Trauer, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl: Impulse für Kinder und Erwachsene (mit Video: Psychologe und Achtsamkeitslehrer Dr. Tobias Glück im Gespräch)

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Wenn ein geliebter Mensch stirbt, kann das Hinterbliebene mitunter völlig orientierungslos zurücklassen. Leben wir mit Kindern zusammen, gilt es auch in so schweren Zeiten, sie einzubeziehen, und gemeinsam weiterzumachen. Aber wie?

Hier erwarten dich ein knapp einstündiges Expertengespräch im Videoformat, sowie ein umfassender Artikel mit vielen konkreten und hilfreichen Impulsen.

Zahlreiche Fragen werden beantwortet und Gedanken geteilt, die dir dabei helfen, deinen Weg durch die Trauer zu finden, während du auch dein Kind an die Hand nehmen und den Weg mit ihm gehen kannst.

Psychologe und Achtsamkeitslehrer im Gespräch

Dr. Tobias Glück ist klinischer und Gesundheitspsychologe und Achtsamkeitslehrer. Er unterrichtet auf der Uni Wien und hat eine Praxis im 8. Bezirk. Tobias beschäftigt sich seit etwas mehr als 20 Jahren mit dem Thema Achtsamkeit und Meditation. Vor ein paar Jahren beschloss er schließlich, der Achtsamkeit noch mehr Raum zu geben und machte die Ausbildung zum Achtsamkeitslehrer nach MBSR.

Im neuen Video spreche ich mit ihm übers Sterben, wie wir mit dem Tod umgehen und darüber, wie Achtsamkeit und Selbstmitgefühl dabei begleiten können.

Beantwortete Fragen im Video sind zum Beispiel:

  • Wie erkläre ich kleinen Kindern den Tod?
  • Wie kann ich Kinder und mich selbst auf den Tod vorbereiten?
  • Sollen Kinder mit zu Beerdigung?
  • Wie erkläre ich Kindern, dass jemand krank ist und sterben wird?
  • Wann ist es Zeit, mir oder meinem Kind Hilfe von außen zu holen?
  • Wie geht „trauern“?
  • Wie finde ich Zeit zum Trauern und was kann passieren, wenn ich der Trauer keinen oder zu wenig Raum gebe?
  • Welche Tabus gibt es rund um den Tod und wie gehe ich damit um?
  • Wie gehe ich mit aufkommenden Gefühlen im Trauerprozess um?
  • Was gilt es, in Bezug auf Trauer im Leben mit Kindern zu vermeiden?
  • Was sind Achtsamkeit und Selbstmitgefühl?
  • Wie kann Achtsamkeit im Trauerprozess helfen?

Wir sprechen zudem über Scham als unschuldiges Gefühl und Klebstoff für negative Emotionen und beleuchten, wie Achtsamkeit Wärme in dunkle Bereiche bringen kann.

Mit Kindern trauern: Wie wir diesen Prozess begleiten können

Zunächst ist es wichtig, sich bewusst zu machen: Kinder haben ein recht darauf zu erfahren, dass jemand nicht mehr lebt. Es ist wichtig, sie daran teilhaben zu lassen. Das Schlimmste Gefühl ist es, zu spüren, dass etwas nicht stimmt, aber nicht zu wissen, was passiert ist. Kinder spüren, wenn ihre Mitmenschen traurig sind. Darüber nicht zu sprechen, das Kind nicht miteinzubeziehen löst Dinge aus, die mitunter bis ins Erwachsenenalter begleiten und nur schwer aufgearbeitet werden können.

Kleine Kinder können den Tod in seiner Komplexität noch nicht begreifen. Sie verstehen nicht, dass jemand weg ist und nicht mehr wiederkommen wird. Hier kann es helfen, zu erklären, dass der Körper nicht mehr arbeitet, also der Mensch, der gestorben ist, etwa nicht mehr atmet, nicht mehr isst. Größere Kinder, ab etwa Volksschulalter, können das besser begreifen.

So wichtig es ist, Kinder miteinzubeziehen und ihnen zu erklären, was los ist, so wichtig ist es auch, sie beispielweise am Begräbnis teilhaben zu lassen. Vorab kann ich erklären, was bei einer Beerdigung passiert, und das vielleicht mit Spielfiguren vorspielen, um es greifbarer zu machen. Auch kann ich mit dem Kind besprechen, was wichtig für das Kind wäre, was es sich wünscht. Vielleicht möchte es ein Bild malen.

Es ist ratsam, bei der Beerdigung eine Vertrauensperson zu haben, die mit dem Kind auch mal rausgehen und spielen kann, wenn es dem Kind zu viel wird. Oder auch als Entlastung für mich selbst, wenn ich vom Tod des Verstorbenen selbst sehr getroffen bin.

