„Wie würde ich einen Menschen, den ich liebe, um etwas bitten?“ Eine simple Frage, deren Beantwortung dir wahrscheinlich nicht schwer fällt. Warum stoßen Eltern dann so oft an ihre Grenzen, wenn es darum geht, auch ihren Kindern so zu begegnen?


Befehle anstelle von Bitten

„Häng das auf!“, „Trink das leer!“, „Zieh dich an!“, „Wasch dir die Hände!“: Nach einem Nachmittag mit offenen Ohren im Einkaufszentrum kann ich gut ein A4-Blatt mit Befehlen füllen, die Eltern ihren Kindern erteilen. Da der Ton bekanntlich die Musik macht, müsste wohl Heavy Metal im Hintergrund laufen, während ich das hier tippe. Denn nett und herzlich war da wenig. Kalt, fordernd und streng trifft es eher. So, wie Befehle nunmal sind.

Ob das Kind gerade überhaupt Durst hat, ob ihm kalt ist oder ob es sich die Hände lieber abwischen würde? Egal.

„Ich sag – du machst.“

Vielleicht fragst du dich jetzt, wie es denn sonst sein soll, wenn es schnell gehen muss? Das muss dann doch so! Denn: Würden wir alle jedes Mal, wenn wir meinen, etwas sollte/müsste/könnte getan werden, ein ewig langes Gespräch auf Augenhöhe beginnen, sorgsam alle Für und Wider abwägen um dann erst recht schmollend und nur semi-zufrieden (nämlich das Kind und wir selbst) die Szenerie zu verlassen, da würden wir alt. Oder?

Gemeinsamkeit braucht kein Gegeneinander

Ich bin die Letzte, die dafür grundsätzlich kein Verständnis hätte. Wenn es denn stimmen würde. Derlei fiktive Szenarien mit allen Übertreibungen kommen oft zur Sprache, um gegen Bedürfnisorientierung zu „argumentieren“. Dabei haben sie keine Berechtigung.

Diese „Argumente“ entstehen in Köpfen und Herzen, die erziehen und es damit leider gewohnt sind, dass ihre Kinder sich gegen sie „auflehnen“. Aber nicht, weil Kinder per se Tyrannen sind, die kontrolliert werden müssen. Blind erziehende Eltern erleben das, weil ihre Kinder tagein tagaus mit den Menschen, die sie am meisten lieben, um ihre eigene Integrität, um ihre Würde und die Berechtigung ihrer Bedürfnisse und Wünsche kämpfen müssen.

Dabei brauchen die Liebe und das Leben mit unseren Kindern keinen Kampf.

Begegnen wir ihnen liebevoll und mit Respekt, tun sie es uns gleich und es fällt zusehends leichter, gemeinsam und schnell Entscheidungen zu finden, die passen.

Beziehung nennt man das, was dann passiert.

Dann werden Kinder gesehen und sehen im Gegenzug auch uns. Und wir machen das, gemeinsam, mit Liebe und Respekt und ohne jedesmal sehr viel Zeit in die Löungsfindung investieren zu müssen.

Ja, manchmal dauert es ein wenig. So ist das nunmal, wenn man mit einem gleichwürdigen Menschen sein Leben gestaltet.

Ich entscheide, wie ich dir begegnen will!

Glücklicherweise geht es tatsächlich nicht darum, jede einzelne Situation in jeder Sekunde unseres Alltags mit Samthandschuhen vorsichtig zu zerpflücken, als würden wir verliebt die Blütenblätter eines Gänseblümchens vor uns in die Wiese gleiten lassen.

Es geht um die Haltung.

Um meinen Blick aufs Kind.

Grundsätzlich.

Um das, wie ich meinem Kind begegnen möchte. Um Ethik, Moral und dem, was ich tatsächlich will.

Es geht um aktive Lebensgestaltung und um Entscheidungen.

Es geht darum, mich mal ganz in Ruhe mit mir selbst hinzusetzen, tief durchzuatmen und mir zu überlegen, wie ich leben möchte, wie ich den Menschen, die ich liebe – denn das sind meine Kinder im Idealfall – begegnen möchte.

Und ziehe ich dann den direkten Vergleich – der beim Begleiten unserer Kinder auf Augenhöhe absolut zulässig ist – und überlege, wie mein Partner reagieren würde, bei all den Befehlen, die ich jeden Tag von mir gebe, so träfe mich rasch die bittere Einsicht: Der wäre wohl weg.

Nun sind unsere Kinder leider meistens nicht so frei wie unsere Partner.

Die können nicht weg.

Die müssen sich sehr viel mehr gefallen lassen, müssen einiges mehr ertragen. Klar können sie ihren Unmut kundtun – was ja zum Glück auch häufig passiert, wenn die Angst nicht auch dafür zu groß ist – aber viel mehr Bewegungsspielraum haben sie nicht.

Sie sind abhängig.

Und wir als Eltern oftmals nur allzu sehr dazu verleitet, das auszunützen.

Wenn wir nicht bewusst sind in unserem Umgang, mit unseren Worten und Gedanken.

Sollte ist nicht, was ist: Über mein Bedürfnis und deines

„Glück entsteht dann, wenn man sich für das entscheidet, was ist.“ – Naomi Aldort

Oftmals glauben Eltern zu wissen, was das Beste für ihr Kind ist und sehen dabei nicht, dass sie damit ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen wollen, und nicht die ihres Kindes.

