Food Personal

Meine Tochter, ihr Lieblingsbuch und der Vegetarismus

Heute, kurz nach 8 Uhr morgens. Mini ist früh aufgewacht und wie beinah an jedem Tag konnte ich sie nur dazu bringen, mit mir zum Wickeltisch fürs Frischmachen zu kommen, indem ich ihr versprach, dass wir gleich danach einen Café für Mama zubereiten würden. Das macht ihr momentan unglaublich viel Spaß. Frau freut’s, wie ihr euch sicher vorstellen könnt. Wenige Minuten später habe ich meinen Cappuccino, stelle ihn am Wohnzimmertisch ab. Mini klettert auf unsere Couch und zieht eines ihrer beiden Ich-spiele-auf-Knopfdruck-Tiergeräusche-oder-Kinderlieder-viel-zu-laut-ab-Bücher hervor. Das Buch heißt „Tiere und ihre Stimmen„. Freudig drückt Mini einen Knopf nach dem anderen. Der Hahn kikerikiert (?) so laut, dass es Schlafpapa nebenan beinah aus den Federn hebt. „So viele Tiere sind da, schau mal! Siehst du die Kuh?“, frage ich meine Tochter. Sie guckt konzentriert auf den Bucheinband und zeigt ohne Umschweife auf die weiß-schwarze Kuh. Pferd, Huhn und Schaf folgen. Sie liebt diese Bücher. Wir blättern weiter.

Auf den folgenden Seiten entdecken wir viele Tiere, die auf dem Bauernhof leben. Ein Schaf und ein Lämmchen, das gerade bei seiner Mutter trinkt, stehen auf der Weide. Mini drückt auf die Schaftaste und ein verzerrtes „Mäh, mäh“ ertönt. Auf der Folgeseite tobt ein Hund ausgelassen auf der Wiese. Meine Tochter deutet zu den Stiegen und ich weiß, dass sie damit Zoey, den Hund ihrer Großeltern, meint. Ich nicke und erkläre lächelnd, dass wir sie nach dem Frühstück besuchen werden.

Wir blättern oft in diesem Buch. Heute frage ich mich plötzlich, wie sie wohl reagieren wird, wenn sie begreift, dass wir manche der Tiere darin regelmäßig essen. Wir reden über die Zeichnungen der Kühe, Schafe und Pferde nicht anders als über jene der Hunde, Katzen, Schmetterlinge, Maulwürfe, Vögel und Mäuse. Noch kennt sie den von Menschenhand erschaffenen Unterschied zwischen vermeintlichen „Nutztieren“ und „Haustieren“ nicht.

Bei dem Gedanken an ein Gespräch, in dem ich ihr erkläre, dass sie das Kalb auf Seite fünf gestern zu Mittag mit Nudeln und Saft verputzte, schäme ich mich. Ein ganz seltsames Gefühl. Ich hab hier noch keine Erfahrung: Gibt es sie, diese Gespräche? In ein paar Jahren wird Mini natürlich draufkommen, was das Fleisch auf ihrem Teller eigentlich ist und dass es untrennbar mit dem Tod eines anderen Lebewesens zusammenhängt. Ein Lebewesen, das „für uns“ gestorben ist; oder richtig: umgebracht wurde.

Der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer, dem wir auch den Bestseller „Extrem laut und unglaublich nah“ zu verdanken haben, schrieb vor einigen Jahren das Buch „Tiere essen„. Ähnlich wie ich, hatte er bereits vor der Geburt seines Kindes immer mal wieder „vegetarische Phasen“ und schwankte hin und her. Die Fleischeslust war groß, was ich gut nachvollziehen kann. Sein Sohn brachte ihn dann letzten Endes dazu, noch viel genauer hinzusehen. Er wollte genau wissen, was er seinem Kind zu essen geben würde. So begann er, sich nicht nur mit dem Konsum, sondern auch mit der Herkunft tierischer Lebensmittel zu beschäftigen und den Problemen der Massentierhaltung auseinanderzusetzen.

Mittlerweile wissen wir doch alle, dass „Nutztiere“ schon lange nicht mehr ein Leben wie im Kinderbuch führen. Es ist für mich selbstverständlich, Freilandeier und – wo immer möglich – Bioprodukte zu kaufen. Aber reicht das? Vielleicht ist es auch für mich an der Zeit, wieder genauer hinzusehen. Denn selbst wenn das Fleisch vom Biobauern kommt, die Kuh tatsächlich im Sommer auf der Weide war, reichlich Platz und ein (Vorsicht, es folgt omnivores Bullshit-Bingo!) „schönes Leben“ in „artgerechter Tierhaltung“ leben „durfte“, so bleibt doch am Ende der Tod, um unseren Hunger zu stillen.

