• Arno Stern über das Malspiel, Kunsterziehung und die Gefahren für die Spielfähigkeit unserer Kinder: „Ein spielfähiges Kind ist ein gerettetes Kind!“

    Am Vorabend des Kongresses zur Ökologie der Kindheit durfte ich Arno Stern, den Gründer des Malorts, kennenlernen und mit ihm über sein Leben, sein Schaffen und unsere Kinder sprechen. Eine Begegnung, die noch lange in mir nachwirkte und meinen Blick auf die kreativen Äußerungen meiner Tochter maßgeblich prägte.

    Wenn du tust, was du liebst, können wahrhaft wunderbare Dinge passieren. Eines dieser Dinge ist für mich mein Treffen mit Arno Stern beim 1. Kongress zur Ökologie der Kindheit, der im Winter 2017 in Wien stattfand. Der Begründer des Malorts, der 1924 in Kassel geboren wurde, sprach mit mir über sein Leben und seine Begegnung mit der Formulation: der beim Malspiel entstehenden, natürlichen Äußerung.

    Im zweiten Teil des Videos erzählt er, warum seine Kinder niemals die Schule besuchten und spricht über die Gefahren, die die heutige Kunsterziehung mit sich bringt.

    Kritische, inspirierende Worte, die dazu anregen, den eigenen Weg zu überdenken. Mehr noch: Arno Stern zeigt auf, wie wichtig es ist, unsere gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, was ein Kind ist und wie wir ihm begegnen, grundlegend zu verändern.

    Nachfolgend habe ich einige Inhalte aus dem Interview verschriftlicht. Natürlich können meine Zeilen das Gespräch nicht ersetzen und es fehlen einige Impulse, die ich als sehr bereichernd empfand. Deshalb lade ich dich ein, dir das Video anzusehen und somit ein ganzheitliches Bild über die so wichtige Botschaft von Arno Stern zu erhalten.

    Arno Stern und die Begegnung mit der Formulation

    Arno Stern erzählte mir, wie durch die Betreuung von Kriegsweisen zufällig und aus praktischen Gründen der erste Malort entstand. Die Kinder, die er malen ließ, weil er auf der Suche nach einer Beschäftigung war, fanden so großen Gefallen daran, dass sie immer mehr malen wollten, auf immer größeren Blättern. Bald fehlte es an Platz, wodurch er begann, die Blätter an den Wänden anzubringen. Dann verdeckte er die Fenster, um auch diese Fläche nutzen zu können. So entstand ein seltsamer, geschlossener Raum, der so abgeschieden von der Außenwelt einen geborgenen Rahmen für die Begeisterung der Kinder darstellte.

    „Das Kind kommt und geht mit leeren Händen. Es legt sich im Rahmen des Blattes eine Welt an, einen Raum, in dem das Kind etwas Wesentliches erlebt.“

    Ergriffen von dem Jubel und der Begeisterung der Malenden, gründete Arno Stern später den Malort in Paris, der dort 33 Jahre bestehen sollte. Jede Woche kamen 150 Kinder zu ihm, er erlebte das „Malspiel“ und war Zeuge der einzigartigen Äußerung, die während des Malens entstand, und ihn nicht mehr losließ.

    Alle Bilder, die im Malort geschaffen werden, bleiben im Malort. Das ist wichtig, damit das Kind eben keine „Werke“ anfertigt. Würde das Kind die Bilder mitnehmen, würden sie gezeigt und bewertet. Das soll vermieden werden: Anders als in der Kunst, waren die entstehenden Werke nicht als eine Art Botschaft an den Empfänger gerichtet. Die Spur war somit natürlich, fließend und konnte durch Arnos Haltung frei bleiben von jeglicher Bewertung. Kinder stellen keine Werke her, sie spielen. Gibt es nichts, das mit einer bestimmten Absicht erzeugt wird, gibt es auch kein „Nachher“, sondern nur, was das Kind im Moment des Spielens erlebt.

