Heute im Café. Ich sitze an einem kleinen Tisch, gleich neben dem Teich, in dem es gerade vor Fröschen nur so wimmelt. Schön ist das. Während ich meinen Laptop aufklappe, bestelle ich eine der hausgemachten Limonaden, die ich so mag. Es ist wenig los. Ich freue mich auf eine Stunde konzentriertes Arbeiten, bevor ich wieder heim fahre.

Hinter mir nehmen kurz darauf zwei Frauen, vermutlich etwas älter als ich, Platz. Ich nehme sie nur halb wahr, höre erst ihre Stimmen, versinke dann aber wieder in meinem Bildschirm.

Bis zu dem Moment, in dem die eine nach dem Sohn der anderen fragt: „Wie geht’s Lukas denn?“ Die andere atmet tief durch und antwortet: „Gut. Aber er ist SO schüchtern!“

Wenn ich nicht weghören kann und das Zuhören schmerzt

„Noch immer? Wie alt ist er denn jetzt?“

„Vor kurzem drei geworden.“

„Hm, aber, wie meinst du, schüchtern? Also, wann ist er schüchtern?“

„Immer! Es ist eine Katastrophe. Ich meine, ich war auch schüchtern als Kind, aber er übertrifft leider alles. Er redet nicht mit Fremden und auch nicht mit Bekannten von uns. Er grüßt auch nie und er nimmt keine Geschenke an. Kein Zuckerl oder Luftballons oder so. Letztens war er mit seiner Oma unterwegs und die Dame hinter der Theke wollte ihm beim Einkaufen eine Scheibe Wurst geben. Meine Mutter hat ihn aufgefordert: ‚Diesmal nimmst du’s aber selbst, Lukas, gell?‘ aber sein ganzer Körper hat sich versteift. Uns ist das immer so peinlich! Am Ende nehmen wir die Dinge dann für ihn.“

Ich stutze. Es ist ihr peinlich? Ich möchte nicht lauschen, aber weghören geht halt auch nicht.

„Bei anderen Kindern braucht er auch immer ewig, bis er sich zumindest in ihre Nähe traut. Letzte Woche waren wir bei einem Kindergeburtstag mit Clown. Lukas stand die ganze Zeit neben mir. Irgendwann hat der Clown begonnen, Luftballons zu verteilen und ich habe gesagt: ‚Schau mal, wenn du auch einen willst, geh hin und hol ihn dir, sonst gehst du ohne nach Hause‘ Und weiß du was? Er hat zehn Minuten gebraucht, um zum Clown zu kommen. Der Clown hielt ihm einen Luftballon vor die Nase – zwei mal sogar – aber er nahm ihn nicht. Ich sag’s dir, ich hab die ganze Zeit die Daumen gedrückt und fast geheult.“

„Hat er einen Luftballon bekommen?“, will die andere wissen.

„Nein. Als der Clown dann weg war, hat Lukas mich gefragt, warum er keinen genommen hat. Ich hab daraufhin gesagt, dass ich das nicht weiß und ihm selbst die Frage gestellt. Er hat geantwortet: ‚Weil Lukas schüchtern ist.‘ Hm, ich weiß nicht, was ich machen soll.“

In den Minuten, in denen ich der Geschichte der unbekannten Mama lauschte, konnte ich die Anspannung, die Angst ihres Kindes, förmlich spüren. „Warum machst du das, Mama von Lukas?“, hab ich mich die ganze Zeit gefragt.

Wie kann ein dreijähriger jetzt schon von sich selbst glauben, er sei schüchtern? Und das so sehr, dass er es nicht nur irgendwo mal aufgeschnappt hat, sondern sogar in Bezug auf eine konkrete Situation ausspricht. Wie oft muss es ihm da schon suggeriert worden sein? Self-Fulfilling Prophecy?

Schüchterne Kinder sind wie Knospen: sie zu überwässern lässt sie nicht schneller erblühen

Unsere Tochter ist knapp zwei. Auch sie ist ein „schüchternes“ Kind. Wenn wir Besuch bekommen, braucht sie meistens lange, um warm zu werden. Nur in seltenen Fällen fühlt sie sich sofort wohl. Vor Fremden ist sie meistens still, sie möchte auch nicht angegriffen werden oder die Hand geben. Sie will einfach ihre Ruhe haben und erstmal schauen.

