weiter nach unten, aber sie hält den Blickkontakt zu mir. Als würde sie darauf warten, was ich als nächstes sage.

Ich versuche, ihre Realität zu beschreiben. Es klappt anscheinend, also mach ich weiter: „Das verstehe ich, ich warte auch nicht gerne. Und Oma ist jetzt schon lang weg.“ Nun kullern bei meiner Tochter die Tränen: „Ja!“

Ich sage nichts, bleibe ihr aber liebevoll zugewandt und aufmerksam.

Nach dem Sturm: Wenn Gefühle ihren Platz hatten

Beim nächsten Satz, den ich kurz darauf sagen möchte, verhasple ich mich. Ich muss lachen, meine Tochter auch. Herzlich. Der Kummer ist vorüber. Er war da, durfte bleiben und ging von selbst, als er erlebt worden war.

Ich frage, was wir mit der restlichen Wartezeit anfangen wollen. „Sollen wir mal aussteigen?“, schlage ich vor. Der Vorschlag gefällt. Als ich sie rausnehme und auf meine Hüfte setze, sehen wir nochmal zur Hausecke.

Da kommt Oma.


3 Arten, die Realität unserer Kinder zu negieren

Woran hatte ich mich erinnert? Naomi Aldort beschreibt in ihrem Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“, wie Eltern  die Realität ihrer Kinder in stressigen Situationen oftmals (unbewusst) negieren.

Das passiert immer dann, wenn wir im Grunde sagen: „Du fühlst falsch.“

  1. Negieren: „Oma ist ja noch gar nicht lang weg.“ Solche Sätze helfen ihr weder in ihrer Situation, noch mit ihrem Empfinden weiter. Es stimmt nicht mit ihrer Realität überein. Sage ich ihr, dass Oma ja noch gar nicht lange weg ist, gebe ich ihr das Gefühl, dass etwas mit ihrer Wahrnehmung nicht stimmt. Für sie ist es nämlich lange, mega lange sogar.
  2. Warum fragen: „Och Mäuschen, warum weinst du denn?“ In vielen Situationen erwische ich mich dabei, nach dem „Warum?“ zu fragen. Mein Warum hätte impliziert, dass ich keinen Grund für ihren Kummer sehen kann, während Kinder aber allgemein glauben, der Grund für ihren Ärger oder die Trauer sei ganz offensichtlich.
  3. Ablenken: „Sollen wir ein Buch lesen?“, hätte ich fragen können, wenn meine Tochter unglücklich „Oma?“ sagt. Ich hätte versuchen können, sie abzulenken. Etwas, das Eltern und Großeltern, die sich besonders liebevoll kümmern möchten, erfahrungsgemäß oft tun. Aber Ablenkungen – wie spannend sie auch immer scheinen mögen – erfüllen nicht das wichtige Bedürfnis, sich über Gefühltes bewusst zu sein. Sie geben keinen Raum, Ärger auszudrücken. Im Grunde verlangen sie: „Komm, wir tun so, als hättest du Spaß!“

Dieses Spiel kann man ewig weiterspielen, da das Negieren von Gefühlen nie etwas löst. Im Gegenteil: Meine Tochter könnte dadurch den Eindruck bekommen, ihre Emotionen auch noch verteidigen zu müssen.

Dass das nichts zum Positiven verändert, liegt auf der Hand.

Ablenkungen erfüllen nicht das wichtige Bedürfnis, sich über Gefühltes bewusst zu sein.Click To Tweet
Nicht ändern wollen, sondern wertschätzen

Ich war meiner Tochter also liebevoll zugewandt, aufmerksam und half ihr dabei, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das fühlte sich ehrlich, echt und sehr nahe an. So konnte sie, als der Ärger gelebt worden war, akzeptieren, dass wir wohl noch auf Oma warten müssten.

Verständnis zu zeigen und Kinder samt ihren Gefühlen wertzuschätzen, hat seinen Wert in sich selbst.

Es geht dabei nicht darum, die kindlichen Emotionen irgendwie zu kontrollieren oder das Verhalten zu ändern. Weil dein Kind sich dadurch sicher ist, dass seine Gefühle okay sind und sein dürfen, kann es sogar sein, dass es noch mehr weint oder noch wütender wird.

Das kann für uns Eltern hart sein. Klar, wer möchte das eigene Kind schon weinen sehen? Für mich ist es oft kaum auszuhalten, wenn meine Tochter ihre Frustrationstoleranz trainiert. Da möchte ich mitweinen. Aber es geht nicht um uns Eltern und unser Befinden. Es geht um die Gefühle und das Vertrauen des Kindes in sich selbst, in die eigenen Emotionen und in uns. Wir können einfach nur da sein. Und aushalten.

Es ist nicht an mir, mein Kind sofort wieder glücklich zu machen

Das liebevolle Begleiten und Beschreiben der Realität unserer Kinder will also nichts. Unser Ziel als Eltern ist es nicht, sie zu beruhigen, oder sie auf der Stelle wieder happy und zufrieden zu machen.

Für mich ist das ein wichtiger Punkt, denn er nimmt eine schwere Last von meinen Schultern. Allein der Gedanke daran, dass es nicht an mir ist, etwas am Befinden meiner Tochter zu ändern, entspannt.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unsere Kinder dabei zu begleiten und ihnen Worte zu geben. Wir sollen nicht dramatisieren oder unsere eigenen, subjektiven Empfindungen einbringen.

Es geht darum, die Realität des Kindes zu beschreiben und nicht darum, Auswege anzubieten.

„Äußern Sie Verständnis und Wertschätzung für die Gefühle Ihres Kindes und die Bedürfnisse, die es ausdrückt. Lauschen und Verständnis sind die Zutaten von Liebe. Wenn Ihnen das gelingt, schaffen Sie eine Verbindung zu Ihrem Kind und fühlen sich präsent und sich selbst gegenüber authentisch.“ – Naomi Aldort

Einmal im Bewusstsein ist es einfacher, als gedacht

Zur Zeit, also wenige Monate vor Minis drittem Geburtstag, habe ich täglich jede Menge Möglichkeiten, bei ihr zu sein, wenn sie sich ärgert oder traurig ist.

Ob das nun das gewünschte Eis ist, das wir während der Autofahrt nunmal nicht in der Sekunde beschaffen können. Oder der Türöffner, der schon von Papa betätigt worden ist, weil er nicht wusste, dass unsere Tochter das gerne machen möchte. Oder die Tasse in der falschen Farbe…

„Du hättest dein Eis gern jetzt gleich, richtig?“, kann ich dann sagen, gefolgt von: „Eis schmeckt dir richtig gut. Du möchtest sofort eines essen und nicht warten, bis wir auf dem Heimweg eines holen können.“ Und: „Das versteh ich, ich mag Eis auch gerne.“

Immer tun wir Eltern nichts anderes, als zu beschreiben, was ist. Tatsachen, vollkommen wertfrei. Ich lasse meine Tochter antworten und helfe ihr dabei, Erlebtes einzuordnen.

Antwortet sie, höre ich aktiv zu und vermittle so: Ich sehe dich, ich verstehe dich.

Es fühlt sich einfach richtig an, so mit meiner Tochter zu kommunizieren, wenn sie sich ärgert. Klar lässt sie es nicht immer zu und ärgert sich manchmal darüber, wenn ich überhaupt etwas sage.

Aber dann kann ich einfach still dasitzen.

Und bei ihr sein.

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