In den letzten Tagen habe ich mit mehr Menschen über meine Gedanken zur Erziehung oder Nichterziehung, über das Leben als Familie und über meine Sicht auf die Dinge gesprochen, als jemals zuvor. Und das, obwohl ich schon begonnen habe, einschlägige Ratgeber und Blogs mit viel Gesprächsstoff zu lesen, bevor die Kleine da war.

Den Grund für diesen Schwall an Selbstreflexion darf ich euch hoffentlich bald verraten, aber bis es soweit ist, möchte ich ganz dringend loswerden, was mich einfach nicht loslässt.


Erziehungsmethoden: Warum keine die eine Antwort ist

Schon lange denke ich darüber nach, einen Artikel zu verfassen, der da heißt: „Unerzogen ist die logische Konsequenz von Attachment Parenting“. Und dann frage ich mich, warum ich eine Lanze brechen sollte für Erziehungsstile bzw. Haltungen, die so nie zu 100 % widerspiegeln, was mir wirklich wichtig ist?

Ich kann vielem viel abgewinnen, vor allem diesen beiden „Strömungen“ – so ist es ja nicht.

Aber. Und das aber wird lang.

Attachment Parenting: zwischen Druck und Bestärkung

Attachment Parenting, die Betonung der Wichtigkeit der Bindung zum Kind, hat mich kurz nach der Geburt zum Beispiel sehr unter Druck gesetzt.

Ich hatte einen Kaiserschnitt, den ich nicht wollte. Und davor hatte ich bereits unzählige Male gelesen, wie sehr das meiner Tochter und mir den Start in unser gemeinsames Leben erschweren könnte. Die Bindung würde darunter leiden.

Was war ich froh, dass „zumindest“ das Stillen funktionierte. Mit meiner damaligen Unsicherheit hätte ich es vermutlich ganz furchtbar gefunden, mein Kind mit dem Fläschchen ernähren zu „müssen“. „Jetzt kannst du das mit der guten Bindung ein für alle Mal vergessen“, hätte ich mir wohl gedacht.

Unglaublich, was so los sein kann, in einem verunsicherten, hormongeschüttelten Neumamakopf, oder?

Stillen oder Fläschchen? Beides sagt nichts über Liebe aus

Heute weiß ich, dass diese ganze Busen-Fläschchen-Sache nichts mit einer innigen Bindung oder liebevollen Beziehung zu tun hat.

Ich werde immer noch jeder Mama ans Herz legen, ihr Kind zu stillen, wenn sie es kann. Weil keine Säuglingsnahrung an die Eigenschaften von Muttermilch rankommt, was die gesundheitlichen Faktoren angeht. Aber darum geht es nicht.

Der Schlüssel ist Liebe.

Es geht um Nähe und Geborgenheit. Ums Hinsehen. Verstehen. Dasein. Bedingungslosigkeit.

Die Ernährung hat mit all diesen Faktoren nichts zu tun. Genauso wenig wie die Art und Weise, mit der du dein Kind zur Welt gebracht hast. Bindung und Liebe definieren sich nicht über vaginale Entbindung oder Kaiserschnitt, nicht über Busen oder Flasche, nicht über Krabbelgruppe mit einem Jahr oder Kindergarten mit drei.

Freilich will die Bewegung des Attachment Parenting nicht verunsichern, das ist mir klar.

Aber dieses Gefühl, das ich in den ersten Tagen und Wochen als Mutter hatte, gehört genauso zu meinem Erlebten, wie all die wunderbaren Möglichkeiten und das zuhause Fühlen, das mit der bindungsorientierten Elternschaft kam.

Geholfen hat mir die Beschäftigung mit AP dabei, für mich festzulegen, mich frei zu fühlen:

  • Ich kann mein Baby nicht verwöhnen.
  • Ich kann ihm gar nicht genug Liebe schenken.
  • Ich kann nicht aufmerksam genug sein, es nicht zu liebevoll begleiten, ihm nicht zu viel Trost spenden.

Attachment Parenting hat mich dabei unterstützt, relativ früh aus vorgedachten Strukturen – die die Gesellschaft uns zum größten Teil so suggeriert – auszubrechen. Und mich darin sicher zu fühlen.

Dafür bin ich dankbar.

