Ich erinnere mich: ein Playdate im Frühling. Während meine Tochter und L.s Sohn miteinander spielen, liegt ihre kleine Tochter in ihren Armen. Sie schläft selig, nachdem sie von ihrer Mama liebevoll in den Schlaf begleitet wurde. Wir bestaunen die neue Erdenbürgerin. So klein ist sie, so vollkommen.

L. erzählt mir von ihrer zweiten Geburt. Zu Hause. Ich staune: „Und wie wars?“, möchte ich wissen. „Meine Traumgeburt“, lächelt sie. Sie fühlte sich rundum sicher und mit ihrer Hebamme in fürsorglichen und verlässlichen Händen. Sie konnte ihr Kind genau so in der Welt willkommen heißen, wie sie es sich immer gewünscht hatte.

Kurz möchte ich fragen, ob sie eine Hausgeburt nicht als Risiko empfunden hat. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Zu weit weg ist diese Thematik. Bis mir auffällt, dass ich neidisch bin. Eigentlich. Denn eigentlich hab ich mir das gewünscht, genau so, ganz tief drinnen. Aber da war so viel Angst, so eine vorgefertigte Meinung, von der ich bis heute nicht weiß, woher sie kam.

Und dann begann ich, zu lesen. Ich gestand mir ein, dass eine geborgene, selbstbestimmte Geburt im vertrauten Umfeld wohl die absolute Traumvorstellung ist. Für mich zumindest. Und dass ich sie nicht aus uninformierter Angst ausschließen sollte, für ein potenzielles zweites Mal…

Hausgeburten – Wahrheit und Mythos: Sissi Rasche im Gespräch

Ich habe mit Sissi Rasche, Hebamme und Mama zweier Kinder, die sie in den eigenen vier Wänden zur Welt brachte, gesprochen. Über geborgenes Gebären, die Unterschiede zwischen Haus- und Klinikgeburten und darüber, dass auch nach einem Kaiserschnitt eine Hausgeburt durchaus möglich ist.

Wann kann man zu Hause entbinden?

Für mich ist eine Hausgeburt purer Luxus, denn um Zuhause gebären zu können, spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Zum einen müssen Mutter und Kind gesund sein. Zum anderen sollte die Schwangerschaft unauffällig verlaufen. Eine Hypertonie, also ein erhöhter Blutdruck, oder eine insulinpflichtige Schwangerschaftsdiabetes sind beispielsweise Ausschlusskriterien für eine Hausgeburt. Auch der Zeitraum der Geburt ist wichtig: Frühgeburten dürfen nicht zu Hause betreut werden. Ab der 37. bis zur 41. Schwangerschaftswoche (plus 6 Tage) kann dagegen eine Hausgeburt stattfinden. Bei Beckenendlagen und Zwillingsschwangerschaften kommt eine Hausgeburt ebenfalls nicht infrage.

Hält man sich an diese Regeln, ist eine Hausgeburt genauso sicher wie eine Geburt im Krankenhaus. Studien kann man dazu auf der Seite von Quag.de finden: http://quag.de/quag/geburtenzahlen.htm

Welche Vorteile hat eine Hausgeburt? Gibt es auch Nachteile?

Vorteile einer Hausgeburt sind natürlich, dass die Frau sich in ihrer gewohnten Umgebung befindet und sich dort sicher und geborgen fühlt. Es sind nur die Menschen dabei, die sie ausgewählt hat und es herrscht absolute Privatsphäre. Kein Schichtwechsel, kein hektischer Klinikalltag und keine Unsicherheit darüber, ob man die einzige Gebärdewanne im Krankenhaus bekommt– das spart wertvolle Kräfte. Bei einer Hausgeburt bestimmen die Frauen selbst wie sie ihr „Geburtszimmer“ gestalten.