Und wisst ihr was? Das ist in Ordnung.

Mit jeder Faser meines Körpers sage ich euch, liebe verunsicherte Eltern schüchterner Kinder:

DAS IST IN ORDNUNG!

Übers Messen mit zweierlei Maß

Warum messen wir Erwachsenen bei Kindern immer mit zweierlei Maß? Wenn ich als Erwachsene jemanden nicht grüßen möchte, dann tue ich es nicht. Wenn ich von einem Fremden nichts annehmen will, dann tue ich es nicht. Wenn ich (Herrgott nochmal!) nicht angefasst werden will, dann lasse ich es nicht zu! Wenn ich mich in einer Menschenmenge unwohl fühle, dann bleibe ich ihr einfach fern.

Wenn ich dadurch als Erwachsener auf einen Luftballon oder eine leckere Scheibe Wurst verzichten muss, dann ist das mein Problem. Ich kann abschätzen: Was ist mir wichtiger? Lohnt es sich für mich, meinen Unwillen zu überwinden und mir den Luftballon zu holen? Oder ist der Ballon gar nicht so wichtig und ich erspare mir den Ausflug in meine persönliche Panikzone?

Kinder haben das Glück, uns zu haben. Ihre Eltern. Verantwortungsvolle Erwachsene, die mitfühlen und mitdenken, sich in sie hineinversetzen, für sie da sind und ihnen helfen, wenn sie Hilfe brauchen.

Es ist als Mutter meine Aufgabe, zu erkennen, wie viel ich meinem Kind zumuten kann. Es ist meine Aufgabe, zu erkennen, wann es meine Hilfe braucht.

Liebe Mama im Café, dein Sohn hätte deine Hilfe gebraucht. Ich weiß, wir bemühen uns immer, nicht klugscheißerisch zu sein, weil wir uns nie zu 100 % in andere Mütter hineinversetzen können. Aber es gibt Situationen, da schreit alles in meinem Inneren: Bitte, Mama, mach’s anders!

Ich schicke mein Kind doch auch nicht auf eine morsche Brücke und warte auf der sicheren Seite händeringend ab, ob sie hält oder bricht. Warum sollte man so etwas dann auf psychischer Ebene tun?

Kinder hören mit – immer!

Was (und wie viel davon) braucht es, um ein Kleinkind von sich selbst glauben zu lassen, es sei schüchtern?

Euch ist sicher schon mal aufgefallen, wie oft Eltern vor ihren Kindern über sie in der dritten Person sprechen und so tun, als hörten sie nicht zu? Auch ich muss mich immer wieder selbst an der Nase nehmen und aufpassen, dass mir so etwas nicht passiert. Da sagt man zur Oma dann Dinge wie „Es ist furchtbar, nie will sie sich wickeln lassen! Das ist immer so anstrengend!“, statt das Kind miteinzubeziehen, und evtl. so zu formulieren: „Heute früh hattest du keine Lust auf eine neue Windel, stimmt’s? Das kommt ja mal vor. Ich bin froh, dass wir es sonst ganz gut hinbekommen“ und sich dann erst an die Oma zu wenden: „Weißt du Oma, sie hilft mir meistens sogar dabei!“

Keine Killerphrasen wie „immer“ oder „nie“, nicht in der dritten Person von einem Menschen sprechen, der genau neben einem steht, sich gerade an uns anschmiegt oder am Schoß sitzt. Wiederum: Bei einem Erwachsenen würden wir uns auch nicht so verhalten, oder?!

Kinder hören uns. Sie verstehen uns, auch Kleinkinder. Darüber sollten wir uns im Klaren sein.

„Das macht die Mama aber traurig!“

Und wenn ich glaube, ich kann mich nicht noch mehr ärgern – dieses Thema berührt mich wirklich sehr – fallen mir Formulierungen wie diese ein: „Wenn du dieses oder jenes nicht machst, dann macht das die Mama aber traurig.“ Psychische Erpressung ist so ziemlich das Letzte, das ich meinem Kind wünsche.

Wende ich Formulierungen wie diese in einer Situation wie der mit dem Luftballon an, übt das noch mehr Druck auf das Kind aus. Zu der ohnehin schon vorhandenen Angst gesellt sich nun auch noch das Gefühl, die Eltern zu enttäuschen und dadurch vermengen sich Schüchternheit, Versagensängste und Kummer.

