Meine Tochter ist eineinhalb Jahre alt. Beim Aufstehen stoßt sie ihren Kopf leicht an der Tischkante. Sie stutzt kurz. Ich gehe zu ihr und frage sie: „Hoppla, hast du dir wehgetan?“ Sie verneint. „Natürlich hat sie sich nicht weh getan, das war doch nicht fest!“, dröhnt es ermahnend aus dem Hintergrund.

Ein anderer Tag. Mini stolpert auf den Fliesen, ihr Kopf berührt den Boden. Sie fängt an zu weinen. Ich sehe, dass wohl eher die Überraschung zu den Tränen führte, als der Schmerz. Trotzdem nehme ich sie in den Arm, streichle über ihren Kopf und sage: „Du bist über den Teppich gestolpert. Hast du dir wehgetan? So ein doofer Teppich, der liegt da ja auch wirklich im Weg rum!“ Sogleich höre ich neben mir: „Tu doch nicht immer gleich so! Sonst wird sie noch zur Mimose! Das war doch nicht schlimm.“


Übers Wahrnehmen und Verbalisieren von Schmerz

Das sind nur zwei Szenarien einer unendlich langen Liste: Weil ich meiner Tochter seit jeher helfe, ihren Schmerz wahrzunehmen, einzuordnen und zu verbalisieren, werde ich gescholten – von allen Seiten.

Und ich habe dennoch nicht damit aufgehört.

Ich habe nicht damit aufgehört, weil ich davon überzeugt bin, dass das Kleinreden und Übergehen von potenziell schmerzhaften Erfahrungen der falsche Weg ist.

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“

Ein Kind schon, wenn wir helfen.

Die Aufgabe von uns Erwachsenen besteht für mich darin, einem Baby oder Kleinkind zu helfen, das Erlebte richtig einzuordnen, indem wir angemessen reagieren. Wir unterstützen Kinder darin, herauszufinden: Was ist da passiert? Wie fühle ich mich? Was ist jetzt zu tun, wie soll ich mich verhalten?

Wir haben mittlerweile erkannt, dass Kinder permanent von unserem Vorbild lernen. Ich frage mich, warum so viele die Augen davor verschließen, dass es im Umgang mit Schmerz genauso ist.

Wenn ich meinem Kind keine Wege aufzeige, mit seinen Gefühlen umzugehen, wird es keine finden.

Lasst mich relativieren: Die Chancen stehen gut, dass die Suche ein längerer Prozess als nötig wird. Und es besteht die Gefahr, dass für die Bewältigung mancher Gefühle einfach keine Strategien entwickelt werden können. Weil nichts dergleichen vorgelebt wurde.

Aus Angst, Kinder zu verweichlichen, zu Mimosen zu machen oder zu verwöhnen, lassen wir sie mit wichtigen Erfahrungen alleine.

Dabei ist das Nicht-Trösten ein Überbleibsel der Erziehungsmethoden, die auch im 2. Weltkrieg angewandt wurden. Es sollten Erwachsene „herangezüchtet“ werden, die abgehärtet, gefühlstot und leicht kontrollierbar sind. Liebesentzug bei unerwünschtem Verhalten, die Kindheit als Kampf zu sehen und das Ignorieren schreiender Babys waren an der Tagesordnung.

Zum Glück machen diese Ansichten mittlerweile Platz für ein liebevolleres, auf Beziehung und Bindung aufbauendes Miteinander.

Tränen zulassen, wenn sie kommen

Ein Elternteil, der nach einem lauten „Bumm!“ seinem weinenden Kind sagt, dass es doch „gar nicht so weh tut“, macht mich einfach nur grantig. Offenbar tut es doch weh oder irgendetwas anderes stimmt nicht. Ich bezweifle, dass das Kind Krokodilstränen weint, weil es gerade so einen Spaß dabei hatte, von der Schaukel zu fallen.

Das Kind erlebt einen Widerspruch: einerseits hat es Schmerzen aber andererseits ist da diese geliebte Vertrauensperson, die ihm sagt, dass nichts weh tut.

