• „Mama, ich brauch dich!“ – Warum wir unsere Kinder und ihre Grenzen schützen müssen und uns das manchmal so schwerfällt (vor allem bei Menschen, die uns nahestehen)

    „Muss ich mein Kind schützen? Es geht für mich um so ganz banale Dinge. Wie zum Beispiel, wenn die Oma kommt, ein Küsschen von dem Kleinen will und er nicht. Ich bin da so unsicher: Muss ich ihn davor schützen? Oder ist das nicht auch etwas, wo er lernt, dass andere Menschen einfach anders sind und manches anders machen, als wir? Also: Darf das eh sein? Ich weiß nicht, wann ich mein Kind schützen soll und wann nicht.“

    Wie dieser Mama geht es so vielen anderen Eltern auch: Wir erleben Dinge im Alltag – oftmals in direktem Kontakt mit jenen Menschen, die Zeit unseres eigenen Großwerdens wichtig für uns waren – die sich irgendwie „unstimmig“ anfühlen.

    Manchmal, da piekst es nur ein wenig in uns drinnen, wenn wir ihr Verhalten in Bezug auf unser Kind beobachten. Und manchmal, ja manchmal, da entsteht so ein richtig fieser Druck auf unserer Brust.

    Und wenn wir uns trauen würden, bewusst hinzufühlen, würden wir merken, dass unsere Atmung schon lange ganz flach und sperrig und auch irgendwie so eine Enge im Hals ist. Wir beobachten eine Situation (oder sind mittendrin) und sind angespannt, unschlüssig.

    Wir wissen nicht, was „richtig“ ist, wissen nicht, was wir tun sollen. So viel Unsicherheit: Wir erleben uns als handlungsunfähig.

    Grenzübertritte: Dieses Stechen in der Brust

    Manchmal sind Erwachsene in der Art und Weise, wie sie sich auf Kinder oder andere Menschen beziehen, einfach „ungeschickt“. Das gibt es. Und es gibt Erwachsene, die moralisch verwerfliche, mitunter auch richtig gemeine Dinge tun. Das klingt hart und es ist wahr. Ob uns das gefällt oder nicht, und ob wir es gut annehmen können, oder uns wirklich dagegen sträuben, ändert nichts.

    Wir können uns nun auf die suche nach Gründen für ihr „fragwürdiges“ Verhalten begeben. Und wenn wir das tun, werden wir viele Entschuldigungen und Rechtfertigungen finden.

    Weil es auf so viele Familien zutrifft, nehmen wir hier mal die „engsten“ Verwandten als Beispiel:

    • Oma will mit dem Kind spielen. Als das Kind kein Interesse zeigt, sagt Oma: „Das macht mich jetzt aber sehr traurig!“
    • Opa will ein Küsschen vom Kind. Als das Kind „Nein“ sagt, zieht er es zu sich heran, „stiehlt“ eines und lacht.
    • Die Tante will mit dem Kind „balgen“, hebt es ungefragt schnell hoch über ihren Kopf und wirbelt es herum. Das Kind schreit, hat Angst. Es will nicht! Die Tante hört erst auf, als der Papa das Kind von der Tante wegnimmt und „Hey, Stop!“ sagt.
    • Oma will dem Kind die Jacke anziehen. Es will nicht. Die Oma daraufhin: „Ok, wenn du deine Jacke nicht anziehst, dann schenke ich sie dem Nachbarsjungen. So, schon zu spät!“ Das Kind weint und schreit. Die Mama steht daneben und traut sich nicht, etwas zu sagen.
    • Onkel und Kind spielen. Der Onkel beginnt, dem Kind immer wieder genau das Spielzeug wegzunehmen, mit dem es gerade spielt. Anfangs lächelt das Kind erstaunt und macht mit, aber die Sache kippt schnell: Das Kind ärgert sich, fühlt sich zusehends ohnmächtiger, weil der Onkel einfach nicht aufhört, obwohl das Kind deutlich zeigt, dass es ihm richtig schlecht geht. Der Onkel macht weiter und findet das „lustig“. Das Kind entfernt sich vom Onkel, geht an einen anderen Platz zum Spielen. Der Onkel kommt nach und macht weiter.

