Trennung als neuer Anfang: Eltern bleiben in Zeiten des Umbruchs

Trennung wird schnell mit Scheitern, Schmerz und Konflikt in Verbindung gebracht wird. Besonders, wenn die eigenen Kinder betroffen sind. Dabei kann sie auch ein Neubeginn sein, eine Möglichkeit für echte Entwicklung, für respektvolles Miteinander und für Elternschaft auf Augenhöhe. Bestsellerautorin, Sexualtherapeutin, Paarcoachin und psychologische Beraterin Sandra Teml-Wall geht hier der Frage nach: Wie kann es gelingen, Eltern zu bleiben, wenn die Beziehung endet?

Eltern, Kind, Trennung: Paarcoachin Sandra Teml-Wall über Trennung als Neubeginn

Wenn etwas zu Ende geht, beginnt etwas Neues. Diese Wahrheit gilt besonders für Paarbeziehungen – und mit noch größerer Wucht, wenn Kinder im Spiel sind. In unserer Gesellschaft fehlt jedoch eine Kultur des bewussten Trennens. Wir haben keine Rituale, keine Sprache, keinen selbstverständlichen Umgang mit dem Ende einer Ehe oder Beziehung. Dabei bräuchte es genau das – besonders dann, wenn Eltern getrennte Wege gehen, aber weiterhin gemeinsam für ihre Kinder verantwortlich bleiben.

In unserer Gesellschaft fehlt eine Kultur des bewussten Trennens.

Eine Trennung kann auch ein Erfolg sein – wenn es dem Paar gelingt, nach dem Ende der Partnerschaft menschlich verbunden zu bleiben. Doch oft herrscht Unklarheit: Die Liebe ist vielleicht noch da, aber nicht mehr als partnerschaftliche. Viele Paare bleiben genau an diesem Punkt stecken. Die Frage, die weiterhelfen kann: Steht noch eine Kränkung im Weg?

Die Chance für Wachstum

Denn Trennung ist kein automatisches Heilmittel für eine belastete Beziehung. Sie entlässt uns nicht aus der Verantwortung, uns selbst zu begegnen. Im Gegenteil: Sie fordert sie geradezu ein. Es ist leichter, sich im Streit zu trennen, als ehrlich auf sich selbst zu schauen. Trennung ist das Ende einer Illusion – das Sterben einer gemeinsamen Vision. Doch genau darin liegt auch eine Chance.

Beziehungen sind keine Wohlfühlveranstaltungen. Wo es nur noch höflich und friedlich zugeht, wird es oft „friedhöflich“ – ein Zustand innerer Leere. Beziehungen sind Wachstumsfelder. Und Wachstum bedeutet, die Angst vor dem Unbekannten auszuhalten.

Wenn ein Streit eskaliert, können wir uns fragen: „Warum willst du Krieg mit mir?“ In jedem Konflikt zeigen sich Schutzmuster – tief verankerte Überlebensstrategien. Der Rückzug, das Davonlaufen, die Eskalation – all das sind Hinweise. Wenn wir diese Muster erkennen, anstatt sie reflexhaft auszuleben, kann daraus echte Entwicklung entstehen.

Kinder brauchen starke Eltern

Ist die Trennung ausgesprochen, stellt sich eine entscheidende Frage: „Stärkt das, was wir tun – uns selbst, unsere Kinder, unser Familiensystem – oder schwächt es?“ Kinder brauchen starke Eltern. Nicht perfekte. Nicht gleiche. Sondern große.

Nach Trennungen erleben Kinder heute oft keine soziale Teilhabe mehr. Dabei schmerzt der Verlust. Doch Eltern sind in dieser Phase selten präsent – sie sind überfordert, emotional abwesend, keine echten Ansprechpartner. Der Versuch, die Kinder zu schonen, ist gut gemeint – aber leider wirkungslos. Denn wir vermitteln ihnen damit, dass das Leben nicht wehtun darf und dass Gefühle möglichst klein zu halten sind.

