• Kaiserschnitt: Wenn die Geburt anders verläuft als geplant

    Ein Artikel in der neuen Ausgabe der „Eltern“ trägt den Titel „Sanfte Geburt – auch bei Kaiserschnitt“. Darin geht es um die Möglichkeit, als Mutter mit dem Neugeborenen auch direkt nach einer Entbindung via Kaiserschnitt zu kuscheln, sich kennenzulernen und die unglaublichen ersten Augenblicke, in denen ein ganzer Schwall an Bindungshormonen ausgeschüttet wird, voll auszukosten (siehe Bonding).

    Ich war von dem Artikel, obwohl er nun wirklich nicht auf die Tränendrüse drückt, sehr berührt. Nicht zuletzt aufgrund der Wortmeldung einer Ärztin, die nicht nur die Wichtigkeit der ersten Momente unterstreicht, sondern auch beschreibt, welch negative Folgen es haben kann, wenn Mutter und Kind diese Momente nicht gemeinsam erleben: Das Kind leidet eher unter Anpassungsschwierigkeiten, die Mutter erholt sich langsamer von der OP, das Stillen kommt schlechter in Gang. Die Bindung zwischen Mama und Baby ist weniger eng, worunter auch die Kommunikation miteinander leidet.

    Erst tat ich den Artikel als blödsinnig ab, wollte nicht weiter darüber nachdenken. Ich fühlte mich nicht angesprochen. Meine Gedanken drehten sich nur verärgert um die Frage, ob sich die Schreiberlinge überhaupt bewusst seien, was die Zeilen in betroffenen Frauen – in liebenden Müttern – auslösen würden. Und dann ließ ich das Erlebte Revue passieren…


    (M)eine natürliche Wunschgeburt

    Knapp 8 Monate hatte ich in der Schwangerschaft Zeit, mir die bevorstehende Geburt vor Augen zu führen. Ich verschlang massig Ratgeber, versuchte, nützliches Wissen von unnützem Firlefanz zu trennen. So erschien mir der Ratschlag, mir meine Geburt nicht im Vorhinein schon in jedem Detail vorzustellen, um dann nicht enttäuscht zu sein, wenn sie anders verliefe, durchaus plausibel.

    Und insgeheim lief sie dann doch unzählige Male vor meinem geistigen Auge ab: Ich bekomme die Wehen, sie werden stärker, mein Mann und ich fahren ins Spital. Dort ertrage ich die Schmerzen voll freudiger Erwartung. Ich bin konzentriert, habe meinen Körper unter Kontrolle, und finde trotz mich überrollender Wehen immer wieder zu mir zurück. In den Wehenpausen entspanne ich, wechsle im Geburtsverlauf die Position – je nachdem, was mir gerade gut tut.

    Ich unterstütze mein Kind so gut wie möglich auf seiner Reise in unsere Welt. Die Hebamme begleitet, fängt mich auf, gibt Sicherheit. Ich weiß instinktiv, was wann zu tun ist und nach einigen Stunden haben wir es geschafft. Mein Kind kommt auf natürliche Weise auf die Welt und wird auf meinen Körper gelegt. Wir kuscheln, riechen, spüren einander.

    Willkommen in der Realität!

    Meine Geburt war anders. Das Ergebnis war das größte Glück meines Lebens. Der Weg dorthin war steinig. Nach einigen turbulenten Stunden im Kreissaal erblickte meine Tochter mittels Notkaiserschnitt das Licht der Welt. Ihre ersten Kuscheleinheiten erlebte sie in den Armen ihres Papas.

    Nach einer weiteren Stunde im OP rollte man mich ins Aufwachzimmer. Es war 23.00 Uhr. Da dort ab Mitternacht nichts mehr geht, hatte ich in den ersten Stunden nach der Geburt nur ein paar Minuten mit meiner Tochter, bevor das Licht ausging und wir die Nacht getrennt voneinander verbringen mussten. Sie kam ins Kinderzimmer, mein Mann fuhr nach Hause. Vorschriften.

