Gestern wurde auf einer großen Deutschen Plattform ein neues Interview mit Annette Kast-Zahn veröffentlicht. Sie ist die Co-Autorin des unnötigen Bestsellers „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Das im Buch beschriebene Schlaflernprogramm verbreitete die grauenvolle „Ferber“-Methode im deutschsprachigen Raum.

Darüber, wie anstrengend die ersten Monate mit Baby sein können, wie es bei uns mit „Breast Sleeping“ einfacher wurde und warum ein Schlaflernprogramm niemals niemals niemals die Antwort sein darf.


Schlaflernprogramme: Was ist „Jedes Kind kann schlafen lernen“?

Vor allem anderen: Gefährlicher Blödsinn, der jungen Eltern ihr Bauchgefühl abtrainiert und für Babys schiere Panik bedeutet.

In dem Buch werden Eltern dazu aufgefordert, ihr weinendes Baby nachts zwar kurz verbal zu beruhigen, aber nicht hochzunehmen oder zu trösten. Nach ein paar netten Worten verlässt der Elternteil das Zimmer wieder, das Kind schreit weiter. Die Abstände der elterlichen „Besuche“ wenn das Baby weint werden ständig erweitert, das Baby immer länger allein im Zimmer schreien gelassen. So soll es lernen, sich selbst zu beruhigen, alleine ein- und schlussendlich auch durchzuschlafen. Das Baby erfährt keine Geborgenheit – nur Einsamkeit und Angst.

Die von Frau Kast-Zahn beschriebene Methode ist psychische Folter für das Baby. Es wird alleine gelassen, hat weder Raum- noch Zeitgefühl. Es weiß also nicht, wo es ist, ob jemand da ist, ob jemals wieder jemand kommt… Panik! Keine Nähe, keine Wärme, keine Nahrung. Nichts.

Babys, die nach einer Weile aufhören zu weinen und einschlafen, sind einfach zu erschöpft, um weiterzumachen. Ihre Körper geben nach.

Es ist so unvorstellbar anstrengend.

Ganz abgesehen von jeder Untersuchung oder Studie dieser Welt frage ich mich: Wie bringt man das nur fertig? Wie kann man sein Kind nur alleine schreien lassen, hilfesuchend, panisch, traurig… und das „Programm“ durchziehen? Das kann doch nicht möglich sein, wenn man auf sein Herz hört, auf seinen Bauch, auf sein Gefühl?

Und dann erinnere ich mich.

Ich denke an die ersten Wochen mit Baby und daran, wie unglaublich müde ich war; wie anstrengend jede Stunde schien. Ich war so übermüdet und nach der Geburt am Ende meiner Kräfte – sowohl körperlich als auch psychisch – dass eine Zeit lang auch die ruhigen Stunden einfach zu viel für mich waren. Absolute Überforderung an allen Ecken und Enden und dann auch noch dieses Nicht-Schlafen.

Ein Baby, das weder Schnuller noch Fläschchen, sondern nur die Mama will. Die durchwachten Nächte und Tage, ganze TV-Staffeln, die ich innerhalb einer Woche nachts am Sofa angesehen habe. Und das alles ohne das Wissen, dass es besser wird, dass andere Zeiten kommen, dass ich wieder schlafen werde.

In dieser sensiblen Phase erscheint da vielleicht etwas im Rahmen, das man im Nachhinein ablehnen würde. Wenn ein Buch schnelle und sichere Hilfe verspricht, liest man womöglich über die negativen Kommentare hinweg und möchte, den so sehr gebrauchten Schlaf fest im Auge, einfach nur alles Machbare ausprobieren. Traurig aber ja, vorstellbar.

Was ist schon „normal“?

Wir haben alles (liebe- und rücksichtsvoll Mögliche) versucht: Zimmer umstellen, elektronische Geräte abstecken, Zirbenholz, Lavendelsäckchen, mehr oder weniger anziehen, doch nochmal den Schnuller anbieten, mehr oder weniger zu Abend essen, ruhigere Tagesabläufe,… es veränderte nichts. Denkt man darüber nach, ist das auch nicht verwunderlich: Dass Babys nicht durchschlafen und uns auch nachts brauchen, kann durch keine noch so ausgefallene Idee verändert werden.

Das Bedürfnis nach Nähe ist ganz tief in unserem Inneren verankert. Es sichert Babys Überleben.

Es ist normal, dass dein Baby nicht schläft wie ein Erwachsener; dass du nicht mehr als 2 oder 3 Stunden am Stück schlafen kannst; dass dein Baby deine Nähe braucht, um einzuschlafen; dass dein Baby in den ersten Lebenstagen, -wochen und -monaten nachts stundenlang wach ist; dass dein Baby die Brust möchte, um einzuschlafen.