    Puh, einmal tief durchatmen.

    Keines dieser Beispiele habe ich erfunden.

    Wie fühlt sich das an? Geh hinein in diese Beispiele, stell sie dir vor: Was machen diese Vorstellungen mit dir? Lass es zu! Was machen diese Gedanken, diese Bilder in deinem Kopf?

    Ungerechtigkeiten und Grenzübertritte

    Jeder Mensch empfindet und fühlt zum Beispiel Ungerechtigkeit, Grenzübertritte oder auch Boshaftigkeit anders. Was manche Menschen alleine beim Lesen beinah zu Tränen rührt, lässt andere vielleicht sogar ziemlich kalt. Oder aber wir spüren, dass da etwas „falsch“ läuft, und sind aber – so wie die Mama aus unserem Beispiel am Anfang – hin und her gerissen zwischen: Muss ich da einschreiten oder ist es noch OK?

    Wenn wir ganz ehrlich in uns hinein hören, ist da eventuell auch ein leises „Ich trau mich nicht!“ tief in unserem Inneren, was uns unfähig macht, unser Kind zu schützen, wenn es uns braucht. (Gerade in Bezug auf die Großeltern, unsere eigenen Eltern: Hier ein gesünderes „Standing“ zu beziehen und sich mit seinen Werten, Vorstellungen und Regeln für die eigene Familie zu zeigen, kann ultimativ herausfordern.)

    Wenn unsere nächsten Bezugspersonen während unseres eigenen Heranwachsens unsere persönlichen Grenzen nicht geachtet und uns nicht als die Menschen gesehen haben, die wir sind, sondern als „Objekte“, die sich zu beugen und zu funktionieren haben, dann hinterlässt das Spuren in unserem Gehirn.

    Verantwortlich für die beschriebenen Unterschiede in der Wahrnehmung und Einordnung von gemeinen Verhaltensweisen und Grenzübertritten Erwachsener sind einerseits das eigene Großwerden, und andererseits zum Beispiel auch Dinge wie gesellschaftliche „Normen“, die ja auch rund um den Erdball unterschiedlich sind.

    Ich möchte hier natürlich aufs eigene Großwerden eingehen.

    Wenn unsere nächsten Bezugspersonen während unseres eigenen Heranwachsens unsere persönlichen Grenzen nicht geachtet und uns nicht als die Menschen gesehen haben, die wir sind, sondern als „Objekte“, die sich zu beugen und zu funktionieren haben, dann hinterlässt das Spuren in unserem Gehirn. Wir „funktionieren“ dann anders.

    Dann ist es für uns womöglich „normal“ dass kindliche Grenzen etwas sind, über das der Erwachsene einfach je nach Lust und Laune drüberspazieren darf.

    Unrechtsbewusstsein und Entwicklungstrauma

    In diesem Zusammenhang müssen wir auch zumindest kurz von Traumata sprechen, und zwar Entwicklungstraumata, über die du unter anderem bei Dami Charf, Bessel van der Kolk oder auch Dan Siegel etwas lesen kannst.

    In meinem Buch „Mama, nicht schreien! Liebevoll bleiben bei Stress, Wut und starken Gefühlen“, das im Mai 2019 erscheint, findest du eine verständliche und alltagsnahe Zusammenfassung der wichtigsten Auswirkungen solcher Traumata auf dein Sein und Lieben als Erwachsene und Elternteil.

    Wir wissen heute, dass traumatische Erfahrungen etwas mit unserem Gehirn machen: Sie verändern es, hinterlassen einen bleibenden „Eindruck“. Bei einem Trauma wird der Frontallappen des Gehirns in Mitleidenschaft gezogen, wo auch unser Unrechtsbewusstsein sitzt. (Auch dazu liest du im Buch.)

    Bei einem Trauma wird der Frontallappen des Gehirns in Mitleidenschaft gezogen, wo auch Sozialverhalten und Unrechtsbewusstsein sitzen.