Warum weder Unerzogen noch Attachment Parenting die eine Antwort ist. Über eigene Wege und wahre Begegnung.


Unerzogen: Alles eine Frage der Definition

Und dann ist da unerzogen. Das eine Wort, das mich so sehr beschäftigt in letzter Zeit. Ich lese überall „Erziehung ist Gewalt“ und ich kann dem Gedanken definitiv etwas abgewinnen. Anfangs war ich noch skeptischer. Ich fand’s übertrieben. Bis ich mich einlas und mich und meine Ansichten in einigen Bereichen bestätigt sah.

Ich sah mir an verschiedenen Stellen auch die negativen Kommentare an, sah, dass anscheinend intelligente und aufgeschlossene Menschen interessante Einwände äußerten. Argumente, die man so nicht einfach weg reden kann, die ihre Berechtigung haben. Nicht immer, aber manchmal.

Ich stellte fest: alles eine Frage der Begriffsdefinition. Wie so oft.

Der Kern? Alle Menschen sind gleich. Groß, klein, alle.

Begreift man Unerzogen als das, was es in seinem Kern ist (Die Überzeugung, dass alle Menschen gleichwertig sind und die gleichen Rechte haben.), gibt es meines Erachtens nach nichts, das man bekritteln könnte. (Wobei es erschreckt, festzustellen, dass auch dieser glasklare, nachvollziehbare Grundsatz anscheinend von vielen Menschen abgelehnt wird.)

Fragen und Unsicherheiten entstehen hauptsächlich dann, wenn es ums praktische Leben, um die Anwendbarkeit und ums „Wie“ geht.

Unerzogen ist viel weniger, als man denken würde. Es kommt so ziemlich ohne Vorgaben aus.

Weil wenn man die Gleichheit aller Menschen – auch die der Kinder – mal intus hat, ergibt sich alles andere von selbst. Klingt easy, bedeutet jedoch, sämtliche antrainierte Muster, alles, was wir über Erziehung glauben zu wissen, liegen zu lassen. Ein harter Brocken.

Aber: Wir alle, jeder von uns, hat sehr verschiedene Vorstellungen und Erfahrungen, wenn es um Erziehung geht. Hier drehen wir uns im Kreis, denn ohne sich auf eine Definition von Erziehung zu einigen, spricht man bei Unerzogen halt leider oft von unterschiedlichen Dingen. Daher der Raum für Missverständnisse.

Auch scheiden sich die Geister bei der Debatte über „Wovor muss ich mein Kind schützen?“. Ist es nur das Überqueren der Straße ohne zu gucken, oder sind es auch so Dinge wie „übermäßiger“ Fernsehkonsum, Süßes, etc.

Die kindliche Integrität: Du bestimmst über deinen Körper!

Geht es um die Wahrung der Integrität unserer Kinder, so bin ich definitiv bei Unerzogen. Möchte mein Kind beispielsweise nicht hochgehoben werden, tue ich es nicht. Heißt: Ich frage vorher. Und das schon, seit sie ganz klein war.

Dafür hab ich mehr als einmal erstaunte Blicke geerntet. Das war in Ordnung.

Ähnlich verhält es sich auch beim Zähneputzen. Niemals würde ich sie zwingen. Wir diskutieren manchmal, ich versuche, zu überzeugen oder die Handpuppe so spannend einzusetzen, dass das Zähneputzen zur Nebensache wird. Und wenn mal alles nichts hilft? Dann wird nur ganz kurz geputzt. Und wenn sie es gar nicht zulässt? Na dann halt einmal nicht.

Davon werden die Zähne nicht schlecht und dadurch etabliert man auch nicht gleich irgendwelche ungesunden Muster.

Viel wichtiger ist es mir, meinem Kind beizubringen, dass mein Kind allein über seinen Körper bestimmt. Wenn es etwas nicht möchte – und ich es auch nicht davon überzeugen konnte, dass es gut wäre, etwas zu tun – dann geschieht das nicht.

Händewaschen, Zähneputzen, Essen, Trinken oder Schlafen unter Zwang, womöglich im Schwitzkasten?

Nicht bei uns, nicht mit ihr.