Babys wachen auf, suchen Schutz, haben Hunger, brauchen ihre Bezugsperson. Sie schlafen unregelmäßig, mal schlecht und mal gut. Eines aber tun sie vor allem nicht: Durchschlafen. Und auch das ist völlig normal!

Erst mit mehr als eineinhalb Jahren mehrten sich die Nächte, in denen ich nur 2 bis 4 Mal aus dem Schlaf gerissen wurde. Davor gehörte es schon fast zum guten Ton, von meiner Kleinen zwischen 5 und 15 Mal pro Nacht aufgeweckt zu werden.

Versuch das mal: Breast-Sleeping im Familienbett

Das nächtliche Wachen wurde wesentlich leichter für mich, als ich damit begann, das Baby nachts einfach neben mich zu legen und im Liegen zu stillen. Das war längere Zeit nicht möglich gewesen, weil ich nicht recht wusste, wie das geht und auch die Kleine sich noch nicht gut zurechtfand. Außerdem hatte ich dann doch Sorge, die Decke würde irgendwie in ihre Nähe kommen und ihr kleines Gesicht verdecken.

Sobald ich keine Bedenken und meine Tochter den Dreh raus hatte, war da auch Platz für wesentlich mehr Mama-Schlaf. (Bis zu einer Stunde mehr Schlaf für Mama pro Nacht, um genau zu sein. Schaut mal bei den weiterführenden Links am Ende des Artikels.)

„Breast-Sleeping“, also das kindliche Schlafen an Mamas Brust, ist das Natürlichste, was man nachts mit so einem kleinen aufgeweckten Baby anfangen kann. Es erfährt Nähe, Schutz und Geborgenheit und Mama kann einfach weiterschlafen. Und kuscheln, ganz viel kuscheln.

Wie machen wir das heute?

Mittlerweile bin ich ans Nicht-Durchschlafen und den wenigen Schlaf per se vermutlich gewöhnt. Manchmal glaube ich, einfach nicht mehr so viel Schlaf zu brauchen, wie vor der Geburt meiner Tochter. Und dann gibt es wieder Tage, an denen ich mir vorkomme wie ein Maulwurf, der kurz die Nase in die Luft reckt und dann beschließt, wieder abzutauchen – mit dem signifikanten Unterschied, dass „abtauchen“ als Mama nunmal nicht ist.

Wir schlafen nach wie vor im Familienbett. Ihres ist an unseres direkt angereiht. Wir haben ein sehr großes Bett, wobei wir Erwachsenen von Babys 70 cm freilich keinen Gebrauch machen können. Ich bin zwar recht klein, aber das ist sogar mir zu kurz.

Breast-Sleeping verlängert meine Nächte

Ich möchte keine Sekunde, in der wir unsere Tochter bei uns im Zimmer hatten, missen. Sie in ihrem eigenen Zimmer schlafen zu lassen, war nie eine Option – obwohl ich, als sie älter war, nach besonders anstrengenden Nächten darüber nachgedacht habe. Natürlich steht es jeder und jedem frei, Kleinkinder im eigenen Zimmer schlafen zu lassen oder eben nicht. Wir denken, dass bei uns vermutlich früher oder später der Zeitpunkt kommen wird, ab dem sie in ihren kleinen vier Wänden nicht nur spielt, sondern womöglich auch schläft. Bis es soweit ist, genießen wir unser Familienbett mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Meine Tochter habe ich in all der Zeit – egal ob wach oder schlafend – niemals schreien lassen. Ich war immer bei ihr, wenn ich merkte, dass sie aufwachte und meine Hilfe brauchte, um wieder in den Schlaf zu finden. Auch das würde ich für nichts in der Welt ändern.

Obwohl es streckenweise sehr herausfordernd war, überwiegen diese wunderbaren Erinnerungen und das Gefühl, immer für sie da gewesen zu sein.


Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? War „schreien lassen“ für euch jemals eine Option?

Habt ihr eines dieser Wunderwuzis daheim, die mit wenigen Monaten durchschliefen?

Was sind eure besten, liebevollen Tipps und Tricks, für besseren Babyschlaf?

PS: Wenn du nicht mehr weiter weißt, lass dir von qualifizierten, bindungsorientierten Expertinnen helfen. Es macht keinen Sinn, komplett am Zahnfleisch zu gehen. All die negativen Gefühle übertragen sich aufs Kind und machen es noch unruhiger – ein Teufelskreis, aus dem man manchmal nur mit Hilfe ausbrechen kann.

PPS: Man kann Babys nicht verwöhnen!