Nachteile einer Hausgeburt sind Notfälle. Eine Hebamme kann zum Geburtsbeginn einschätzen, ob ein normaler Verlauf vorliegt. Sind beispielsweise die kindlichen Herztöne schon zu Beginn der Geburt suspekt, wird nicht bis zu den Presswehen gewartet, sondern die Frau vorsorglich ins Krankenhaus verlegt. Selbst wenn sich dort vielleicht wieder alles als physiologisch herausstellt, ist es wichtig, in solchen Fällen zu verlegen. Wird bei einer Hausgeburt verlegt, passiert das meistens in Ruhe. Richtige Notfälle treten zum Glück sehr selten auf.

Wer ist in der Regel anwesend?

Viele Hebammen arbeiten zu zweit und rufen für die Endphase der Geburt eine zweite Hebamme mit dazu. Die dient hauptsächlich als Entlastung für die geburtsleitende Hebamme, damit sie sich voll und ganz auf die Gebärende konzentrieren kann. Die zweite Hebamme übernimmt dann zum Beispiel die Dokumentation des Geburtsberichtes und reicht Sachen an. Auch bei einer Verlegung ist es oft hilfreich, zu zweit zu sein.

Manche Hebammen arbeiten auch mit Frauenärzten zusammen. Es gibt aber nur noch sehr, sehr wenige Ärzte, die Hausgeburten betreuen, denn sie haben ein ähnliches Problem wie wir Hebammen: Die Beiträge für die Berufshaftpflichtversicherung sind für sie einfach unglaublich gestiegen. Ansonsten sind bei der Geburt die Personen anwesend, die für die Frau wichtig sind. Das sind meistens ihr Partner, Geschwisterkinder oder auch die beste Freundin.

Hast du schon einmal erlebt, dass Geschwisterkinder bei einer Geburt in den eigenen vier Wänden dabei waren? Wie haben sie die Geburt erlebt? 

Ich habe schon viele Geburten mit Geschwisterkindern erlebt und diese Geburten in bester Erinnerung. Es ist nicht so, dass die Kinder sich die ganze Zeit im Gebärzimmer befinden und stundenlang zugucken. Vielmehr verbringen sie die Zeit oft spielend und spüren genau im richtigen Moment, dass es Zeit ist, ihr Geschwisterchen willkommen zu heißen. Im Vorfeld ist es wichtig, die Kinder darauf vorzubereiten, was bei einer Geburt passiert und warum ihre Mama laut atmet und ganz bei sich ist. Wenn alles gut vorbereitet ist, dann ist eine Hausgeburt ein wunderbares Erlebnis für die gesamte Familie.

„Geschwisterkinder spüren genau im richtigen Moment, dass es Zeit ist, ihr Geschwisterchen willkommen zu heißen.“

Ich finde es immer wichtig, dass sich eine Betreuungsperson für die Kinder in der Wohnung befindet. Falls sie nicht dabei sein wollen, muss zum Beispiel nicht der werdende Vater die Partnerin verlassen. Die Highlights für die Geschwisterkinder sind bei einer Geburt natürlich immer, die Nabelschnur durchzuschneiden und die Plazenta erklärt zu bekommen. Kinder sind einfach unglaublich wissbegierig und möchten alles erklärt und gezeigt bekommen.

Ein wunderschönes Buch für Kinder, das dazu gut passt, ist ‚Hello Baby’ von Jenny Overend.

Was sollte man bei der Entscheidung für eine Hausgeburt besonders beachten?

Ich finde es wirklich sehr, sehr wichtig, dass man sich eine Hebamme aussucht, bei der man sich hundertprozentig sicher und geborgen fühlt. Wenn die Entscheidung für eine Hausgeburt gefallen ist, rate ich meinen Frauen, sich genau zu überlegen, wem sie davon erzählen. Viele Leute haben wenig Ahnung, aber eine starke Meinung zu diesem Thema. Als Schwangere ist es oft schwer, sich davon freizumachen.

„Viele Leute haben wenig Ahnung, aber eine starke Meinung zu Hausgeburten. Als Schwangere ist es oft schwer, sich davon freizumachen.“

Was sind die gängigsten Mythen, die sich um Hausgeburten ranken?