Meine Angst wohnt bei mir – nicht beim Kind

Seit ein paar Monaten beschäftige ich mich mit dem Thema Angst. Gemeint ist dabei meine eigene Angst, als Mama. Und das, was sie in Bezug auf mein Kind mit mir macht. Ich versuche zu reflektieren, wo meine Angst mich dazu verleitet, meinem Kind Freiräume zu nehmen, die ich ihm eigentlich gönnen könnte, wenn ich meine Angst besser im Griff hätte.

Dann gehe ich in vielen Situationen zurück zu mir, ermahne mich quasi selbst, und versuche nichts zu sagen. Weil ich für meine Angst verantwortlich bin, und nicht mein Kind. (Natürlich reflektiere ich in Gefahrensituationen nicht erst, sondern schreite ein.)

Ich weiß, dass das ein zentraler Punkt bei Unerzogen ist. Und das Coole an der ganzen Sache finde ich ja, dass es zur Selbstreflexion einlädt. Die ist immer gut.

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Mit Befreiungsschlag in die eigene Elternschaft

Worauf ich hinaus will? Nun, es hat wohl alles seine Berechtigung.

Richtungen wie Attachment Parenting, Unerzogen, Gewaltfreie Kommunikation, und wie sie alle heißen, bieten an, geben Halt und schaffen ein Zugehörigkeitsgefühl in einer Welt, in der wir uns oft als Einzelkämpferinnen fühlen. Wir dürfen nur keinen Druck aufkommen lassen.

Wir können für uns mitnehmen, was sich gut anfühlt:

  • Nimm dir, was für dich passt.
  • Erkenne, was du stehen lässt.
  • Habe den Mut, Unpassendes abzulehnen.

Ganz richtig, Mut ist gefragt. Denn es braucht einen Befreiungsschlag – als Mensch und als Elternteil – das zu tun, was man selbst wirklich möchte.

Wie oft wurde uns schon der richtige Weg suggeriert?

Und damit meine ich nun nicht primär Lektüre, sondern die Menschen um uns herum, die uns beeinflussen. Ich spreche von dem „man“ der immer genau weiß, was „man“ macht und was nicht.

Sich einzugestehen, dass vieles von dem, was als Usus gilt, für einen selbst nicht passt, erfordert meiner Meinung nach viel Nachdenken, suchen und hoffentlich auch finden.

Wir Eltern müssen, entgegen unserer eigenen Erziehung, wieder lernen, was es heißt, ungehorsam zu sein. Ein weiteres, super spannendes Thema. Eines für einen anderen Tag.

Es braucht einen Befreiungsschlag - als Mensch und als Elternteil - das zu tun, was man selbst wirklich möchte.Click To Tweet

Weg von gesellschaftlichen Erwartungen – hin zu mir, zu uns

Ich hab keinen Bock auf irgendwelche gesellschaftlichen Vorgaben, althergebrachte Meinungen und fremde Ideen, bei denen ich oftmals das Gefühl habe, als Mutter irgendwie unzulänglich zu sein.

Viele pädagogische bzw. unpädagogische Richtungen räumen an irgendeinem Punkt ein: Du bist gut genug. Aber glaub ich es ihnen wirklich?

Ich kann nicht immer gewaltfrei kommunizieren.

Ich konnte nach 2.5 Jahren doch nicht warten, bis sich mein Kind von selbst abstillt.

Ich schaffe es nicht, mein Kind so lange fernschauen zu lassen, wie es möchte.

Manchmal isst meine Tochter in der Früh als erstes einen Apfel, manchmal ein Überraschungsei. Eines aus Schokolade und mit Plastikspielzeug drinnen.

All das und noch mehr sagt nichts über meine Liebe zu meiner Tochter aus. Über die Art, wie wir einander begegnen und über die Achtung, die ich ihr entgegenbringe. Auch nicht darüber, wie wir Konflikte versuchen auf Augenhöhe zu lösen.

Es sagt nichts über die geballte Ladung an mühseliger Selbstreflexion, die ich an den Tag lege – immer mit dem Ziel, sie so gut ich eben kann zu begleiten.

Meine Wahrheit liegt in mir und in der Begegnung

„Begegne deinen Mitmenschen!“, höre ich es noch in meinem Ohr. Als ich mit Mama und Familienbegleiterin Sandra in ihrem urgemütlichen Haus beim Kaffee saß, wusste ich noch nicht, wie bedeutungsschwanger diese Worte für mich werden würden.

