Meine Tochter ist knapp eineinhalb Jahre alt. Wir sind im Schlafzimmer, der Tag war lang und es ist spät geworden. Obwohl unser allabendliches Ritual mehr oder weniger plangemäß ablief, steht sie gänzlich übermüdet auf ihrem Bett – das wir nun direkt an unseres gestellt haben – und sortiert ihre Stofftiere. Sie entdeckt, dass das Bild eines weißen Elefanten, das ihre Oma für Papa anno dazumal gemalt hat, nun in Griffweite ist und beginnt, an den kleinen Kieselsteinen, die sich am unteren Ende befinden, herumzuziehen.

„Mach das bitte nicht, die kleinen Steine sind angeklebt und sollen dort bleiben. Sonst wird das Bild ja kaputt.“, sage ich.

Töchterlein grinst und macht weiter.

Die Spiele sind offenbar eröffnet.

Wenn das Einschlafen zur Geduldsprobe wird

Was in den nächsten 1,5 Stunden folgte, war eine der nervenaufreibendsten und anstrengendsten Erfahrungen in meiner bisherigen Zeit als Mutter.

Ich sagte meiner Tochter mehrmals, dass sie nicht auf dem Bild herumkratzen solle. Erst ruhig, dann strenger, und ich wurde ignoriert. Ich setzte mich direkt neben sie, ermahnte sie erneut. Es war ihr egal, sie grinste weiter. Danach begann ich, vorsichtig ihre Hand vom Bild zu nehmen, immer und immer wieder. Gekicher. Also nahm ich die Hand bestimmter vom Bild. Erfolglos. Ich begann, in „Wenn… dann…“ Sätzen zu sprechen und ging mir damit selbst auf den Geist. Sie würdigte mich keines Blickes. Ich wurde lauter, mehrmals. Sie auch. Ich hob sie hoch und setzte sie auf mein Bett, weg vom Bild, ebenso mehrmals. Sie protestierte lautstark. Ich verließ den Raum – ja, auch das, mehrmals. Mittlerweile schrie und weinte meine Tochter. Ich schluchzte mit ihr, innerlich. Immer wieder kratzte sie an dem Bild herum. Sie ließ nicht davon ab, egal, was ich tat.

Nach über einer Stunde fanden wir uns, komplett fertig, auf der Wohnzimmercouch wieder. Irgendwann schliefen wir ein. Wie wir es aus der Situation geschafft hatten, weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube, der Fernseher brachte Ablenkung für uns beide, mitten in der Nacht.

Provozieren? Ausprobieren!

Was war nun geschehen? Mini wollte sich ausprobieren. Sie wollte schauen, welche Reaktionen sie mit ihren Aktionen bewirken konnte. Sie wollte beobachten. Kurz: Sie wollte lernen. Auf eine, zugegeben, für mich einfach nur extrem mühsame Art und Weise, die mich halb in den Wahnsinn trieb.

Und ich? Ich war gefangen in einer Situation, die in der Sekunde absolut ausweglos schien.

Sie einfach „machen zu lassen“ war in dem Moment absolut unmöglich. Ich dachte daran, dass ich hier einfach nicht „nachgeben“ sollte, weil ich dann „verloren“ hätte. Weil meine Tochter mir, wenn sie einmal begreifen würde, wie schnell ich „das Handtuch werfen“ würde, ständig „auf der Nase herumtanzen“ würde. All diese Stimmen vermeintlich erfahrener Eltern in meinem Kopf, brachten ihn beinah zum Platzen.

Ich war so weit von mir entfernt, wie nur selten zuvor.

Meine eigene, liebende Stimme hörte ich gar nicht mehr. Sie war verstummt.

„Wenn du da nachgibst, hast du verloren!“

„Da musst du schon konsequent bleiben. Wenn du da nachgibst, hat sie gewonnen. Kinder sind so gescheit, die merken sich genau, wenn du nachgibst. Beim nächsten Mal ist es zu spät: Da hast du den Meter dann schon verloren.“

Gut gemeinter Ratschlag aus der Verwandtschaft, Zitat Ende.

Vielleicht findet das in manchen Eltern-Kind-Beziehungen Anwendung. In unserer nicht. Das herauszufinden und diese Erkenntnis überhaupt zuzulassen, hat mich viel Kraft gekostet.

Es hat eine Art Emanzipation aus vorgedachten Denkstrukturen gebraucht, um aus diesem Käfig der vorgebeteten Konsequenz auszubrechen.