    Nicht alles, was wir sehen und erleben und sich irgendwie „komisch“ anfühlt bei uns selbst oder anderen, ist auch ein Trauma. Das ist wichtig! Es wär nicht klug, immer überall „Trauma!“ zu schreien.

    Und gleichzeitig ist es auch heute so, dass gerade Entwicklungstraumata noch lange nicht jene tragende Rolle zugeschrieben wird, die für die Aufarbeitung von Kindheitserlebnissen notwendig wäre, um wirklich „frei“ zu werden und im Leben voranzukommen.

    Trauma ist nicht in der Vergangenheit, es ist immer. Es wird zu der „Linse“, durch die wir unsere Welt sehen.

    • Kann es also sein, dass der Opa die Grenze des Kindes mit seinem gestohlenen Küsschen verletzt, weil seine Grenzen in seiner eigenen Kindheit von den Menschen, die er am meisten brauchte, verletzt wurden? Ja, das kann sein.
    • Ist es möglich, dass der Onkel, der das Kind, das nicht mehr mit ihm spielen will, malträtiert, und sich auch noch darüber freut, schwer traumatisiert ist? Und dass es nicht nur den Anschein erweckt, als hätte er eine ziemlich krasse Störung, sondern wirklich Tatsache ist? Ja, kann sein. (War in dem Fall aufgrund weiterer Beschreibungen sogar sehr wahrscheinlich. Das Kind aus dem Beispiel war beinah noch ein Baby, etwa 1 Jahr alt. Die Mama traute sich nicht, einzuschreiten und diese „Spielchen“ wiederholten sich immer wieder.)
    • Ist es möglich, dass die Oma, die sagt „Das macht mich traurig!“, wenn das Kind sie „ablehnt“, wirklich traurig wird, weil die Ablehnung, die sie in ihrer eigenen Kindheit erfahren hat, wieder laut wird? Ja, auch das ist möglich…

    Und – und das ist das Allerwichtigste für uns als Eltern: Wir müssen unsere Kinder dennoch schützen!

    Wir dürfen nicht die „Leiden“ und schwierigen Kindheiten bzw. Umstände unserer Eltern, Großeltern, Geschwister, Onkel, etc. dafür heranziehen, um ihr Verhalten zu beschönigen und unsere Kinder ebendiesem auszusetzen. Wir können an diese Geschehnisse denken, um sie besser zu verstehen, wenn wir das wollen. Und gleichzeitig gilt: Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wenn die Grenzen unserer Kinder mit Füßen getreten werden.

    Du kannst deine Eltern, deinen Bruder, deine Schwester, und so weiter lieben, und gleichzeitig für dein Kind stark sein.

    Schütze dein Kind – Nicht den Erwachsenen!

    Und es kann richtig schwer sein! Weil wir selbst vielleicht auch nicht in einer ganz „heilen“ Welt aufgewachsen sind, weil vielleicht auch unsere Grenzen übertreten wurden. Weil wir vielleicht selbst mit den Dämonen, die uns begleiten, kämpfen.

    Wir müssen unser Kind schützen und klar Stellung beziehen. Nicht gegen die andere Person, sondern für unser Kind!

    Folge diesem in dir aufkommenden Gefühl von „Hey, da stimmt was nicht!“. Schreite ein, nimm dein Kind zu dir, spende Sicherheit. Dieses Gefühl tief in dir drinnen, möchte dir etwas zeigen. Nimm es wahr, lass es lauter werden. Es ist ein Hinweis.

    Bezieh klar Stellung. Nicht gegen die andere Person, sondern für dein Kind!

    Also, wie kann das konkret aussehen?

    • Ich kann sagen „Stop!“.
    • Ich kann dem Erwachsenen sagen, was ich nicht erlaube: „Ich erlaube nicht, dass du mein Kind küsst, wenn es das nicht will!“
    • Ich kann erklären: „Mein Kind will das nicht. Ich erwarte, dass du das akzeptierst.“
    • Ich kann mich ans Kind wenden: „Niemand schenkt deine Jacke her, keine Sorge.“ Und dann an die Oma: „Mach meinem Kind keine Angst. Hier wird nichts weggeworfen.“
    • Ich kann auch provokant sein, wenn ich das als sinnvoll empfinde: „Du übertrittst hier eine Grenze und meinem Kind geht es schlecht. Es weint! Du lachst. Merkst du was?“ (Das seh ich als recht angriffig und wenig zielführend, aber bei all den Emotionen kann es auch so und nochmal anders rauskommen. Hauptsache, wir unterbrechen die Handlung.)