Naomi Aldort weist in ihrem Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“ darauf hin: Das Wort „sollte“ ist oftmals ein guter Hinweis dafür, dass wir gerade nicht den Weg des Kindes berücksichtigen, sondern lieber unsere eigenen Vorstellungen umgesetzt sehen würden. „Mein Kind sollte sein Zimmer aufräumen“, oder „Mein Kind sollte sich die Haare schneiden lassen“ und „Es sollte den Teller leer essen“ drücken aus, was ich für richtig halte.

Hier zu sich selbst „Stop“ zu sagen um zu erforschen, ob man hier wirklich die Bedürfnisse des Kindes im Blick hat oder nur den eigenen Wünschen in Form von Kritik am Kind Ausdruck verleiht, ist essentiell. Erst danach kann ich mein Kind sehen, ihm zuhören und dann einen Weg finden, in dem es sich gesehen und ernst genommen fühlt.

Meinen Wunsch äußern – deine Entscheidung annehmen

Wenn ich für mich festgestellt habe, dass es mein eigener Wunsch ist, dass das Zimmer meines Kindes ordentlich ist, kann ich diesen Wunsch authentisch äußern: „Ich hätte gerne, dass dein Zimmer ordentlicher ist.“ Ich kann mich ans Aufräumen machen und mein Kind bitten, mir dabei zu helfen.

Habe ich meine Bitte geäußert, kann mein Kind sie jederzeit auch ausschlagen – wie das nunmal ist, wenn man jemanden um etwas bittet, und keine Befehle erteilt.

Erfüllt mein Kind meinen Wunsch nicht, ist es wiederum an mir, mit der Situation umzugehen: Ich kann das Zimmer alleine aufräumen, alles einfach liegen lassen oder irgendeinen anderen Weg finden, der gerade für beide passt und mit dem beide zufrieden sind.

„Sollte“ impliziert immer, dass mein Kind gerade etwas falsch macht. Bewerte ich das Verhalten so, nehme ich mein Kind nicht mehr ganz an in seinem Tun in in seinem Sein. Meine Erwartungen stehen mir im Weg: Ich möchte mein Kind, seine Entscheidungen oder Taten ändern. Etwas soll anders werden. So, wie ich es mir wünsche, nicht danach ausgerichtet, was mein Kind braucht/will/ist.

Ich aber will lieben, was ist. Und mein Kind, wie es ist.

„Die Liebe gibt nie eine Richtung vor, denn sie weiß: Einen Menschen von seinem Weg fortzudenken, bedeutet, ihm unseren Weg aufzudrängen, der für ihn nie wirklich richtig sein wird. Er muss frei sein, seinen eigenen Weg zu gehen.“ – Leo Buscalia

Aber das Kind muss doch…

„Aber das Kind muss doch lernen, dass Ordnung wichtig ist.“ Wenn Lernen stattfindet, dann aus Freiwilligkeit und aus der eigenen Motivation des Kindes heraus. Dann, wenn das Kind dazu bereit ist.

Äußere ich eine authentische Bitte, nachdem ich eingesehen habe, dass ich diejenige bin, die sich Ordnung wünscht, wird mein Kind auch lernen, was mir wichtig ist. Wie jeder andere Mensch, mit dem ich zusammen lebe oder viel Zeit verbringe, sieht es, was ich mir wünsche, welche Werte ich habe, wie ich Probleme löse und wie ich liebe.

Um los- und sein zu lassen, muss anstelle der Angst, dass mein Kind irgendetwas Wichtiges nicht lernen könnte, wenn ich keinen Druck ausübe, Vertrauen ins Kind und seine Fähigkeiten treten.

Um los- und sein zu lassen, muss anstelle der Angst, dass mein Kind etwas nicht lernen könnte, Vertrauen treten.Click To Tweet

Mache ich das Zimmer sauber, möchte mein Kind vielleicht von sich aus mitmachen, mir helfen und Teil des Ganzen sein. Ich biete ihm die Chance, selbst zu spüren, wie es sich verhalten möchte. Was dann passiert ist eine Tat aus eigener Motivation heraus, die nicht hervorgerufen wird durch Schuldgefühle. So kann der authentische Wunsch zu helfen aufkommen.

Bietet mein Kind seine Hilfe an, macht mit und bringt sich ein, putze ich nicht hinter ihm her, wenn es mir dabei zusieht. Es hat geholfen, so gut es kann. Es ist nicht an mir, das zu verbessern.

„Das Kind braucht keine Hilfe, um zu lernen, wie es mit uns zusammenleben soll; was es braucht ist, dass wir ihm vertrauen und seinem Lernen nicht im Weg stehen.“ – Naomi Aldort


Es geht nicht darum, dass wir Kinder um etwas bitten, sondern einmal mehr um das WIE. Unsere eigenen Beweggründe zu erforschen kann dabei helfen, uns selbst über unser Tun klarer zu werden. Dann finden wir mit dem Kind gemeinsam Wege, auf denen wir beide gesehen werden und die wir gemeinsam gestalten.

Befiehlst du noch oder bittest du schon? Ich freue mich über deine Meinung und Erfahrungen in den Kommentaren!

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Befehl oder Bitte? Wie wir unsere Kinder um etwas bitten und dabei etwas Wichtiges über unsere eigenen Bedürfnisse lernen (Beziehung statt Erziehung, Unerzogen, Frei von Erziehung, Bedürfnisorientiert, Bindungsorientiert, Naomi Aldort, Jesper Juul, Auf Augenhöhe, Kinder begleiten, Familie leben, Leben mit Kindern, rund um die Familie, Bewusster Leben, Achtsamkeit, Achtsamkeit mit Kindern, Attachment Parenting, Authentic Parenting, Mini and Me)

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Fotoquelle: Fotolia

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