Da fällt mir zuerst einmal ein: Die Schweinerei möchte ich nicht zu Hause haben! Dann bekomme ich oft zu hören, dass Hausgeburten etwas für Hippies sind. Viele Leute wissen gar nicht, dass sich die unterschiedlichsten Menschen für Hausgeburten entscheiden. Außerdem wird oft behauptet, dass Hausgeburten gefährlich seien. Dabei zeigt die Statistik: eine gut geplante und vorbereite Hausgeburt ist risikoarm.

Warum werden Frauen, die sich für eine Geburt außerhalb des Krankenhauses entscheiden, deiner Meinung nach von so vielen Menschen bekrittelt?

Meiner Meinung nach liegt das in allererster Linie am fehlenden Wissen darüber, wie eine Hausgeburt abläuft. Die wenigsten Menschen beschäftigen sich mit Hausgeburten und können daher überhaupt nicht einschätzen, wie sicher eine gut vorbereitete Hausgeburt ist. Das erzeugt Unsicherheit. Aus diesem Grund ist für den Großteil der Bevölkerung Sicherheit unter der Geburt gleichbedeutend mit Arzt und Klinik.

Für mich bedeutet Sicherheit unter der Geburt vielmehr eine Eins-zu-Eins-Betreuung und eine vertrauensvolle Beziehung zwischen werdender Mama und Hebamme. So können die individuellen Bedürfnisse berücksichtigt und das Gefühl von Ruhe und Geborgenheit vermittelt werden.

Viele Frauen, die beim ersten Kind einen Kaiserschnitt hatten, entscheiden sich bei der 2. Schwangerschaft gegen eine Hausgeburt, obwohl sie sich eine wünschen. Wie ist deine Erfahrung: Sagt die erste Geburt etwas über den Verlauf der zweiten aus?

Ein Kaiserschnitt ist kein Grund sich beim zweiten Kind gegen eine Hausgeburt zu entscheiden. Wenn sich Frauen bei mir anmelden oder wenn ich sie bei der Geburt ihres ersten Kindes betreut habe, schauen wir uns gemeinsam noch einmal ganz genau die erste Geburt an: Was ist gut gelaufen? Wo gab es Probleme? Wie können wir frühzeitig etwaige Probleme unter der Geburt vermeiden?

Generell stehen die Chancen nach sekundärem Kaiserschnitt gut für eine Spontangeburt. Für mich persönlich ist daher die gemeinsame Vorbereitung auf eine Hausgeburt mit regelmäßigen Hebammenterminen sehr wichtig.

„Ein Kaiserschnitt ist kein Grund sich beim zweiten Kind gegen eine Hausgeburt zu entscheiden.“

Wie unterscheiden sich für dich als Hebamme Hausgeburten vom Geburten im Krankenhaus?

Wenn ich Frauen im Krankenhaus betreue, habe ich immer das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Vor dem Trubel zum Beispiel. Es herrscht eine ganz andere Atmosphäre als bei einer Hausgeburt. Die Krankenhausstandards führen dazu, dass nicht wirklich auf die einzelne Frau und ihre Bedürfnisse geachtet, sondern alles nach Schema F abgespult wird. Als Beleghebamme habe ich da natürlich mehr Spielraum, weil ich mich auf eine Frau konzentrieren kann.

„Wenn ich Frauen im Krankenhaus betreue, habe ich immer das Gefühl, sie beschützen zu müssen.“

Ich betreue die Frauen in der frühen Eröffnungsphase auch immer noch zu Hause und gehe erst etwas später ins Krankenhaus – natürlich nur so lange, wie sich meine betreuende Frau wohl fühlt. Im Kreißsaal muss ich dann oft für mehr Zeit und Ruhe kämpfen. Es ist immer wieder amüsant, die verdutzten Gesichter zu sehen, wenn ich auf die Frage eines Arztes nach den von mir bereits verabreichten Schmerzmitteln mit „Keine“ antworte. Sie können nicht glauben, dass „nur“ durch eine intensive Eins-zu-Eins-Betreuung weniger Schmerzen entstehen. Tatsächlich ist es aber so, dass bei einer Frau, die keine Angst hat, weil ich bei ihr bin und sie durch die Geburt begleite, weniger Spannungen entstehen und daher auch weniger Schmerz ausgelöst wird.