Eine vegane Lebensweise kann ich mir ehrlich gesagt momentan nicht vorstellen, aber vielleicht schaffe ich ja den Schritt hin zu vegetarischer Ernährung wieder. Für unsere Tochter. Oder auch nur für mein Gewissen, wenn sie mich eines Tages fragt: „Mama, was ist das Fleisch auf meinem Teller eigentlich?

Ernährt ihr euch vegetarisch oder vegan? Wie haben eure Kinder reagiert, als sie erfuhren, was genau da am Teller liegt? Wie war das? Ich fände es toll, wenn ihr eure Erfahrungen hier mit mir teilen würdet. Da kann ich sicher noch einiges lernen… 

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4 Kommentare

  • Reply
    Sabine
    25. August 2015 at 10:43

    Du sprichst mir wiedereinmal aus dem Herzen. Wir kaufen auch nur Bio und vom Schlachter unseres Vertrauens… Trotzdem hat für mich das Fleisch immer den fahlen Beigeschmack von Mord. Ich bin gespannt wann bei mir wieder der Knackpunkt da ist wo mir der Appetit darauf gänzlich vergeht. Im Kindergarten gibt es nur vegetarisches Essen. Aber auch wenn ich wieder zum Vegetarier werden sollte werde ich meinem Sohn sein heissgeliebtes Schnitzel nicht verwehren. Wenn er es nicht mehr essen möchte soll es seine Entscheidung sein.

    • Reply
      Jeannine
      28. August 2015 at 19:06

      Ich freu mich, dass du dich einmal mehr wiederfindest… bin ich also nicht allein mit meinen Gedanken, das ist schön! 🙂 Vegetarisch im Kindergarten finde ich super. Der, mit dem wir aktuell liebäugeln und hoffen, dass er uns auch will, serviert auch nur fleischlose Mahlzeiten. Das finde ich auch aus rein gesundheitlichen Gründen super, weil wir so ihren Fleischkonsum besser überblicken können, als wenn sie im KiGa „alles“ zu essen bekommt. Grundsätzlich sollte es natürlich die Entscheidung des Kindes sein, ob und welches Fleisch es essen möchte. Sehe ich genau so!

  • Reply
    SAMIRA
    27. August 2015 at 8:22

    Also mein sohn (4) hat es nicht schlimm aufgenommen. Es ist ihm ganz genau bewusst was er da isst. Wir sind das gespräch einmal furchgegangen als er anfang drei war und seitdem fragt er zwar oft noch was das ist, aber sonst nichts.
    Ich persönlich lege sehr viel wert drauf dass er mit seinem essen nicht spielt, und wenn er dann doch mal gedankenverlohren in seinem Essen herumstochert, passiert es schon mal, dass ich ihn ermahne dass dies ein lebewesen war, und wir respekt davor haben müssen, da es nur gestorben ist damit wir etwas zu essen haben.
    Also ich würde ja behaupten, auch in meinem Beruf als Ehrzieherin, am weitesten kommt man immer noch mit der Wahrheit.
    Und aufgrund des eigenem schlechten gewissens hin vegetarier zu werden, finde ich keine so gute idee, da diese überzeugung von herzen kommen sollte, und dein mini selbst die chance haben sollte sich nach ihren eigenen überzeugungen für oder gegen den verzehr von fleisch zu entscheiden!

    • Reply
      Jeannine
      28. August 2015 at 19:12

      Interessant, dass genau wie wir Erwachsene, auch Kinder ganz unterschiedlich mit Fleisch essen umgehen, nicht? Ich find’s super, dass du darauf achtest, dass dein Sohn sein essen auch wertschätzt. Ich versuche meiner Kleinen auch nach und nach klarzumachen, dass sie ihre Mahlzeit nicht zerquetschen und dann quer durch den Raum schießen soll. „Nach und nach“ deshalb, weil sie ja doch noch recht jung ist und wir lange Baby Led Weaning praktiziert haben. Das spielerische Erforschen der Nahrung ist da ein zentraler Bestandteil und es macht ja auch Spaß, die verschiedenen Konsistenzen der Dinge am Teller zu erkunden. Dass Mini frei entscheiden kann, was sie essen möchte, halte ich für essentiell. Meine Entscheidung muss davon komplett unabhängig sein. Sie bekommt, worauf sie Lust hat.

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