„Die Art des „um mich Kümmerns“ kann mich dabei unterstützen, die Gefühle von jemand anders zu begleiten und auszuhalten.“ – Dr. Tobias Glück

Grundsätzlich gilt: Jeder trauert anders. Das ist auch bei Kindern so. Es kann sein, dass sie zunächst gar nicht reagieren oder auf eine für uns seltsame, befremdliche Weise. Das ist in Ordnung, alles ist erlaubt. Womöglich reagieren Kinder zunächst gar nicht, oder gereizt. Es kann auch sein, dass alte und lange abgelegte Verhaltensmuster – wie Daumenlutschen oder Bettnässen – wieder auftreten. Auch für uns makabre Rituale, wie beispielweise den Tod mit Figuren immer wieder nachzuspielen, können eine Form der Aufarbeitung für das Kind sein.

Es ist wichtig, Kindern immer wieder die Möglichkeit zu geben, über ihre Gefühle zu sprechen. Ich kann zum Beispiel fragen: „Wie geht’s dir?“ Kinder haben einen natürlichen Bezug zum Tod und sind mitunter ziemlich frei heraus. So können auch Antworten und Gedanken kommen, die mir persönlich sauer aufstoßen, oder in mir ein Tabu berühren. Das ist eine Einladung, für mich selbst zu reflektieren, warum das so ist. In keinem Fall sollte ich dem Kind das Gefühl geben, dass es etwas nicht sagen oder denken darf.

Merke ich im Gespräch aber, dass das Kind sich schuldig fühlt oder glaubt, es hätte irgendetwas tun können, um den Tod des Verstorbenen zu vermeiden, ist es wichtig, deutlich zu vermitteln: „Es gibt nichts, dass du hättest tun können. Und nein, der Mensch ist nicht gestorben, weil du frech warst.“

Es kann je nach Fall und wenn das Kind beispielweise beim Tod anwesend war, mitunter helfen, auch einen Arzt / eine Ärztin hinzuzuziehen, die dem Kind erklärt, dass das Kind keine Schuld trifft. Dass der Mensch zum Beispiel sehr alt oder krank war, dass niemand den Tod hätte verhindern können.

Weitere Gedanken und Anmerkungen:

  • Eltern dürfen Gefühle zeigen, wir müssen nicht immer stark sein.
  • Eltern sollten ihr Kind nicht als Stütze benutzen, das dann den Redebedarf des Erwachsenen abbekommt. Hier gilt es, jemand Professionelles hinzuzuziehen, um der erwachsenen Trauer Raum zu geben.
  • Wenn es bei Kindern Ängste oder Befürchtungen gibt, ist es wichtig, dass sie wissen: Ich kann immer mit jemanden darüber sprechen.
  • Kuscheln, körperliche Zuwendung und Umarmungen wirken länger nach und können helfen. Natürlich nur, wenn das Kind das möchte.
  • Eltern sollten Kinder nicht zwingen, über ihre Gefühle zu sprechen, wenn Kinder das nicht wollen.
  • Floskeln wie „Der Mensch ist eingeschlafen“ sollte man dringend vermeiden.

Es ist wichtig, dem Kind klar zu vermitteln, dass Menschen normalerweise sterben wenn sie sehr, sehr alt oder sehr, sehr krank sind. Und dass das Kind das nicht betrifft. Womöglich fragen Kinder dann, wann wir selbst sterben. Hier kann ich sagen, dass ich vorhabe noch ganz lange hier zu sein.

Der Trauer Zeit und Raum geben

Wenn jemand stirbt, sehen Hinterbliebene sich neben der Flut an Gefühlen oftmals auch mit vielen bürokratischen Dingen konfrontiert, die auf sie zukommen. Sind die Ablenkungen zu groß, bleibt mitunter zu wenig Zeit zu trauern. Es kann sein, dass die Trauer so zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufbricht. Oder auch dass durch den Todesfall Dinge wieder hervorkommen, die in der Kindheit vorgefallen sind, und nicht aufgearbeitet wurden. Wenn es Emotionen gibt, mit denen der heute erwachsene Mensch sich als Kind hilflos gefühlt hat, kann es hilfreich sein, diese mit professioneller Hilfe neu aufzuarbeiten. So kommt es vor, dass Menschen zu Tobias kommen, um wieder Orientierung zu bekommen: Wie geht es weiter? Was jetzt?

Trauer verläuft nicht linear. Sie kommt in Wellen und es darf eine Zeit lang dauern – mitunter mehrere Jahre – bis sie erlebt und gefühlt wurde. Der Punkt, an dem man sich Hilfe suchen sollte, ist spätestens dann erreicht, wenn man das Gefühl hat, dass es nicht besser wird. Dass man „feststeckt“ und einen womöglich eine unbändige Sehnsucht begleitet, die wir nicht loslassen können, die uns aber in unserem Leben einschränkt.