Natürlich betreue ich auch Geburten mit PDA und manchmal muss ja aus medizinischen Gründen auch ein Kaiserschnitt gemacht werden. Wichtig ist in jedem Fall immer, die Frauen zu begleiten, aufzuklären und nicht alleine zu lassen.

Eine Hausgeburt ist natürlich ganz anders als eine Geburt im Krankenhaus: die Frau ist in ihrer natürlichen Umgebung und allein dadurch schon viel entspannter. Auch für den Partner ist es sehr angenehm, zwischendurch an den eigenen Kühlschrank gehen zu können anstatt die Krankenhauscafeteria zu besuchen. Aus meiner Sicht als Hebamme hat es zudem den Vorteil, dass ich die Frau nicht vor störenden Faktoren beschützen muss. Ich kann mich darauf konzentrieren, aufzupassen, dass alles normal verläuft und Auffälligkeiten zu erkennen. Ein weiterer Vorteil der Hausgeburt ist, dass die Dokumentation der Geburt weniger Zeit in Anspruch nimmt, die ich der Frau schenken kann. Im Krankenhaus habe ich manchmal das Gefühl, einen Bürojob auszuüben. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste diese Aufgabe für 4-5 Frauen parallel machen, wie die Hebammen, die im Schichtsystem arbeiten, würde ich durchdrehen. Dadurch hat man noch weniger Zeit für die Frau.

Nach der Geburt das Wochenbett im eigenen Schlafzimmer zu starten ist ein weiterer Vorteil und ein großartiger Luxus.

Erzählst du uns eines deiner schönsten Geburtserlebnisse? :)

Das ist sehr schwierig, denn ich habe viele schöne Geburten mit wunderbaren starken Frauen begleiten dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar! Eine Geburt war für mich jedoch ein Wendepunkt: Ich war damals im zweiten Ausbildungsjahr zur Hebamme und habe ein Externat bei einer Hausgeburtshebamme in Hamburg gemacht. Sie hat mich zu meiner ersten außenklinischen Geburt mitgenommen. Nach zwei Jahren Krankenhausgeburten, die fast alle gesteuert wurden, war das ein überwältigendes Erlebnis. Eine Geburt zu sehen, bei der eine Frau aus eigener Kraft und selbstbestimmt ihr Baby zur Welt bringt, hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht gesehen. Ich war mit meinen Gefühlen völlig überfordert und habe sehr geweint, so ergriffen war ich. Ich habe damals gemerkt wie wichtig es mir ist, Frauen, die ich betreue, gut zu kennen und ihnen eine gute Eins-zu-Eins-Betreung zu ermöglichen. Das ist mir auch heute noch sehr wichtig.


hebamme sissi rasche im interview mit mini and me über hausgeburtenSissi Rasche

Hebamme

Franziska „Sissi“ Rasche ist zweifache Mama und als Hebamme auf Hausgeburten spezialisiert. Ihre beiden Kinder brachte sie in ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg zur Welt. Mit ihrem Wissen verstärkt sie das Team hinter der neuen Windelmarke Lillydoo, über die ich bereits begeistert berichtet habe.

Während meiner Recherche stieß ich auf ein weiteres, sehr sympathisches und interessantes Interview über Sissi als berufstätige Mama, das sie für den Blog Little Years gab.


Hattet ihr selbst eine Hausgeburt oder über diese Möglichkeit nachgedacht?

Mir hat das Gespräch mit Sissi deutlich gemacht, wie vorgefertigt auch mein eigenes Bild über eine Hausgeburt war. Durch die Ansicht, eine Hausgeburt wäre mit unnötigen Risiken verbunden, war sie für mich nie eine Option. Erst nach der Geburt meiner Tochter beschäftigte ich mich mehr mit dem Thema und frage mich nun, wie diese festgefahrenen Ansichten ihren Weg in meinen Kopf finden konnten – nämlich bereits weit vor meiner eigenen Schwangerschaft.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr hier eure Meinung und eure Erfahrungen teilen würdet.

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