PPPS: Nachtrag vom 14.9.: Ich wurde von ein paar Seiten gebeten, bei Schlaflernprogrammen etwas mehr zu differenzieren. Entsprechend hab ich nochmal gegoogelt und neben der „sanften“ Methode von Gordon (die ich bei den weiterführenden Artikeln bereits für euch verlinkt hatte, für Kinder ab einem Jahr geeignet ist und wir vor kurzem ausprobierten und doch sein ließen) auch noch andere, „sanfte“ Ansätze gefunden. Die wesentlichsten Unterschiede zu den absoluten No-Go-Programmen liegen darin, dass es keinen fixen Zeitplan gibt, auf das Baby eingegangen wird und es natürlich Trost und Geborgenheit erfährt. Ich halte von derlei Programmen aber einfach nichts. Sie sehen die Wünsche der Eltern, aber nicht die ureigenen und vollkommen natürlichen Bedürfnisse (!) unserer Babys. In meinen Augen ergibt sich vieles auf ganz natürliche, „bauchgefühlte“ Art und Weise. Unsere Beziehungen zu unseren Kindern sind so individuell wie wir selbst. Ein Rezept X, nach dem Kinder „funktionieren“ gibt es nicht. Daher findet ihr hier auch keine weitere „Programmempfehlung“.


Weiterführende Artikel und Interviews:

Breast Sleeping:

  • „Gestillte Babys gehören nachts in die unmittelbare Nähe ihrer Mutter, damit ungehindertes, häufiges Stillen rund um die Uhr möglich ist. […] Dass jedoch getrennte Betten das Stillen erschweren und dass das Stillen wiederum das Risiko des plötzlichen Kindstods mindert, ist ebenfalls schon lange bekannt.  (Quelle: Still Lexikon)
  • „It’s so much more convenient for mothers in terms of not getting up three or four times a night every time the baby wants to feed,“ McKenna says. He also mentions that breastsleeping mothers can expect to get about an hour more sleep per night than their solitary sleeping counterparts. (Quelle: Fit Pregnancy)
  • There is no such thing as infant sleep, there is no such thing as breastfeeding, there is only ‚breast sleeping’. (McKenna, J. J. and Gettler, Quelle: Europ. Institut für Stillen und Laktation)

Jedes Kind kann schlafen lernen / Ferbern:

  • „Ich frage mich, ob Mütter auch so handelten, wenn sie wüssten, dass ihre Kinder dabei gar nicht das Schlafen, sondern das Schweigen lernen. Kinder, die erkennen, dass ihr Schreien bedeutungslos ist, lernen irgendwann ihre ausweglose Situation stillschweigend zu ertragen. Nur damit sie nachts ruhig sind, lassen wir sie weinend zurück. Warum tun wir das unseren Kindern an?“ Mehr lesen auf Nestling.org
  • Barbara Walcher nannte in ihrer Facharbeit „Schlaf! Auf die Plätze – Fertig – Los!“ einige fundamentale Kritikpunkte an dem Buch von Annette Kast-Zahn, die von den Rabeneltern auf ihrem Blog veröffentlicht wurden.
  • „…in diesem Punkt hatte Frau Kast-Zahn schlicht recht. Es gibt keine einzige Studie, die nachteilige Langzeitwirkungen von Schlaflernprogrammen auf die kindliche Psyche oder die Eltern-Kind-Bindung nachweisen würden. […] Auch wenn man im Internet immer wieder Gegenteiliges liest. Was es gibt, das sind Wissenschaftler, die aus guten Gründen davon abraten. Pädagogen, Psychologen, Kinderärzte, Hirnforscher, Bindungsforscher, die aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit heraus ableiten, dass Schlaflernprogramme nicht kindgerecht und potentiell schädlich sind.“ Gastbeitrag von Nora Imlau auf Geborgen Wachsen
  • „Ich hoffe, dass Frau Kast-Zahn mit ihrer Meinung: „Ich bin überzeugt, dass es weinenden Babys nicht schadet, kurz allein zu sein“, mehr und mehr allein dasteht und Eltern verstehen, dass Schreienlassen keine gute Idee ist, um Kindern Selbständigkeit anzuerziehen. Und dass sich zudem das Verständnis dafür durchsetzt, dass das nächtliche Aufwachen des Babys normal ist und Frau Kast-Zahns Aussage „Wenn ein Baby auch im zweiten Lebenshalbjahr noch mindestens zweimal pro nacht wach wird und irgendwas von den Eltern braucht, hat es nach Definition der Schlafforschung eine Schlafstörung.“ bald der Vergangenheit angehört.“ Susanne Mierau und ihre Gedanken zu einem älteren Interview von Frau Kast-Zahn in der Eltern-Zeitschrift

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