Denn, irgendwie logisch, glaubt man als unerfahrene Mama gerne den Menschen, die das Ganze Kinderkriegen-Kinderhaben-Abenteuer schon ein- oder sogar mehrmals „gemeistert“ haben. Deren Kinder man sich ansieht und denkt: „Ja, die haben das schon ganz gut hinbekommen.“

Ich vergaß aber, zu hinterfragen. Vermutlich blieb mein kritischer Blick so lang auf der Strecke, weil Erfahrungsargumente von Menschen, deren vermeintliches Mehrwissen man ohne lang zu überlegen anerkannt hat, in den meisten Fällen zu einem späteren Zeitpunkt auch nicht überdacht werden.

Frei nach: „Wenn der/die das sagt, dann muss das ja richtig sein.“ Bullshit.

Soll freches Grinsen provozieren?

Dass das vermeintlich „freche Grinsen“ bei Kleinkindern oftmals gar nichts mit einer Provokation gemein hat, erklärt Danielle in ihrem Artikel Freches Grinsen: Provokation oder Entschuldigung. Das kindliche Lachen in einer angespannten Situation, ist oftmals eine Art Übersprungshandlung: Das Kind weiß nicht, ob es aufhören oder weitermachen soll, ist also zwischen zwei Handlungsalternativen hin- und hergerissen und tut dann etwas komplett aus dem Kontext Gerissenes. Sie führt weiter aus, dass Grinsen zudem eigentlich ein Überbleibsel längst vergangener Zeiten ist, das sich noch gut bei Affen nachweisen lässt: Wer seine Zähne zeigt, benutzt sie nicht. Es soll in seinem Ursprung also nicht provozieren, sondern beschwichtigen.

„Wir übersetzen das Grinsen mit: „Es ist mir völlig egal was Du sagst!“ Das stimmt in den meisten Fällen nicht, denn die Botschaft lautet: „Oh, tut mir leid, sei bitte nicht ärgerlich“. Lächeln hat zudem eine aggressionshemmende Wirkung – schließlich lächeln wir normalerweise auch selbst, wenn wir uns bei anderen entschuldigen. Versuch doch mal das nächste Mal auf ein vermeintlich freches Grinsen mit „Oh, ich sehe, es tut Dir leid“ zu reagieren und schau, was passiert.“ – Danielle, Das gewünschteste Wunschkind

Klar, Konsequenz ist wichtig. Positive Konsequenz.

Wie ist das nun also bei uns, diese Sache mit der elterlichen Konsequenz? Natürlich hat Konsequenz Platz in unserem Leben, einen sehr wichtigen sogar. Bloß lass ich das mit der Konsequenz, wie sie oft als so strenges, enges Korsett an Handlungsmöglichkeiten daherkommt, lieber sein und schaffe Platz für positive Konsequenz in unserem täglichen Miteinander:

Ich bemühe mich konsequent, mein Kind liebevoll und aufmerksam zu begleiten.

Ich bemühe mich konsequent, die Bedürfnisse meines Kindes zu deuten und zu erfüllen.

Ich bemühe mich konsequent, die Versprechen an mein Kind einzuhalten.

Ich bemühe mich konsequent, mein Kind die Welt in seinem eigenen Tempo entdecken zu lassen.

Ich bemühe mich konsequent, die beste Mutter für mein Kind zu sein, die ich sein kann.

Positive Konsequenz bedeutet für mich auch, dass meine Tochter sich auf mich verlassen kann. Dass sie weiß: Wenn Mama mir sagt „Ich bin da!“, dann ist sie es. Andererseits muss sie sich auch auf Regeln verlassen können, die mit uns mitwachsen und für uns alle gelten.

Und wenn mein Kind „schlimm“ ist und neugierig meine Reaktion auf den großen Wasserfleck am Wohnzimmertisch abwartet? Dann lache ich herzhaft, wenn mir danach ist und setze nicht automatisch einen antrainierten, bösen Blick auf. Dann seufze ich auch manchmal, während ich aus der Küche ein Stück Küchenrolle hole, um alles wegzuwischen, wenn es bereits das 15. Mal an diesem Vormittag ist. Dann bin ich auch mal verärgert, wenn ich zuvor bereits erklärt habe, dass das kein Wasser sondern klebriger Himbeersaft ist und ich meine Tochter ersucht hatte, das Glas stehen zu lassen.

Kurzum: Dann bin ich einfach authentisch.

So, wie ich es bei jedem anderen Menschen auch wäre.


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