In der ersten Phase einer Trennung sind Eltern selten im Gleichklang. Diese emotionale Asynchronität erleben Kinder sofort. Strategien wie „Ich darf vor meinem Kind nicht weinen“ oder „Darüber redet man nicht“ schaden mehr, als sie nützen. Eine Trennung kann – so paradox es klingt – die erste echte Gelegenheit sein, erwachsen zu werden. Mutig zu werden. Sich verwundbar zu zeigen. Auch und gerade vor den Kindern.

Was brauchen Kinder in dieser Zeit? Anständigkeit. Eltern, die respektvoll miteinander umgehen. Wenn das nicht möglich ist, dann ist es besser, gar nicht miteinander zu agieren, als sich ständig in die Haare zu kriegen.

Was brauchen Kinder in dieser Zeit? Anständigkeit. Eltern, die respektvoll miteinander umgehen. Wenn das nicht möglich ist, dann ist es besser, gar nicht miteinander zu agieren, als sich ständig in die Haare zu kriegen.

Schadet eine Trennung dem Kind?

Die ehrliche Antwort ist: Es kommt darauf an. Es schadet, wenn die Lebensfreude verschwindet. Die Frage lässt sich nur durch gelebte Erfahrung beantworten – nicht abstrakt. Und Kinder trauern anders: in Wellen. Oft nur ein paar Minuten, dann eine Pause, dann wieder Trauer. Dieser Prozess kann sich über Jahre hinziehen. Wenn Eltern lernen, mit ihrer eigenen Trauer umzugehen, müssen Kinder sie nicht tragen.

Deshalb ist eine zentrale Frage: „Wie geht es mir im Moment als Mutter oder Vater?“ In der Trennung sind Eltern oft so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass Kinder emotional auf sich allein gestellt bleiben. Und Kinder sind – das sollte uns berühren – hoffnungslose Romantiker. Sie wünschen sich nichts sehnlicher als das gute Miteinander ihrer Eltern.

Was Kinder nicht brauchen: Schuldzuweisungen. Kein „Ich bin unglücklich, und dein Vater/deine Mutter ist schuld“. Sondern: Eltern, die Verantwortung für ihr eigenes Fühlen übernehmen.

Verantwortung zu übernehmen heißt, aus der Opferrolle auszusteigen. Die Trennung kann der erste Schritt zu echter Selbstverantwortung sein. Kinder brauchen den Satz: „Du kannst uns als Menschen vertrauen.“

Verantwortung übernehmen

Gerade für Väter, die plötzlich allein mit ihren Kindern sind, beginnt eine neue Lernreise. Die Entscheidung liegt bei ihnen: Verantwortung übernehmen – oder weiter beschuldigen. Und ja, das gilt auch für Mütter. Wichtig ist: Papa liebt anders als Mama. Kinder haben Mama und Papa – nicht zwei Mütter. Fragen wir weniger, erzählen wir mehr. Das nimmt Kindern das Gefühl, allein zu sein.

Kinder fühlen sich fast immer schuldig. Sie glauben, für das emotionale Wohl ihrer Eltern verantwortlich zu sein – besonders dann, wenn sie noch klein sind. Umso wichtiger ist: Entscheidungen gehören zu den Eltern. Kinder können gefragt werden, was sie meinen – aber sie dürfen nicht das Gefühl bekommen, über ihr Familiensystem entscheiden zu müssen.

Wenn ein Kind am Wochenende beim Vater ist und nach Hause will, braucht es Klarheit: „Ich bin dein Vater und will Zeit mit dir verbringen. So ist es.“ Diese Haltung schafft Sicherheit. Dann kann darüber gesprochen werden, was möglich ist.

Manche Eltern entscheiden sich für ein 50/50-Modell – nicht, weil es das Beste für das Kind ist, sondern um Konflikte zu vermeiden oder wirtschaftliche Nachteile auszugleichen. Doch Kinder leben im Jetzt. Sie brauchen Präsenz – keine perfekten Zukunftspläne. Deshalb: „Wie ist es heute?“ ist oft die bessere Frage als: „Was ist langfristig richtig?“

Was Kinder wirklich brauchen

Eine Trennung ist auch für Kinder ein Abschied: von alten Vorstellungen, von Bindung, von Sicherheiten. Und wir Eltern können lernen, mit diesen Brüchen umzugehen. Vielleicht bekommen wir Kinder, damit wir lernen, wie man loslässt. Wie man sich entspannt.

