In diesem Artikel erzähle ich von einer Situation, in der ich keinen anderen Ausweg sah, als meine Tochter anzuschreien und dann beschoss, etwas zu ändern. Ich beschreibe, wie ein Perspektivenwechsel uns dabei helfen kann, den Alltag mit Kindern harmonischer zu gestalten. Und ich zeige euch konkrete und sofort umsetzbare Wege, mit deren Hilfe wir Konflikte entschärfen und Luft zum Atmen gewinnen können. Liebevoll und auf Augenhöhe mit unseren Kindern.

Wir Eltern sind nicht unfehlbar – müssen wir auch nicht sein. Aber vielleicht schaffen wir es mit kleinen Anleitungen zur Reflexion und Tricks für uns selbst, öfter bei uns zu bleiben.


„Mama, bitte schrei nicht!“

Zwei fundamentale Wahrheiten, auf die ich in meiner bisherigen Zeit als Mama gestoßen bin, lauten: „Dein Kind ist niemals das Problem“ und „Vieles ist dir nicht so wichtig, wie du denkst“. Das ist so einfach dahin geschrieben, und gleichzeitig ein ziemliches Stück zu verarbeiten. Lasst mich ein wenig ausholen…

Wenn Konflikte eskalieren: Die Christbaumnadeln

Es ist Zeit, sich von unserem Christbaum zu verabschieden. Wir nehmen den Schmuck gemeinsam ab – Vater, Mutter, Kind. Der Baum steht schon lange und so rieseln die Nadeln leise wie Schnee zu Boden. Beim Versuch, den Baum aus dem Fenster über den kleinen Balkon raus vors Haus zu werfen, fallen noch mehr Nadeln ab. Meine Tochter findet das große Klasse!

Ich beginne, die Nadeln zu einem Haufen zu kehren. Prompt rennt der aufgedrehte Fortpflanz durch den Haufen. Ich ermahne meine Tochter, das bitte nicht zu tun. Und wieder – wusch! Und nochmal.

Nach dem dritten Mal gehe ich hin, hebe sie hoch und setze sie an einer anderen Stelle wieder ab. Eine Laute Stimme in meinem Kopf ruft: „Aber das muss sie doch so machen! Sie muss doch folgen!“ So fühlt es sich an, wenn die Er-ziehung anklopft und sich über unsere Be-ziehung hinwegsetzt.

Meine Tochter möchte nicht gehoben werden, ich habe ihre Grenze überschritten. Natürlich habe ich das! Noch während ich sie halte, merke ich es. Es tut mir weh, das zu tun. Es widerspricht dem, was und wie ich sein möchte für sie. Meine Tochter kratzt mich im Affekt, ich schreie. Sie weint.

Nach dieser Situation dachte ich mir: Genug. Nie mehr. Das will ich nicht.

“Wenn Eltern frustriert über die Beziehung zu ihren Kindern sind, ist das jedoch niemals die Schuld der Kinder. Vielmehr stehen Sie in der Verantwortung, Ihren eigenen Beitrag zur Gesamtsituation zu ändern. Wenn wir dem Kind die Schuld geben, kränken wir seine persönliche Integrität und reduzieren seine Lebenstauglichkeit.“ – Jesper Juul in „4 Werte, die Kinder ein Leben lang tragen“

Ich habe genug! Oder: einmal Veränderung, bitte!

Es hat mir gereicht. Ich wollte weder die Mama sein, die die Grenzen ihres Kindes ignoriert und überschreitet, noch wollte ich eine schreiende Mama sein. Es widerstrebt jeder Zelle meines Körpers, mich meinem Kind gegenüber so zu verhalten.

Ich fing also an, nachzulesen. Ich beschäftigte mich mit ihr, mit mir, mit uns als Familie und mit unseren Bedürfnissen. Diese Tannenbaum-Situation analysierte ich immer wieder und kam zu einer für mich seither essentiellen Frage:

Ist es mir wirklich so wichtig? Und wenn ja: Warum?

Ich hatte die fixe Idee im Kopf, die Nadeln müssten unbedingt auf einem Fleck bleiben. Dieser Idee gegenüber steht der Entdeckungsdrang meiner Tochter, der unbändige Wille, zu lernen und neue Erfahrungen zu machen.

