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Trauer bei Kindern: Wie wir mit Kindern über den Tod reden und sie auch in schweren Zeiten einbeziehen

Trauer bei kindern: Wie wir mit Kindern über den Tod reden und Verluste gemeinsam verarbeiten

„Das Leben ist eine Reise, die heimwärts führt.“ – Hermann Melville

Der Tod ist in unserer westlichen Gesellschaft ein Tabuthema. Er wird an den Rand unserer Wahrnehmung gedrängt, weggeschoben. Das macht ihn fremd. Er, der alles Lebende irgendwann ereilt, wird für uns Erwachsene zu etwas Unnatürlichem. Und dabei gehört er, wie die Geburt, ganz einfach zum Leben dazu. 


Über das Jetzt und Zukunftsängste

Sehen wir eine tote Biene auf dem Weg, erstaunt es mich immer wieder, welch natürliches Verhältnis meine Tochter zum Tod scheinbar hat. Sie ist nicht so angstbehaftet, wie ich es bin. Ich hab darüber nachgedacht und für mich selbst überlegt, ob es mit dieser beneidenswerten, kindlichen Gabe zusammenhängt, so im Moment zu sein.

Kinder sind so sehr im Hier und Jetzt. Was in dieser Sekunde ist, zählt. Nicht das, was war und nicht das, was noch kommt. Je jünger Kinder sind, desto ausgeprägter ist diese Fähigkeit, so scheint es. Wieso geht sie nach und nach für die allermeisten von uns verloren?

Ich merke für mich, dass ich immer dann am sichersten und in mir ruhend bin, wenn ich versuche zu spüren, dass ich eins bin mit allem, was ist. Genau in dem Moment. Wer mehr zum „Sein“ lesen möchte, dem sei das Buch „Jetzt!“ von Eckhart Tolle ans Herz gelegt, in das ich unlängst hineingelesen habe. Ich schweife ab…

Meine Ängste sind so oft auf die Zukunft gestreut. Ich habe vor einem gewissen Ereignis Angst. Male mir aus, wie es eintreten könnte, die genaue Situation. Ich stelle mir vor, wie ich reagieren würde, wie die Personen in meinem Umfeld. Und ich denke darüber nach, wie ich mein Kind würde schützen können. Dann irgendwann merke ich selbst, wie unnötig es ist, im Jetzt an künftige Szenarios zu denken und sich deshalb zu sorgen. Nichts ist gewiss, außer der Moment.

Manchmal sind es aber nicht die Gedanken an die Zukunft, die uns ängstigen. Irgendwann werden wir alle ganz unmittelbar mit Trauer konfrontiert. Die hat auch für Kinder viele Gesichter: Der Verlust eines geliebten Menschen, eines Haustiers, des ungeborenen Geschwisterchens oder aber auch die Trennung der Eltern. Etwas ist anders und es wird nicht mehr sein, wie es vorher war.


Trauer bei Kindern: Im Gespräch mit Carina Niemeier

Wie spreche ich mit meinem Kind über den Tod? Wie kann ich es begleiten, wenn ein geliebter Mensch stirbt? Worauf sollte ich mich gefasst machen? Das und mehr wollte ich von Carina Niemeier, Mama, zertifizierte Trauerbegleiterin und Bestattungsfachkraft, wissen.

Wann bzw. ab wann spricht man mit kleinen Kindern über den Tod? Sind Eltern gefragt, wenn Kinder von sich aus fragen?

Es gibt da kein festgelegtes Alter. Entweder man wird im Familien- oder Freundeskreis mit einer Situation konfrontiert, die die Aufmerksamkeit auf dieses Thema lenkt oder Kinder werden im Alltag irgendwann damit in Berührung kommen, durch tote Tiere zum Beispiel.

Wenn es allgemein um das Thema Tod und Sterben geht, kann ich für Kinder ab 4 Jahren das Buch: „Die besten Beerdigungen der Welt“ empfehlen. Dort geht es um verstorbene Tiere, die selbstverständlich beerdigt werden müssen.

Wie erklärt man kleinen Kindern den Tod?

Immer mit offenen und ehrlichen Worten, je klarer und direkter desto verständlicher! Alles was auf der Erde lebt, muss irgendwann sterben.

Sicherlich kommt es auch auf die Umstände an, durch die der Tod eingetreten ist. Er sollte nie mit Schlaf gleichgesetzt, sondern der Tod auch als solches benannt werden.