Weinen ist gut und wichtig, es darf sein. Manchmal auch zur Erleichterung. Vielleicht kennt ihr das ja auch aus eigener Erfahrung? Ich denke, es wäre falsch zu glauben, dass es bei unseren Kindern anders ist.

Wir sollten Tränen zulassen, auch bei unseren Kindern. Gefühle wollen gelebt werden. Wir sollten da sein und unsere Kinder angemessen trösten, ohne dabei sofort von ihren Emotionen abzulenken.

Übergangene Kinder verlieren das Vertrauen

Psychotherapeutin Nina Petz warnt im Expertinnengespräch „Trösten, nicht ablenken“ davor, die kindlichen Gefühle nicht ernst zu nehmen: „Wenn Eltern Schmerzen abtun oder nicht wahrnehmen, schädigen sie die Beziehung zu ihren Kindern nachhaltig.“ Kinder fühlen sich miss- oder gänzlich unverstanden.

Die Vertrauensbasis zu den Eltern wird belastet, da die Reaktion der Bezugspersonen nicht mit der Wirklichkeit des Kindes übereinstimmt.

„Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Gefühlsausbrüche weniger werden, wenn man sie bagatellisiert. Im Gegenteil: Es ist wichtig, Kindern Worte zu geben und sie bei Schmerzen zu begleiten. So erfahren sie nicht nur Zuwendung und das Gefühl, angenommen zu werden so wie sie sind – „ich bin in Ordnung so“ – sondern lernen Gefühle erst so richtig kennen und sie später auch allein zu bewältigen.“ – Nina Petz im Interview

Schmerzwahrnehmung: Ich weiß, wo’s wehtut!

Kleinkinder können bis zu einem gewissen Alter Schwierigkeiten dabei haben, Schmerz zu lokalisieren. Als Schmerzquelle wird der Bauch angegeben, weil noch nicht ausgedrückt werden kann, wo der Schmerz wirklich sitzt. Auch das ist ein Lernprozess, der in den ersten Lebensjahren reifen muss.

Mini kann uns in vielen Fällen recht schnell mitteilen, wo ihr etwas weh tut. Das pauschale „auf den Bauch Zeigen“ fällt großteils weg. So deutet sie zum Beispiel auf den Bauch bei Blähungen, den Kopf beim Anschlagen an der Tischkante oder, letztens erst, auf den Oberschenkel nach dem Hinfallen.

Vielleicht ist das Zufall, vielleicht auch nicht. Aufgrund meiner Überzeugung möchte ich natürlich glauben, dass wir sie durch unser Verhalten und das bedingungslose Trösten nach Bedarf in dieser wichtigen Entwicklung gestützt haben.

Womit hast du dich verletzt?

Wir können unsere Augen nicht immer überall haben, das ist nichts Neues. Je älter meine Tochter wird, desto öfter passiert es, dass ich anfangs gar nicht sicher bin, womit sie sich verletzt hat. Es passiert meistens genau dann, wenn ich grad nicht hinschaue.

Da ist es umso wichtiger, dass Mini mir zeigen kann, womit sie sich verletzt hat. So fällt es mir leichter – natürlich auch anhand ihres Verhaltens – abzuschätzen, ob und wie ernst ein kleines Hoppala, ein fieser Kratzer oder eine vermutlich doch sehr schmerzhafte Kopfverletzung ist.

Geholfen beim „Womit“ hat uns ein extrem tollpatschiger Weihnachtsmann in einem ihrer absoluten Lieblingsbücher. Erst rutscht er am Eis aus, danach schlägt er sich mit dem Hammer auf den Finger und bei der Geschichte danach bleibt er im Kamin stecken. Auch wenn das für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Ungeschick in einem Kinderbuch ist, war vor allem die Hammer-Story fürs Erlernen des „Womit“ hilfreich.


Was sind eure Erfahrungen mit dem Trösten?

Wie tröstet ihr eure Kinder?

Ich freue mich auf eure Meinung und Erlebnisse als Kommentar!


Mehr zum Thema bei Mini and Me:

Eltern und kinder trösten

Quellen und weiterführende Links:

Dieser Artikel wurde erstmals am 3. April 2016 veröffentlicht.

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