„Ich tu etwas, das ich nicht fühl!“ – Über Gewalt an Kindern

Gastartikel von Ruth Abraham – Der Kompass

Ich hörte als erstes ein dumpfes Geräusch und eine laute Stimme. Hinter mir, hinter der alten Tür des kleinen Ladens, in dem ich stand, sah ich auf der Straße einen Mann mit einem kleinen Mädchen. Das Mädchen hing mit dem Arm in seiner Faust, er hob es hoch und zischte nach ihr. Mein Portugiesisch ist noch nicht gut genug, um alles zu verstehen, aber was ankam, war ‚Cabra‘. Ziege. 

In mir stieg ein Zittern auf. Ich sah mich um – da mein Gehirn das eines sozialen Wesens ist, ist es ihm wichtig, Reaktionen anderer abzuchecken. Zwei ältere Frauen im gegenüberliegenden Laden schauten zu und tranken Kaffee. Zwei Jugendliche eilten vorbei an dem Mädchen, das nun begann, leise zu wimmern.

Ich überlegte. Was sollte ich sagen?

Ich konnte mich nicht verbinden mit dem Mann, falls er kein Englisch verstand. Ich hatte noch nichtmal eine rechtliche Grundlage, auf der ich handeln würde, denn in Portugal ist die Misshandlung von Kindern nicht strafbar. Und Unrechtsbewusstsein konnte ich auch nicht voraussetzen.

Während ich überlegte, zog der Mann das Mädchen weiter über die Straße.

Ich raffte mich auf und lief aus dem Laden. Irgendetwas, überlegte ich, muss ich doch tun. Und sei es als Signal.

Da hörte ich einen weiteren Schlag, genau so dumpf wie der erste. Der Mann hatte das Kind geschlagen, mitten auf den Rücken. Es fiel hin und schrie auf. Ich rannte los und schrie: „Stop!“ Mit mir fing eine ältere Dame an, auf den Mann einzureden und half dem Kind hoch.

Wir beide standen atemlos vor den beiden und sprachen in zwei Sprachen auf den Mann ein, bis er sich zu uns drehte. Er war bleich und die Tränen standen in seinen Augen.

Da war keine Grausamkeit.

Nur Scham und Angst und Traurigkeit.

Gewalt sitzt tief

Wenn wir über Erziehung reden, über Nuancen an Lob und Bestimmung, dann vergessen wir oft, dass Gewalt in all ihren Schattierungen tief verwurzelt ist in der Geschichte der Menschheit. Und Kinder sind aufgrund ihrer Position immer die, die sie als Erste erleben und erdulden müssen.

Kinder sind aufgrund ihrer Position immer die, die Gewalt als Erste erleben und erdulden müssen.

Diese Spiralen zu unterbrechen und wirklich hilfreich zu sein ist für mich die ganz große Aufgabe unserer Zeit, wenn wir die großen Probleme der Welt lösen wollen: Empathie und Verbindung sind der Schlüssel zu ihnen allen.

Denn hinter Gewalt steht immer eine Not. Gewalt ist zunächst eine effektive Kommunikationsstrategie – es geht darum, ein Gegenüber in die Reaktion zu zwingen. Aus soziologischer Sicht ganz klar ein Versuch, Verbindung durch Reaktion zu erhalten. Wenn wir also Gewalt bekämpfen wollen, müssen wir Verbindung stärken.

Doch wie kann das gelingen?

Beginnen wir bei uns: Wenn wir davon ausgehen, dass Bedürfnisorientierung für alle gilt, dann auch für uns.

Was also tun, wenn der Impuls, Gewalt auszuüben groß wird? Wir können uns verbinden mit eben diesen Bedürfnissen. Warum wollen wir unbedingt, dass das Kind JETZT mitkommt? Warum sind wir nicht bereit, nochmal aufzustehen und den Toast zu streichen, den das Kind haben will?

Dabei dürfen wir nicht vergessen, Bedürfnisse von Strategien zu unterscheiden. (Da empfehle ich sehr die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshal Rosenberg) Der größte Unterschied ist, dass Strategien auswechselbar und bewertbar sind – Bedürfnisse nicht.

„Wenn wir die anerzogene Selbstbeschämung beiseite lassen, können wir Gewalt mit dem einzigen Mittel bekämpfen, das langfristig hilfreich ist: Empathie und erfüllte Bedürfnisse.“ – Ruth Abraham

Der Vater, den ich beobachtet habe, hatte sicher eine Strategie, die ich als falsch bezeichnen würde. Das ist die Natur von Moral und es ist überlebenswichtig für uns als Menschen, Dinge moralisch zu bewerten.