Sie weiß noch nicht, wie es ist, wenn sie da durchläuft. Wie weit die Nadeln zur Seite fliegen, wo sie landen, wie groß das Durcheinander sein kann. Sie weiß nicht, wie sich die Nadeln unter ihren Füßen anfühlen, ob sie rutschig sind oder nicht.

Und wisst ihr was? Ich weiß das auch nicht.

Aber ich hab das Kind in mir über die Jahre schon so weit verloren, dass ich in der Situation nicht einmal sehen konnte, wie wichtig dieser olle Nadelhaufen gerade für meine Tochter war. Hauptsache, nichts fliegt durcheinander. Wie ausgesprochen langweilig. Und wie traurig.

Ich sehe dich, aber auch ich habe Bedürfnisse.

Nun handelt es sich aber manchmal nicht um unsinnige Ideen von uns Eltern, die wir „durchsetzen“ möchten. Manchmal haben auch wir echte Wünsche oder Bedürfnisse, die gehört werden wollen. (Ich habe für mich kürzlich festgestellt, dass das zum Glück sehr wenige sind.)

Vielleicht haben wir zum Beispiel den Wunsch, nicht von unseren Kindern geschlagen zu werden. Dem gegenüber steht ein bindungs- und bedürfnisorientiert aufgewachsenes Kind, das sich der Liebe seiner Eltern sicher ist. Wir tun seit jeher unser bestes, unsere Kinder wahrzunehmen. Wir haben sie nicht schreien lassen als Babys, sind und waren für sie da. Haben sie angenommen, wie sie sind, und ihre Gefühle ernstgenommen. Sie haben Freiraum und Sicherheit bei uns. Für uns Eltern wäre es also das vermutlich schönste Kompliment, wenn unsere Kinder ihre Gefühle leben und uns gegenüber zum Ausdruck bringen. Pur und ungefiltert. Sie „trauen“ sich das, weil sie sicher sind, auch dann von uns angenommen und geliebt zu werden.

Während Kinder, die gelernt haben, dass die Liebe der Eltern an Bedingungen geknüpft ist, ihren Zorn oft hinunterschlucken – aus Angst vor möglichem Liebesentzug – geben unsere also Vollgas. Und so landet schon manchmal eine Hand unschön auf dem elterlichen Kopf oder anderswo. Nicht oft, nicht regelmäßig, aber es kommt vor. Ich kenne solche Situationen – und ich war einige male davon überfordert.

Ich will nicht geschlagen werden!

Über schlagende Kinder allgemein zu tippen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Deshalb verweise ich an dieser Stelle mit bestem Gewissen auf drei informative Artikel:

„Kinder hauen nicht, weil sie böse sind. Kinder hauen auch nicht aufgrund von liebevoller Begleitung. Indem wir immer nur das Verhalten betrachten, vergessen wir unseren Blick auf die dahinterliegenden Bedürfnisse zu lenken. Und in dem wir den Eltern subtil zu verstehen geben, sie wären zu lasch in der Erziehung, formen wir eine Erziehungskultur, die auf respektloser Autorität fußt, hinterlassen wir verunsicherte Eltern zurück und „diagnostizieren“ Kinder.“

– aus 6 Gründe, warum kleine Kinder hauen

„Während Kinder, die sich in sich zurückziehen, für ihr „gesellschaftsadäquates“ Verhalten meist gelobt werden, ernten Kinder, die ihren Schmerz über das Gefühl des Werteverlustes über die Strategie des „Schwierig-Seins“ offenbaren wollen, meist herbe Kritik. Dadurch erleben sie sich als noch weniger wertvoll und agieren diesen Schmerz noch stärker aus – ein Teufelskreis, der nur durch die Erwachsenen durchbrochen werden kann.“

– aus Wenn das Kind Eltern aggressiv schlägt, tritt und beisst

„Der Auslöser jedes Wutanfalls – sei es der eines Kleinkindes, eines Schulkindes oder auch eines Erwachsenen – ist ein Bedürfnis, das nicht erfüllt ist. So kann Wut für uns sehr wertvoll sein, da sie uns zeigt, dass wir die Grenze unseres Gegenübers nicht wahrgenommen haben. Wir sollten uns daher (wenn wir dazu gerade in der Lage sind) bei jedem Wutanfall unserer Kinder zunächst einmal zurücknehmen und überlegen, was gerade schief läuft und ob es sich mit einfachen Mitteln beheben lässt.“

– aus Trotzphase: Umgang mit Wutanfällen in der Autonomiephase


5 Alternativen zum Schreien

Egal, wie achtsam wir im Umgang mit unseren Kindern sind, da gibt es manchmal einfach zu unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse. Oder wir kriegen unsere „Erwartungen“ nicht in den Griff. Verlangen etwas, wozu unser Kind nicht imstande ist oder etwas, das ihm widerstrebt. Und wir merken nicht, dass unsere Forderung ungerechtfertigt ist. Das wir vielleicht gar nicht fordern sollten. Wie auch immer… Konfliktpotenzial ist da.