    Wir dürfen im letzten Beispiel zudem nicht davon ausgehen, dass der Mensch „etwas merkt“. Es kann sein, dass er es nicht merken will und es kann sein, dass er es wirklich nicht merken kann, weil er selbst zu „weit weg“ ist vom Spüren und seinem Unrechtsbewusstsein. Oder er merkt es eh, und es fühlt sich gut an für ihn! Das klingt krass, und dennoch gibt es Menschen, bei denen das so ist. Und wenn wir merken, dass wir es mit einem Menschen zu tun haben, dem es ein gutes Gefühl gibt, wenn andere leiden, und dieser Mensch sich keine Hilfe sucht, dann sollten wir zum Wohle unserer Familie entsprechende Konsequenzen ziehen. Zum Schutz.

    In den allermeisten Fällen werden überschwängliche Großeltern und übermütige Onkels, Tanten und Co. wohl etwas überrascht sein. Vielleicht auch verunsichert, ob deiner „Ansage“.  Ob sie verstehen, was du da sagst oder warum dich etwas stört, ist erst in zweiter Linie interessant. Viel wichtiger ist, dass sie dich und deine Vorstellungen akzeptieren und zukünftig entsprechend anders handeln.

    Wie genau sie reagieren, kann niemand vorhersagen. Höchstens du selbst, denn du kennst sie ja. Vermutlich besser, als du denkst. Wenn du dich in sie hineinversetzt: Wie werden sie wohl reagieren? Werden sie sich ein wenig unangenehm berührt entschuldigen? Werden sie deine Äußerung akzeptieren, respektieren? Werden sie dir für den Hinweis danken? Werden sie beleidigt sein? Wer weiß.

    Sehr schwer, und dennoch notwendig

    Und wenn die Mama, die mir ganz oben diese Zeilen schrieb, ihre Mama drauf hinweist, dass ihr Kind nur dann ein Küsschen gibt, wenn es das möchte, dann wird ihre Mama eben: vielleicht verwundert sein. Oder sie sagt: „Huch, ja du hast recht! Also, so machen wir das ab jetzt. Danke, dass du mir das gesagt hast.“ Wär das nicht schön? Und auch, wenn die Reaktion anders ausfällt: Sei mutig. Für dein Kind.

    Unser Werden, unser Sein – das alles ist so vielschichtig und höchst individuell. Es kann deshalb auch hier nicht die eine Formel geben, nach der wir unser Handeln ausrichten sollten.

    Unser Aufgabe ist es, unsere Kinder zu schützen und nicht anderen Erwachsenen zu gefallen!

    Wir müssen immer wieder in uns selbst hineinfühlen. Auch hier geht es, einmal mehr, um unsere Verantwortung als Eltern. Manchmal braucht es dazu richtig viel Mut! Weil es so schwer sein kann, „gegen“ die eigenen Eltern „aufzubegehren“. Auch das ist je nach eigener Kindheit komplett individuell.

    Unsere Aufgabe bleibt aber dieselbe, egal ob das einfach oder richtig schwer für uns ist: Wir sind für den Schutz unseres Kindes zuständig. Das ist unsere Verantwortung. Und nicht, unseren Eltern oder jemand anders um jeden Preis zu gefallen.


    Vielleicht hattest du als Kind nicht den Schutz, den du gebraucht hättest. Vielleicht hast du dich manchmal ausgeliefert gefühlt. Jetzt, heute, hier bist du das nicht mehr! Du bist erwachsen!

    Und nun geh hin, und mach dich groß und stark, FÜR dein Kind.

    Ich wünsche dir Mut, Liebe und Vertrauen.

    Quellen*:
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    Text © Mini and Me, Jeannine Mik; Photo © Adobe Stock, Standard License

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