„Na, du bist aber schüchtern!“ – „Nein, ist sie nicht. Sie redet bloß nicht mit jedem!“

„Du bist aber sehr schüchtern!“ Auch wir bekommen Sätze wie diesen manchmal zu hören. Großteils von wildfremden Menschen, die meinen, jetzt ihre Meinung anbringen zu müssen, weil meine Tochter sich nicht ihren Vorstellungen entsprechend verhält.

Anfangs war ich noch unsicher, wie ich auf eine solche Aussage reagieren sollte. Schließlich möchte ich grundsätzlich niemanden vor den Kopf stoßen… Bis mir auffiel, dass meine Tochter es war, die permanent zum Handkuss kam.

Seither ist es mir egal, ob und wann sich jemand auf den Schlips getreten fühlt. Meine Tochter geht vor.

Ich möchte niemals, dass sie aufgrund solcher Aussagen von für uns vollkommen irrelevanten Menschen, an sich zweifelt. Sie weiß, was ihr guttut und ob sie die Scheibe Wurst annehmen möchte, oder nicht.

Sie ist ein Kind! Sie muss nicht müssen und nicht wollen.

Was also tun? Ich frage nach!

Natürlich habe ich keine allgemeine Formel für den Umgang mit „schüchternen“ Kindern. Ich kann euch nur erzählen, wie ich es handhabe. Und bisher habe ich das Gefühl, damit ganz gut zu fahren.

  • Wenn meine Tochter etwas angeboten bekommt, dann frage ich sie, ob sie es nehmen möchte. Wenn ich merke, dass sie keine Antwort geben will und auch nicht danach greift, dann nehme ich es für sie und gebe es an sie weiter.
  • Es ist mir niemals, in keiner einzigen Sekunde, peinlich, wenn meine Tochter nicht grüßen möchte. Auch nicht, wenn sie mit jemandem nicht reden will. Sie wird es tun, wenn sie soweit ist.
  • Ich bereite sie auf bestimmte Situationen vor. Wenn ich weiß, dass wir später Besuch bekommen, dann erzähle ich ihr im Vorfeld mehrmals davon. Ich sage ihr, wer das eigentlich ist, der da kommt, wie die Personen heißen und warum wir sie treffen.
  • Ich erkläre Situationen: „Schau mal, Mausi, die Dame hat ein Stück Extrawurst für dich. Das ist eine nette Frau. Wenn du möchtest, kannst du das Stück nehmen.“

Ich sehe meine Rolle als Mama als eine unterstützende, begleitende, behütende.

Es ist an mir, einzuschätzen, wie weit ich mein Kind gehen lassen kann: Wann begibt es sich in die sog. „Risikozone“ und wo beginnt die „Panikzone“? Im zweiten Bereich findet kein Lernen mehr statt, das Kind empfindet pure Lähmung. So ergeht es auch uns Erwachsenen, wenn wir über die Stränge schlagen. Panik verhindert Lernprozesse.

Das Bedürfnis des Kindes ist wichtiger als die eigene Erwartung!

Also, liebe Café-Mama. Ich weiß, du willst nichts falsch machen. Ich weiß auch, dass ich heute meinen Kopf wieder in den Laptop gesteckt und nichts zu dir gesagt habe. Wie auch? Es geht mich ja nichts an.

Aber du hast etwas in mir entzündet: Den Willen, unbedingt darüber zu schreiben, welche Erfahrungen Eltern schüchterner Kinder machen und wie wir darauf reagieren können. Meine persönliche Antwort habe ich dir beschrieben.

Ich habe keine allgemeingültig Formel, das würde ich nie behaupten. Ich habe nur einen Weg, unseren Weg, mit dem wir uns wohlfühlen.

Und vielleicht liest du hier ja rein. Wer weiß.

Ich wünsche dir die Kraft, auf dein Herz zu hören und dein Kind zu unterstützen, wenn es dich braucht. Auch, wenn die Stimmen, die meinen, dein Kind sei ach so schüchtern und dass es doch endlich mal was allein machen müsse, noch lauter werden.

Sei lauter als die. Für dein Kind. Und für dich.


Habt ihr selbst schüchterne Kinder? Was sind eure Erfahrungen?

mama, ich bin schüchtern - warum es so wichtig ist, unsere Kinder zu begleiten, wenn sie uns brauchen

 

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