Das dahinterstehende Bedürfnis (Anerkennung von den Personen, mit denen er lief? Wertschätzung von seinem Kind? Oder auch Hunger? Schlaf?) ist nicht falsch. Es ist das, was wir alle als Menschen brauchen. Nur der Ausdruck ist unglücklich und nicht beziehungsdienlich.

Wenn ich also Gewalt in mir als Option erlebe, ist das Beste was ich tun kann, mich einzufühlen. Mir selbst zuzuhören. Herauszufinden, was ich mir Gutes tun kann, anstatt mich abzuwerten.

Unglücklicherweise steht uns da oft das Prinzip der Erziehung im Weg – Selbstbeschämung. Wenn wir sie beiseitelassen, so meine feste Überzeugung, können wir Gewalt mit dem einzigen Mittel bekämpfen das wirklich langfristig hilfreich ist: Empathie und erfüllte Bedürfnisse.

Die bewegende Szene, die ich da gestern erlebt habe, hat mich erinnert: Wir alle handeln aus Not gewaltvoll.

Hinter aller Gewalt, Manipulation und Kontrolle stehen unerfüllte Bedürfnisse. Diese zu entdecken und sanft Schritte zu gehen, die Gewalt überflüssig machen – das ist die Mission, die mein Angebot erfüllen soll.


der kompass unerzogen leben Ruth AbrahamRuth Abraham

Der Kompass – Erziehung überwinden

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Ruth ist CEO von derkompass.org und arbeitet daran, Erziehung überflüssig zu machen, indem sie Eltern stärkt, authentisch und wertorientiert ihren eigenen Weg zu gehen.

Sie studiert Soziologie und Philosophie und lebt mit drei Kindern und ihrem Mann ohne Schule und Kindergarten an der portugiesischen Silberküste.


Wutkurs: Schluss mit der Wut!

(Es handelt sich hier um unbezahlte Werbung, aus Überzeugung und Dankbarkeit.)

Ruth war eine meiner ersten Unerzogen-Inspirationsquellen. Ich weiß nicht, wie der Weg, den ich heute gehe, ohne diese Berührungspunkte von damals aussehen würde. Ob er ähnlich wär, oder auch ganz anders. Ich weiß noch: Als ich den Satz „Erziehung ist Gewalt“ zum ersten Mal las, war ich – vorsichtig ausgedrückt – skeptisch. Ich dachte: „Ich bin ja schon offen fürs Andersmachen, denk schon gern selbst und bemüht kritisch. Aber das geht doch zu weit!“ Ich schüttelte den Kopf, tat die Vorstellung zunächst als „Extrem“ ab. Ich hatte nicht begriffen.

Ich hatte eine Idee von der Haltung, aber sie war noch nicht klar vor meinen Augen.

Aber es ließ mich nicht los, zum Glück. Immer wieder kam ich zurück zu Ruths Texten. Ich las wieder, und es ergab Sinn. Der berühmte Schalter legte sich um. Und wie so oft im Leben viele verschiedene kleine und größere Erlebnisse wie Puzzleteile ineinander fallen und perfekt passen, so wurde auch hier ein Steinchen neben das andere gelegt, bunt und immer anders.

Heute ebnen sie meinen Weg, den ich in Beziehung mit meinen Mitmenschen gehe.

Ich freue mich sehr über Ruths Gastartikel hier und auch darüber, an dieser Stelle ihren sechsteiligen Wutkurs empfehlen zu dürfen. Er richtet sich an Eltern, die endlich lernen wollen, mit ihrer eigenen Wut umzugehen. Das Managen der eigenen Emotionen ist so essentiell, wenn wir bewusster leben und uns selbst nicht hilflos ausgeliefert sein möchten. Genauso wenig wollen wir das für jene Menschen, die wir lieben. Der Kurs ist eine Einladung, sich selbst besser kennenzulernen.

Der Kurs kann im ganz eigenen Tempo durchgeführt werden, da der Zugang nicht verfällt. Wenn du den Wutkurs buchst, freue ich mich, wenn du das über den folgenden Link tust. Es ist Ein Affiliate-Link, ich erhalte also eine Provision, während der Kurs für dich nicht teurer wird: Zum Wutkurs!

„Heute kann ich endlich sagen, dass meine Wut und ich Freunde geworden sind. Wie ich das gelernt habe, ist kein Hexenwerk – ich zeige es dir in meinem Kurs.“ . Ruth Abraham


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Titelbild © Fotolia

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Jeannine ist 30, Autorin, dipl. Kommunikationstrainerin und Bloggerin aus Wien. Sie ist Veranstalterin einer Workshopreihe für bewusste Elternschaft, Beziehungsautodidaktin und leidenschaftliche Verbreiterin der Idee des „Conscious Parenting“ im deutschsprachigen Raum. Neben all diesen Labels ist sie mit ganzem Herzen Mutter einer kleinen Tochter, Verlobte, Wegbegleiterin und immerfort Lernende.