Wo liegen also die Grenzen aller Ideen, aller Vorgaben, an denen wir uns orientieren können, wenn wir möchten? Bei uns selbst. In ihrer Anwendbarkeit. Für mich liegt der Schlüssel darin vergraben, sich selbst zu begegnen. Hinzusehen, nicht nur bei anderen, sondern zu allererst bei mir, um festzustellen: Was kann ich, was will ich noch lernen, wo sind meine Grenzen?

Alles Leben ist Begegnung. Immer anders und immer neu.

Weil jeder Mensch und jede Situation so einzigartig ist und noch dazu jeder Mensch mit seinem eigenen Päckchen an Erfahrungen und Eigenheiten unterwegs ist, gibt es diese eine Formel, nach der wir alle suchen, nicht.

Leider, denn wie praktisch wäre das?

Also: Tritt in Kontakt, sieh hin. Sieh dir an, was du gerade brauchst, was dein Gegenüber möchte und findet gemeinsam einen Weg, der sich gut anfühlt. Oder zumindest einen, der OK ist.

Methoden und starre Abläufe haben im Leben mit unseren Mitmenschen, mit unseren Kindern, keinen Platz. Auch wenn uns oft das Gegenteil suggerriert wird: Das Schema X, auf das wir so gerne in jeder Situation zurückgeifen könnten, gibt es nicht.

Deshalb ist es ja so schwer, das „Richtige“ zu tun.

Deshalb finden wir uns nach einer Diskussion oder einem Streit allein mit uns selbst und der Frage: War das gut so? Nächstes Mal sind wir wieder am selben Punkt. Weil das, was gerade passiert ist, vielleicht ähnlich war. Aber eben doch nicht gleich. Irgendwelche Umstände verändern sich immer.

Vielleicht muss es deshalb gar nicht immer das Richtige sein. Vielleicht reicht auch das Mögliche.

15 Dinge, an die ich gerade glaube

„Gerade“ deshalb, weil mein Sein als Mama und die Elternschaft an sich, wie das Leben, eine Reise ist. Die eine Wahrheit gibt es nicht, das trifft für mich auch im Leben mit meiner Familie zu.

Gedanken, die mich gerade beschäftigen, Dinge, über die ich nachdenke und Mantras, die mich begleiten, sind zum Beispiel:

  1. Begegne deinen Mitmenschen! Sieh eure Bedürfnisse und finde Lösungen.
  2. Das Kind ist immer im Recht. Es ist an mir, die Situation so gut es geht zu gestalten.
  3. Vieles ist mir nicht so wichtig, wie ich dachte.
  4. Die meisten potenziellen Verbote entspringen meiner eigenen Angst. Oft ist die unbegründet.
  5. Jeder hat Grenzen, auch ich. Die darf ich zeigen und verteidigen.
  6. Ein überlegtes „Nein“ ist ein wichtiges Nein.
  7. Selbstreflexion. Mein eigenes „Warum“ erkunden und kritisch prüfen.
  8. Aktives Zuhören, die Gefühle meines Kindes sehen und zulassen. Begleiten.
  9. Es ist nicht meine Aufgabe, dass mein Kind in jeder Sekunde glücklich ist.
  10. Steige ich in die Kreise anderer, muss ich mit Widerstand rechnen.
  11. Tu nichts, was sich Scheiße anfühlt.
  12. Folge nicht immer deinem ersten Impuls.
  13. Entspann dich mal. Ist schwer, aber vielleicht kannst du’s trainieren.
  14. Lachen. Humor hilft.
  15. Atmen.

Das war bunt. Und mit diesem Wirrwarr an Gedanken möchte ich diesen Artikel schließen.


Ich hoffe, ich habe hiermit etwas geschaffen, von dem ihr euch etwas mitnehmen könnt, das für euch passt.

Etwas, bei dem ihr auch genau spürt, was für euch einfach so nicht stimmt. Widerspruch, Kritik, Einwand. Ja, genau. Das ist mindestens genauso wichtig wie sich verstanden und abgeholt zu fühlen.

Was denkst du?


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