    Die Bilder, die im Malort geschaffen werden, verbleiben dort. Bis zum heutigen Tag haben sich über 500.000 Dokumente angesammelt. (Foto © Institut Arno Stern)

    Das war entscheidend für seine Begegnung mit der „Spur“ des Kindes. Über die Jahre bemerkte er, dass alle Kinder dasselbe erlebten: In allen Bildern erschien eine beschränkte Anzahl an Dingen. Er begann, ein Inventar aufzustellen. Das war der erste Schritt in seiner Forschung. Es fiel ihm auf, dass es innerhalb der Äußerung eine Entwicklung gibt: Entwicklungsstufen, die ein Kind durchlebt und die sich widerspiegeln in der Äußerung des Kindes. So gewann er über die Jahre einen Gesamtüberblick über die Äußerung. Er suchte einen Namen dafür und fand den Begriff der „Formulation“. Arno Stern beschreibt sie als ein Gefüge mit eigenen Bestandteilen und besonderen Abläufen, die unvergleichlich sind mit anderen Abläufen und auch den Abläufen der Kunst.

    „Spielen heißt, etwas erleben. Nicht, etwas erzeugen.“

    Er stellte sich die Frage nach dem Ursprung dieser Äußerung, die – wie seine Forschung zeigte – überall auf der Welt, unabhängig von der Gesellschaft, ähnliche Formen annahm. Für ihn stand fest, dass sie aus dem Inneren des Menschen kommen musste. So begegnete er der Quelle der Formulation, die er die „Organische Erinnerung“ nannte. Er konnte nicht sagen, wo genau sie war, einzig, dass es sie gab. Heute wissen Neurowissenschaftler, dass es in der Tat eine Art Speicherung in unseren Zellen gibt.

    Die unfreien Kinder der Gegenwart

    In den 50er bis 80er Jahren erlebte die Formulation eine Art Blütezeit. Arno erzählt mir, dass ein Kind damals in den Malort kam und etwas erschuf. Es war frei in seinem Tun, begeistert dabei, sich seine eigene Welt anzulegen. Heute kommt ein Kind in den Malort, stellt sich vor sein Blatt und fragt: „Was soll ich tun?“

    Früher hätte das Kind so etwas nie gefragt, es malte einfach darauf los. Aber heute sind Kinder so belastet von all den Begriffen, die ihnen beigebracht werden; von Farbenlehre, Stilrichtungen, Kompositionsgesetzen. „Das sind doch keine Überlegungen für ein spielfähiges Kind!“, sagt er.

    Da jedes Kind aber für ein ganzes Jahr im Malort eingetragen ist und jede Woche malt, wird es nach und nach wieder frei.

    Das ist ein gerettetes Kind, ein kindhaftes Kind. Aber das ist eine Ausnahme in unserer Gesellschaft. Hunderttausenden von Kindern ist das Spiel verdorben worden, und sie werden niemals wieder spielfähig sein. Niemals mehr das erleben, was die Kinder im Malort erleben, und was sie so beglückt hat. Das ist meine Sorge heute. Wenn ich ein Kind davon erlöse, dem Kind ermögliche, wieder zu sich selbst zurück zu kommen, dann bin ich sehr glücklich darüber. Das ist mir ein Ziel geworden, den Kindern diesen Rückweg zu gewähren.

    (Foto © Institut Arno Stern)

    „Die Kunsterziehung ist ein weltweites Übel.“

    Auf die Frage, was Arno Stern sich wünscht, für unsere Gesellschaft, unsere Kinder und für uns, hält er kurz inne. Er weiß nicht, ob er sich etwas wünschen würde: „Ich  tue etwas. Und ich glaube daran, an das, was ich tue. Für mich ist die Begegnung wichtiger als das Erstrebte, das Gewünschte.“ Und wenn er sich bemüht, dem Gedanken nachzugehen: „Es ist mein Wunsch, dass möglichst viele Menschen vom Malort und der Spur des Kindes erfahren. Damit sie erfahren, dass es die Formulation gibt und was sie bedeutet. Damit man der Spur des Kindes anders begegnet. Also dem Kind anders begegnet.“


    Die Begegnung mit Arno Stern war eine, die mich noch lange gedanklich begleiten wird und die meinen Blick auf die „Kunst“ meiner Tochter nachhaltig verändert hat. Ich sehe ihr Malen, das Singen und das Tanzen – die kreative Äußerung – nun mit einem freieren Blick.

    Ich habe noch größere Achtung vor ihrem Tun und bemühe mich noch mehr als zuvor, sie auch hier einfach zu begleiten, zu sehen und anzunehmen. Einmal mehr: frei von Bewertung.

    Ich freue mich auf deine Gedanken!

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    Malort Fotos © Institut Arno Stern