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2 thoughts on “„Ich tu etwas, das ich nicht fühl!“ – Über Gewalt an Kindern

  • Reply Sandy aka Kuschelwürmchen_selfmade 10. Mai 2018 at 21:27

    Oh der Kurs klingt interessant, habe erst 2 Bücher über Aggression und Wut gelesen, aber wirklich weitergebracht haben sie mich leider nicht.
    Ein großartiger Artikel und meinen großen Respekt in der fremden Umgebung so viel Zivilcourage aufzubringen, die viele hier nicht mal haben…

  • Reply sandra Teml-Jetter 11. Mai 2018 at 13:58

    Hier meldet sich die Sandra von der Wertschätzungszone. :-) mit einer Triggerwarnung :-)

    Ich stimme mit all dem, was Ruth in ihrem wunderbaren Artikel schreibt, überein. Mir ist es ein Anliegen, hier noch etwas dazu zu stellen, weil aus meiner Sicht zum Gesamtbild etwas fehlt. Ich behaupte nämlich , dass Gewalt NICHT immer aus einer Not entsteht, und dass mit dem Ausüben von Gewalt schon ein Bedürfnis erfüllt wird, nämlich sich gut zu fühlen und es zu genießen, indem man absichtlich jemanden verletzt.

    Diese Gedanken sind so grausam, dass wir sie lieber nicht haben wollen! Das ist traumatisch, das wollen wir nicht wahrhaben, dass quasi auf uns gezielt wurde. So werden wir aber vielen Kindern und ganz vielen heute Erwachsenen nicht gerecht, die mit dieser Aussage das grausame Verhalten ihrer Eltern beschönigen, entschuldigen oder verstehen, anstatt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, frei zu werden und sich nicht mehr zu ducken oder in ungesunder Aggression oder Selbsthass stecken zu bleiben.

    Empathie wird nämlich nicht immer nur prosozial verwendet. Man kann Empathie auch dafür nutzen, den Schwachpunkt einer Person zu finden, um ihr genau dort Leid zufügen. Mit voller Absicht, mit Vergnügen daran. Eltern, die dieses Verhalten an sich beobachten und sich entsetzt über sich selbst Hilfe suchen, sind schon auf dem Weg der Selbstkonfrontation. In ihren findet ein Ringen statt, eine dringende Suche nach Alternativen.

    So möchte ich auch den Vater aus dem Gastartikel sehen und ihm den Vertrauensvorschuss geben, den er verdient. In dem Ausschnitt, den Ruth beschreibt, ist Schuld und Scham in ihm lesbar. So hoffe ich, dass auch er sich auf die Suche nach Alternativen macht!

    Sorge bereiten mir jene Eltern, die weit weg von jeder (Selbst)Einsicht sind, auch wenn sie darauf hingewiesen werden. Ja ihr Verhalten sogar leugnen, oder behaupten, ihr Verhalten wäre eine legitime Reaktion auf das Verhalten ihrer Kinder.

    Ich arbeite mit den heute erwachsenen Kindern, die jetzt Eltern sind, die sich dieser Wahrheit stellen wollen, die ihre eigenen Eltern sehen wollen, wie sie auch heute noch sind und agieren, in all ihrem antisozialen Verhalten im Familienkreis (denn viele Großeltern wissen um „gutes Benehmen“ im Aussen Bescheid, sind Lehrer, Ärzte, Anwälte, Bankbeamte, Psychotherapeuten,…) – um für sich und ihre jetzige Familie gesunde, erwachsene Alternativen zu finden. Oft zum Preis der Beziehung mit den eigenen Eltern.

    Wer sich mehr damit beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Lektüre von David Schnarch: Brain Talk (erscheint in der zweiten Jahreshälfte auf Deutsch), oder einen Besuch bei mir :-)

    Aus dem Buch auch dieses Zitat:
    „Antisocial empathy is the enjoyment of another person´s pain and suffering. A (..) sign of antisocial empathy ist a notable absence of remorse or regret for hurtful behavior, even if the person expresses guilt, shame or sorrow. “

    Mein Schlusswort hier: Selbstbeschämung ist nicht nur anerzogen durch Fremdbeschämung. Es ist der nach innen gerichtete Hass und Ekel resultierend aus dem antisozialen Verhaltene der eigenen Bezugspersonen – im Namen der Liebe. Pfui Teufel!

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