Nun sind Konflikte an sich etwas wertvolles, zumal sie sehr lehrreich für alle Beteiligten sein können – vor allem für uns Eltern, da wir (hoffentlich) eher im Stande sind, darüber zu reflektieren, als unsere Kleinkinder.

In der Situation aber, in der wir vor Emotionen nicht wissen, wie wir reagieren sollen, der Druck in der Brust zunimmt und der Kloß in unserem Hals rasend schnell wächst, da muss es flott gehen. Was wir nicht wollen: Schreien.

Was können wir stattdessen tun?

1 Singen!

Tada, ja, das hilft wirklich. Schon ausprobiert. Denn irgendwohin muss diese aufgestaute Energie ja. Durchs Singen – gern auch etwas lauter – kann sie raus. Und in dieser Situation ist das so unpassend und unerwartet, dass vermutlich sowohl das Kind, als auch wir lachen müssen.

Es wäre sicher gut, nicht unbedingt „Alle meine Entchen“ zu singen, wenn uns das schon bei den Ohren rauskommt und wir uns damit noch grantiger fühlen. Geht mal eure Playlist durch, vielleicht findet ihr geeignete Favoriten, die ihr dann so richtig von der Seele weg vortragen könnt.

2 Ganz tief durchatmen.

Innehalten. Abwarten. Dem Reflex, etwas Verletzendes zu sagen oder das Kind anzuschreien, widerstehen. Mit diesem gewonnenen Abstand und dem bisschen Frischluft in den Lungen, fällt es uns schon wesentlich einfacher, wir selbst zu bleiben. Und unserem Kind auf Augenhöhe, liebevoll und so ruhig wie gerade eben möglich zu begegnen.

3 Gefühle ansprechen.

Sätze wie „Ich mag es nicht, wenn du XY tust.“ oder „Ich hasse es, wenn…“ können helfen, den ersten Frust abzulassen. Gefolgt von „Geht’s dir nicht gut? War das so ärgerlich/schlimm/doof für dich?“ So haben wir erst kurz unseren eigenen Gefühlen Raum gegeben und sind dann gleich dabei, unser Kind beim Einordnen und Verbalisieren seiner Gefühle zu unterstützen.

Es gilt auch hier, das zu erreichende Ziel im Auge zu behalten. Vielleicht können wir dorthin gelangen, wenn alle vorhandenen Gefühle ihren Patz haben. Kleinkindern fehlen dafür oft die Worte. Wir helfen also.

4 Bis 5 zählen.

Oder bis 10, falls notwendig. Oder von 10 rückwärts. Eine erste Möglichkeit, unsere Gedanken komplett von der Situation loszulösen und den logischen, „coolen“ Teil unseres Hirns zu aktivieren – salopp formuliert. Vielleicht freut sich das Kind ja drüber, weil es gerade die Zahlen bis 10 gelernt hat, und zählt mit.

5 Die Perspektive ändern.

Diesen Punkt habe ich bei den Christbaumnadeln schon angesprochen. Ist es mir wirklich so wichtig, dass die Nadeln auf einem Haufen bleiben? Ist es wirklich so wichtig, dass mein Kind in der Sekunde zu Tisch kommt? Die Lieblingspuppe in der vollen Badewanne trocknet wieder, die Milch kann man wegwischen, die Pflanze bekommt bald ein neues Blatt. Den Stift kann man zum Glück von der Couch schrubben und der angeschmierte Pulli kommt in die Waschmaschine.

Und ja, die Christbaumnadeln kann man auch später wegfegen, mit ihrem Haushalts-Set zum Beispiel. Vielleicht Staubsaugen wir auch gemeinsam, das macht Spaß.

Mama, bitte, geh nicht weg!