Übers Sterben reden und vorsorgen

Damit die Hinterbliebenen im Todesfall auch Zeit zum Trauern haben, ist es wichtig, sich zu Lebzeiten mit der Thematik auseinanderzusetzen. Besonders essentiell wird das, wenn Kinder und somit jede Menge Verantwortung im Spiel sind. Entsprechend sollten wir uns selbst Gedanken machen und auch mit den eigenen Eltern darüber reden: Habt ihr vorgesorgt? Was habt ihr bereits arrangiert? Woher nehmen wir die finanziell notwendigen Mittel für all die Dinge, die nach dem Tod anfallen und nunmal auch Geld kosten? Wie wollt ihr bzw. wie will ich bestattet werden?

Machen wir uns im Jetzt, für eine kurze Zeit wirklich Gedanken und lassen auch entsprechende Taten folgen, um uns dann schnell wieder auf die schönen Dinge im Leben konzentrieren zu können!

Auch als Paar, als Eltern, sollten wir uns mit dem Sterben auseinandersetzen und mit der Thematik verantwortungsbewusst umgehen, damit die Kinder im Ernstfall abgesichert sind.

Wie Achtsamkeit und Selbstmitgefühl die Trauer begleiten können

Achtsamkeit ist eine bestimmte Art, seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge im Jetzt zu richten. Die Grundüberlegung: Jede Emotion verändert sich, wenn ich sie auftreten lasse. Wenn ich sie wegdrücke, kommt sie wieder.

Achtsamkeit hilft mir dabei, den Sturm um mich auszuhalten, immer wieder in den Gegenwärtigen Moment zu kommen, in die Mitte, weniger Angst vor Gefühlen zu haben und sie sein zu lassen. So kann ich beobachten: Was passiert denn da gerade eigentlich?

Selbstmitgefühl ist nicht Selbstmitleid – im Gegenteil: Die Idee ist, sich selbst sein bester Freund zu werden. Oftmals machen wir uns schlecht, wenn wir unzufrieden sind mit der Art, wie die Dinge laufen. Es gilt, uns selbst zu geben, was wir brauchen.

Es geht nicht darum, etwas zu tun, damit es mir besser geht, sondern etwas zu tun, eben weil es mir schlecht geht. Eine achtsame Haltung wäre: „Da ist etwas, und ich gehe damit um“, und nicht: „Ich will das nicht, ich schiebe es weg.“ Leiden kommt mit dem Gedanken „Es sollte anders sein“. Akzeptiere ich, dass Schmerz etwas ist, das dazugehört und dass auch er wichtig ist, kann ich gesünder damit umgehen.

Wenn ich jemanden verliere, kann das ein Prozess von Jahrzehnten sein. Bis ich dann tatsächlich akzeptiere, dass da vielleicht auch noch bestimmte Gefühle im Hintergrund sind. Und dass ich dann auch lerne, die ein Stück weit loszulassen. Das macht dann Platz für Neues.

Erste Impulse für Achtsamkeit im Alltag

Als ersten Impuls, die Achtsamkeit in den Alltag zu integrieren, nennt Tobias das „ganz im Moment sein“. Beispielsweise einfach mal auf die Atmung zu konzentrieren. Du wirst wahrscheinlich schnell merken, wie deine Aufmerksamkeit abschweift. Dass du plötzlich an den Geschirrspüler denkst, den du ja noch ausräumen musst. Hier gilt es, zu bemerken, dass der Geist das macht, und dann wieder zurückzukommen.

Im Alltag gilt es, immer mal wieder innezuhalten und sich selbst zu fragen: Wie geht’s mir gerade eigentlich? Das wäre ein guter Anfang. Sich selbst zuzulächeln und zu fragen: Wie würde ich in der Situation mit einem Freund umgehen? Vermutlich würde ich nicht sagen: „Reiß dich zusammen“, sondern: „Puh, schwierige Situation… möchtest du einen Kaffee trinken?“


Ich hoffe, du konntest dir aus dem Video und diesen Zeilen etwas mitnehmen und freue mich auf deine Gedanken und Erfahrungen!

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Das Video entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit livv.at

Foto © Fotolia

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Jeannine ist 30, Autorin, dipl. Kommunikationstrainerin und Bloggerin aus Wien. Sie ist Veranstalterin einer Workshopreihe für bewusste Elternschaft, Beziehungsautodidaktin und leidenschaftliche Verbreiterin der Idee des „Conscious Parenting“ im deutschsprachigen Raum. Neben all diesen Labels ist sie mit ganzem Herzen Mutter einer kleinen Tochter, Verlobte, Wegbegleiterin und immerfort Lernende.

www.mini-and-me.com

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