„Tod sollte nie mit Schlaf gleichgesetzt werden.“

Wenn eine Krankheit voraus gegangen ist, sollte immer mit deutlichen Übertreibungen die Situation beschrieben werden: Jemand war so schwer krank, ganz ganz schwer krank, dass der Arzt und die Medizin nicht geholfen haben. Oder der verstorbene Mensch war schon ganz ganz alt, viel älter als wir beide zusammen…

Wie offen und direkt sollen Erwachsene grundsätzlich sein, wenn es um Tod, Verluste, etc. geht? 

Immer ehrlich und so authentisch wie möglich! Man muss sich vorstellen, die Oma verstirbt, es sind 3 erwachsene Kinder vorhanden, es wird willkürlich eins vor die Türe geschickt und darf nicht teilnehmen. Dieses Kind bist du selbst.

Wie würde es sich anfühlen? Wie würde es sich für ein kleines Kind anfühlen, zu merken, dass etwas nicht stimmt – alle sind traurig, keiner sagt einem was los ist – und man darf nicht teilnehmen?

Trauer sollte im Familienverbund gelebt werden, so bekommt jeder den Halt, den er benötigt.

Trauern Kinder anders als Erwachsene?

Ja, Kinder haben einen guten Schutzmechanismus. Sie sehen Tod häufig als etwas Natürliches, sie leben ihre Gefühle noch selbstverständlich aus.

Sie spielen zwischendurch ganz normal weiter, dann kommt vielleicht mitten drin eine Frage oder eine Aussage zu dem Thema. Ist die beantwortet, geht es häufig einfach im Spiel weiter. 

Wie spricht man mit Kindern über den Tod eines nahen Angehörigen, eine Fehlgeburt, den Tod des Haustiers oder die Trennung der Eltern?

Am besten zeitnah zum Ereignis und es sollte von der nächsten Bezugsperson mitgeteilt werden. Ein Verlust ist immer schwierig, egal in welcher Form uns dieser trifft. Kinder lernen von Erwachsenen, damit umzugehen.

„Ein Verlust ist immer schwierig. Kinder lernen von uns, damit umzugehen.“

Wichtig ist, dem Kind in kurzen, verständlichen Worten die Sachlage zu schildern: 

  • Die Oma ist gestorben, das macht uns alle sehr traurig. Morgen fahren wir noch einmal hin und verabschieden uns von ihr. 
  • Papa und ich haben uns getrennt. Wir lieben dich beide sehr und wir bleiben immer deine Eltern. Papa wird in eine eigene Wohnung ziehen. 
  • Das Baby in meinem Bauch ist gestorben, wir werden es beerdigen. Das macht uns sehr traurig.

Man muss nicht auf alles eine Antwort haben. Kinder bringen ihre eigenen Vorstellungen und Fantasien mit und stellen auch die Fragen, die sie beschäftigen, wenn sie Raum dafür haben. 

Auf welche Reaktionen müssen Eltern sich gefasst machen? Wie gehen Kinder mit ihrer Trauer um? 

Wie beschrieben: Wenn sie der Schmerz zu doll trifft, dann „flüchten“ sie manchmal ins Spiel. Es kann sein, dass sie vermehrt Nähe suchen und Angst vor weiteren Verlusten entwickeln.

Wichtig ist, das ernst zu nehmen:

„Mama, wirst du auch sterben?“ – „Ja, irgendwann werde ich auch sterben.“

„Schon bald?“ – „Niemand weiß, wann er sterben wird. Ich wünsche mir, dass wir beide ganz alt werden.“

Es kann sein, dass das Kind kurzzeitig in seiner Entwicklung stagniert oder alte Verhaltensmuster wieder annimmt. 

Wie sollte man sich nicht verhalten? Womit erschweren Eltern den Verarbeitungsprozess?

Indem man Kinder außen vorlässt. Sie sollten in alle Schritte eingebunden werden, indem sie einfach dabei sein dürfen. Es ist wichtig, die eigenen Gefühle authentisch zu zeigen.

Man kann sich vorstellen, man schickt sein Kind auf einen Ausflug, da packen alle Eltern einen Rucksack mit allen notwendigen Sachen (essen, trinken, Spielsachen), damit das Kind gut über den Tag kommt. Genauso packen wir unserem Kind einen Rucksack mit allem, was für das Leben wichtig ist. Es lernt von uns, wie man mit Verlusten umgeht.

Sieht es uns weinen, sieht es, dass auch Eltern traurig sind und es wird sehen, dass wir irgendwann wieder lachen.