Wenn ein neuer Partner oder eine neue Partnerin ins Leben tritt, bedeutet das für Kinder oft: ein weiterer emotionaler Verlust. Denn Verliebtheit heißt oft, emotional nicht verfügbar zu sein. Ehrlichkeit hilft hier: „Ich habe mich verliebt. Und ja, das hat auch etwas mit der Qualität unserer Ehe zu tun.“ Auch das ist eine Form von Verantwortung.

Das Beste wäre, so schnell wie möglich die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. „Das gehört mir. Ich war Opfer – aber das kann jetzt aufhören. Ich entscheide.“ Das ist der nächste Wachstumsschritt. Das ist der Weg zurück in die eigene Kraft.

Und ein Wort an neue Partnerinnen: Wenn du den Satz hörst: „Bei dir bekomme ich alles, was ich bei meiner Ex nicht bekommen habe“ – dann lauf. Denn dann hast du kein Gegenüber, sondern ein emotional unreifes Kind vor dir. In unserer Kultur ist es Männern lange erlaubt, sich kindlich zu verhalten – bis ins hohe Alter. Aber das heißt nicht, dass wir das mittragen müssen.

In unserer Kultur ist es Männern lange erlaubt, sich kindlich zu verhalten – bis ins hohe Alter. Aber das heißt nicht, dass wir das mittragen müssen.

Durch das Wegfallen eines Elternteils entsteht oft ein Vakuum – und nicht selten springt das älteste Kind ein. Es übernimmt zu viel Verantwortung. Auch das ist eine Folge fehlender Präsenz. Und: Die Wochenenden gehören nicht den Eltern. Es ist nicht „mein Wochenende mit dem Kind“. Es ist die Zeit des Kindes.

Wenn wir das verinnerlichen, können wir Eltern bleiben – auch wenn die Beziehung endet.


Über Sandra Teml-Wall

Als Einzel- und Paarcoach sowie Elternberaterin begleitet Sandra seit fast 30 Jahren Menschen in ihrer Praxis, der Wertschätzungszone. Ihre Leidenschaft gilt der Erforschung und Harmonisierung von Dynamiken in nahen, emotional bedeutsamen Beziehungen. Dazu gehören die Beziehung zu uns selbst ebenso wie die Beziehung zu unserem Partner bzw. unserer Partnerin, zu unseren Kindern und zu den eigenen Eltern. Der emotionale Klimawandel in Familien liegt ihr privat und beruflich sehr am Herzen.

Gemeinsam mit Jeannine Mik hat sie die SPIEGEL-Bestseller „Mama, nicht schreien!“ und „Keine Angst, Mama!“ geschrieben. „Ent-Eltert Euch!“ ist ein Ermutigungsbuch, dich selbst gegenüber deinen Eltern zu leben – dieses Buch hat sie mit ihrem Mann Martin geschrieben. Mit Martin begleitet sie ihre insgesamt fünf (mittlerweile erwachsenen) Kinder in einer bunten Patchwork-Konstellation. Im März 2025 sind sie zum ersten Mal Großeltern geworden.

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Ich bin Laura C.-R., 1983er Jahrgang, mit philippinischen Wurzeln, aber mit ganzem Herzen Wienerin. Mein Lebensweg war alles andere als geradlinig, und genau das macht mich aus. Ich bin eine Allrounderin, die nie stehen geblieben ist – immer neugierig, immer mitten im Leben. Heute bin ich vor allem eines: Mama von drei wunderbaren Buben und Ehefrau eines Mannes, der mich jeden Tag darin bestärkt, meinen Weg zu gehen. Ich glaube an echte Verbindung, an Entwicklung, an das Lernen durchs Leben selbst. Und daran, dass wir erst dann wirklich heilen, wenn wir den Mut haben, ganz wir selbst und glücklich zu sein.

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