Was ich wirklich nur als allerletzten Ausweg sehe – also nur, bevor die Situation womöglich völlig eskaliert – ist das Weggehen. Einerseits kann es, vor allem bei kleineren Kindern, Urängste auslösen, wenn die Bezugsperson den Raum verlässt. Weiter soll es bei jedem Konflikt (egal ob mit Kindern, dem Partner, Freunden,…) unser oberstes Ziel sein, uns wieder anzunähern.

Gehen wir also einen vorsichtigen Schritt auf unser Kind zu und nehmen eine offene Gestik ein, so signalisieren wir: Ich bin da. Ich sehe dich. Wenn du bereit bist, kannst du zu mir kommen.

Das heißt nicht, dass wir das Kind in seiner Emotion stören, wenn es aufgrund des vorangegangenen Konflikts gerade verärgert ist und Raum braucht. Wir beengen es nicht, drängen es nicht. Wir warten und sind da, wenn es das möchte.

Wenn wir wirklich keine andere Option mehr sehen, dann können wir auf Abstand – in einen anderen Raum zum Beispiel – gehen. Manchmal hilft es vielleicht auch, nur ein paar Schritte zur Seite oder zurück machen. Ein anderer Standpunkt, sozusagen. Vielleicht habt ihr ja noch genug Luft, um euer Rausgehen kurz anzukündigen: „Ich gehe eben in die Küche, komme gleich wieder“. Ihr werdet sehen, wie das bei eurem Kind ankommt. Ob es in Ordnung ist, oder nicht. Auch wenn es OK scheint, solltet ihr damit sehr vorsichtig sein.

Weggehen löst Probleme nicht. Es schiebt sie auf.

Strafen sind nie eine Lösung

Dass Kinder nie in ein Zimmer gesperrt oder wegschickt werden, müssen wir nicht besprechen, oder? Verordnete „Auszeiten“ an einem stillen Ort sind eine „Erziehungsmethode“, von der man niemals Gebrauch machen sollte. Konsequenzen senden – wie alle „Strafen“ – eine falsche Botschaft ans Kind. Kinder fühlen sich nicht in ihrer Not und ihren Gefühlen begleitet, sondern alleine gelassen.

Oftmals geht es zudem um Gefühle, die Kinder noch gar nicht richtig einordnen können. Sätze wie „Denk mal darüber nach, was du gemacht hast!“ sind also nicht nur vollkommen sinnentleert, sondern auch noch schädlich.

„Kinder, die bestraft werden, verlieren vor allem eines: das Vertrauen. In ihre Eltern, in die eigenen Gefühle, daran, geliebt zu werden und letztlich auch das Vertrauen an sich selbst.“

von Aida S. de Rodriguez bei Elternmorphose

Es tut mir leid! – über’s Entschuldigen

Wir Eltern sind nicht unfehlbar, oh nein, das sind wir nicht. Müssen wir auch nicht sein. Echte Gefühle der Eltern und deren Ambivalenz kennenzulernen, ist wichtig für Kinder. Aber wir sollten uns auch eingestehen, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Und uns bei unseren Kindern dafür entschuldigen.

Wie oft schon hab ich sie zu mir auf den Schoß geholt, sie umarmt und ihr gesagt: „Weißt du noch, vorhin, als die Mama dieses und jenes gesagt hat? Das hat dich geärgert / traurig gemacht, gell? Das tut mir sehr leid. Das wollte ich nicht. Wie geht’s dir?“

Kleine Kinder vergeben meistens schnell.

Was haben wir für ein Glück!


Kennt ihr Situationen wie die beschriebene mit den Tannennadeln?

Wie reagiert ihr bei Konflikten? Werdet ihr manchmal laut?

Was hilft euch dabei, ruhig zu bleiben? Ich freu mich auf eure Tipps und Erfahrungen!

 

„Mama, nicht schreien!“ – Wie wir es schaffen, unseren Kindern auch in schwierigen Situationen liebevoll zu begegnen (und 5 Alternativen zum Schreien)

Weiterführende Literatur & nützliche Artikel:

  • Marshall B. Rosenberg: „Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens“

Dieser Artikel wurde erstmals veröffentlicht am 4. Februar 2017.

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(Inklusive 9 Artikel, die mir dabei geholfen haben, ein Stückchen mehr die Mama zu werden, die ich sein möchte.)

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