Alle Schritte sollten als Selbstverständlich gesehen werden: Wir gehen uns verabschieden. Oma wird beerdigt. Wir gehen zur Beerdigung. 

Was kann Kindern (und der Familie) beim Trauern helfen?

Ein Abschied am offenen Sarg, wenn es die Situation zulässt, die Begleitung am Sterbebett. Kinder können Bilder für den Verstorbenen malen, die Kleidung, vielleicht auch den Sarg bzw. die Urne aussuchen oder die Blumen. Nicht alles auf einmal, aber es hilft, wenn sie ein paar Entscheidungen treffen dürfen.

Jeder sollte in der Trauer sehr gut auf sich achten und der routinierte Tagesablauf so gut es geht erhalten bleiben: essen zur selben Zeit, schlafen, usw.

Für die Beerdigung kann es entlastend sein, wenn ein guter Freund zur Verfügung steht und im Zweifel mit dem Kind rausgeht. So können sich alle ihrer Trauer widmen. 

In welchen Fällen sollte man sich Hilfe suchen? 

Wenn starke psychische Veränderungen am Kind auffallen, wie zum Beispiel länger anhaltendes, wiederkehrendes Bettnässen, dauerhafte Trennungsängste oder ständige Alpträume.

Es gibt mittlerweile viele Trauergruppen für Kinder, die helfen können, wenn das Kind dem verstorbenen Menschen sehr nahe stand.


carina niemeierCarina Niemeier

zertifizierte Trauerbegleiterin

Carina ist 1986 geboren, Mama und Bestattungsfachkraft, Trauerrednerin sowie zertifizierte Trauerbegleiterin. Es ist ihr wichtig, Eltern einen guten Umgang mit traurigen Situationen und kindlicher Trauer weiterzugeben.


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2 Kommentare

  • Reply
    Christina
    21. Juni 2017 at 22:16

    Vielen Dank für den tollen Expertenartikel!
    Jetzt habe ich aber doch noch eine Frage: Soll man schon kleine Kinder (3 Jahre) mit auf die Beerdigung nehmen? Wir haben hier die Situation, dass mein Schwiegervater letzte Woche nach langer schwerer Krankheit zu Hause verstorben ist. Bis zum letzten Tag hat unsere Tochter ihn besucht und hat miterlebt, wie ihr Opa immer weniger wurde. Sie hat ihn gestreichelt und ihm Schlaflieder vorgesungen und wir haben ihr erzählt, dass sein Körper so krank ist, dass er nicht mehr funktioniert und dass er deshalb gestorben ist. Jetzt ist er im Himmel, aber sie kann ihn jederzeit mit ihm sprechen, auch wenn sie seine Antworten nicht hören kann. So haben wir das auch im letzten Jahr mit unserem alten kranken Familienhund gehalten und es hat, so scheint es, ganz gut funktioniert.
    Nun wird aber die Beerdigung höchstwahrscheinlich sehr gut besucht werden und auch etliche Menschen kommen, die unsere Tochter (und ich auch) nicht kennt. Wir planen, die Kleine zum „Leichenschmaus“ dazuzuholen, aber vorher, denke ich, ist sie im Kindergarten besser aufgehoben. Oder nicht? Ich bin verunsichert

  • Reply
    Carina Niemeier
    22. Juni 2017 at 5:12

    Ja, bitte nehmt euer Kind mit auf die Beerdigung! Trauer sollte im Familienverbund erlebt werden, je selbstverständlicher ihr jetzt mit der Situation umgeht desto besser wird eurer Kind mit dem Verlust umgehen können! Es durfte bis jetzt den Opa begleiten, also warum nicht auch seinen letzten Weg? Vielleicht könnt ihr jemanden organisieren der sich um euer Kind kümmern kann? Es darf sich auch ruhig während der Beerdigung beschäftigen z.b malen oder ein Buch lesen, wenn sie noch nicht so lange still sitzen können! Wichtig ist, dass ihr euch als komplette Familie verabschiedet, schließt die Kinder nicht aus, sie spüren so oder so dass etwas anders ist. Kinder dürfen sehen, dass Erwachsene traurig sind und genauso werden sie sehen, dass ihr wieder fröhlich sein werdet und dass man sich beim Trauerkaffee schon wieder ganz viel erzählt und vielleicht auch lacht ! Verabschiedung sollte etwas ganz verständliches sein, auch schon für die Kleinsten! Ich wünsche euch viel Kraft auf diesem Weg!

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