    Erst am Morgen des nächsten Tages wurde ich in ein „normales“ Zimmer verlegt und unser Kind mir gebracht. So wusste ich in meiner ersten Nacht als Mutter zwar, dass ich ein Kind zur Welt gebracht hatte… aber so richtig bewusst fühlen konnte ich es noch nicht. Zu weit weg war meine Kleine.

    Über Wochen hatte ich mit dem Gefühl zu kämpfen, unsere Tochter nicht richtig in der Welt willkommen geheißen zu haben. Es fiel mir schwer, den Verlauf der Geburt und der Stunden danach zu verarbeiten. Ich fühlte mich um eine wichtige und einzigartige Erfahrung beraubt. So stellte sich bald der Babyblues ein und dauerte über die angeblich normalen zwei Wochen an. Ich empfand ihn als sehr heftig.

    Während meiner Recherche fand ich heraus, dass unvorstellbar viele Frauen das Erlebnis der Geburt, wenn es nicht verlief, wie sie es sich gewünscht hatten, auch nach Jahren noch nicht verarbeitet haben. (An dieser Stelle empfehle ich diesen Artikel von Andrea Harmonika.) Wenn ein Kaiserschnitt nicht gewollt ist, aber sein muss, kann das tiefe Wunden hinterlassen. Was will ich nun also?

    ICH habe mein Kind zur Welt gebracht!

    Dieser Artikel soll Mut machen. Ja, ich hatte mir eine natürliche Geburt gewünscht, ohne Schmerzmittel und mit meiner Hebamme. Und obwohl der Arzt erst einlenkte, als nichts mehr ging, hatte ich lange das Gefühl, etwas nicht „geschafft“ zu haben. Mittlerweile habe ich erkannt, dass, auch wenn ich Hilfe hatte, doch ich mein Kind auf die Welt gebracht habe. Ich habe es geschafft! Mit Hilfe, aber ich habe es geschafft. Wir sind aus diesem Erlebnis gestärkt und wohlauf herausgegangen. Meine Tochter, bereit für die Welt; und ich als Mutter.

    Auch wenn es manchmal weh tat, hatten die Stimmen, die mich mit „Hauptsache gesund!“ anfangs wütend machten, recht. Es ist die Hauptsache. Wir wurden durch den Kaiserschnitt keines einzigartigen Erlebnisses beraubt. Wir haben nicht irgendeine Geburt als Zuseher erlebt. Wir waren nicht nur dabei, sondern mitten drin. Unsere Geburt war etwas Einzigartiges, etwas Besonderes. An ihrem Ende lernte ich den Sinn meines Lebens kennen.

    Hab ich etwas verpasst? Ich denke schon.

    Ich behaupte nicht, dass uns Frauen nicht etwas entgeht, wenn wir nicht diejenigen sind, die unser Kind in Empfang nehmen können. Das kann ich nämlich selbst nicht glauben… Ich bin nach wie vor der Meinung, etwas verpasst zu haben.

    Die eingangs erwähnte „sanfte Geburt trotz Kaiserschnitt“ ist etwas, das ich allen mittels Sectio entbindenden Frauen von Herzen wünsche. Als liebende Mutter weiß ich aber auch, dass meine Tochter viel wichtiger ist, als ich. Sie hatte diese unwiederbringlichen, wundervollen ersten Momente mit ihrem Papa. Und diese unendliche Dankbarkeit, diese einzigartige Erfahrung, möchte ich ihm um nichts in der Welt nehmen.


    War die Geburt eurer Kinder, wie ihr es euch gewünscht habt?

     Hattet ihr einen Notkaiserschnitt? Wie habt ihr das Erlebte verarbeitet?

    Foto © Julia Spicker Photography

  • Warten auf Dich…

    Ein Artikel über die letzten zwei Wochen der Schwangerschaft, gut gemeinte Ratschläge, schmerzende Gliedmaßen und gefährdete Mitmenschen. All das, und die Freude auf etwas ganz, ...

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