Motherhood Personal

Mut zur Langsamkeit

Es ist halb acht Uhr morgens. Ein helles „Ma, ma, mamama!“ weckt uns, bevor wir leise, schnelle Trippelschritte hören. Unsere Tochter ist putzmunter auf ihrem Weg ins Wohnzimmer. Es ist Zeit aufzustehen.

Nachdem die Kleine frischgemacht und angezogen ist, gehen wir gemeinsam in die Küche. Sie sitzt neben dem Herd, beobachtet mich dabei, wie ich ihr Frühstück richte und nascht schon während ich Schinken und Käse aus dem Kühlschrank hole, freudig mit. Dann machen wir gemeinsam Café. Manchmal sitzt sie eine ganze Stunde bei mir auf der Anrichte, kostet das Gemüse, knabbert am Brot. Kleine Hände, die vorsichtig eine weiche Himbeere zum Mund führen, neugierige Augen, die genau beobachten, wie viel Kakao Mama über ihren Cappuccino streut. Wenn sie dazu keine Lust mehr hat, geht’s mit den Resten vom Frühstück entweder auf die Wohnzimmercouch um in ihren Büchern zu blättern oder auf die Spieldecke in ihrem Zimmer, wo wir mit dem kleinen Reitstall spielen.

Wenn es das Wetter zulässt, verbringen wir danach noch etwas Zeit im Freien. Im Vorzimmer setzt sie sich ihre Haube schon fast ohne meine Hilfe auf und nimmt auf der untersten Stiege Platz, damit ich ihr die Schuhe anziehen kann. An Mamas Hand geht es schnellen Schrittes ins Freie, ich sehe mich um und atme durch. Sie genießt die frische Luft, in der noch ein Hauch Morgentau hängt.

Das ist er, unser vormittäglicher Alltag. Das sind unsere routinierten, ruhigen Stunden vor ihrem Mittagsschlaf. An jedem Morgen dasselbe. Pure Routine. Ich liebe das. Denn in diesen immer gleichen Abläufen liegt viel Ruhe und Zeit, Fokus. Keine dringende E-Mail hält uns von unserem Frühstück ab und kein vermeintlich wichtiger Termin stört uns beim Spielen. Wir haben Zeit, uns in aller Ruhe auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt: sie. Das Schönste dabei ist es, sie zu beobachten. Sie in ihrem Tempo die Welt erkunden zu lassen, nicht jeden Fleck gleich wegzuwischen, den Löffel nicht sofort richtig herum zu drehen. Sie einfach machen, sehen, fühlen zu lassen. Und ihr beim Brabbeln zu lauschen. Sie hat so viel zu erzählen.

All diese Wunder birgt unsere Routine. Ein Alltag voll neuer Entdeckungen, jeden Tag.

Das ist mein Plädoyer für mehr Mut zur Langsamkeit.

Lassen Sie uns einmal weniger „Komm schon!“ oder „Beeil dich!“ sagen. Lassen Sie uns einmal mehr etwas länger in den Momenten mit unseren Kindern ruhen, sie bewusst wahrnehmen. Weil wir es wollen und weil sie es brauchen.

Ich wünsche Ihnen frohe Feiertage mit Ihren Liebsten!


Dieser Artikel wurde als Teil der Kolumne „Mama & Kind“ im Österreichischen Lifestyle Magazin „Baden Passion“ veröffentlicht, Ausgabe 4/15.

PS: Wenn euch der Artikel gefallen hat, dann mögt ihr vielleicht auch den ersten oder zweiten Teil meiner Kolumne. Folgt ihr mir schon auf Facebook?

Foto © Mini and Me

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10 Kommentare

  • Reply
    stefanie
    25. November 2015 at 21:00

    Toll. Werde ich mir zu Herzen nehmen. 🙂

    Danke, dass du uns teilhaben lässt an eurem alltag.

    Lg steffi

    • Reply
      Jeannine
      26. November 2015 at 18:06

      Jö, fein, das freut mich! 🙂 Und ja bitte, immer gerne!

  • Reply
    Ulrike
    26. November 2015 at 8:14

    Sehr schöner und liebevoller Text! <3
    Es ist toll mit welcher Neugierde kleine Kinder die Welt entdecken ohne eine Ahnung davon zu haben, was Zeit ist, sondern einfach nur im Moment zu leben.

    http://oneyearofsunday.de/lieblinge-der-woche-28/

    • Reply
      Jeannine
      26. November 2015 at 18:07

      Vielen Dank für deine lieben Worte, Ulrike! „Momente leben“ ist ein schöner Gedanke. Mindestens einmal täglich versuche ich, mich bewusst darauf einzulassen.

  • Reply
    Lotta
    26. November 2015 at 12:20

    Total schön dein Text! Und du hast Recht, ich sage das in letzter Zeit auch oft im Stillen zu mir selbst… Wenn wir zum Beispiel draußen sind und einfach nur die Straße entlang laufen. Es gibt so oft nämlich gar keinen wirklichen Grund alle 5 Minuten „Komm!“ oder „Auf geht’s!“ zu sagen… Man muss das wirklich auch mal bewusst genießen, die Kleinen in ihrem Tempo entdecken lassen, auch wenn man dann für 50m Fußweg 20 Minuten braucht 😀

    • Reply
      Jeannine
      26. November 2015 at 18:08

      Haha, da denke ich unwillkürlich daran, wie ihr gestern „nur mal kurz“ rausgehen wolltet. War das denn auch so eine Situation, wo ihr für ein paar Meter so lang draußen wart? 😉 Ich freu mich auf nächste Woche und danke für deine lieben Worte zum Artikel! Das bedeutet mir viel! 🙂

  • Reply
    Ulli
    1. Dezember 2015 at 10:13

    So schön geschrieben! Wir machen das genauso an den Tagen an denen ich nicht arbeiten muss und ich genieße es auch immer sehr, wenn wir keine Termine haben! lg Ulli

    • Reply
      Jeannine
      16. Dezember 2015 at 22:08

      Vielen Dank, meine Liebe! 🙂 Jaaa, ein schönes Gefühl! Ganz liebe Grüße!

  • Reply
    Claudi
    28. Februar 2017 at 21:13

    Ich bin total angetan von deiner ausstrahlung, du bist wunderschön!!(ich habe seit 2 Wovhen zufällig auch den Haarschnitt den du hast und war die letzten Tage unsicher ob das der richtige Schritt war (kurz=unweiblich?!), jetzt sehe ich dich auf deinem wunderschönen Profilbild, so viel Weiblichkeit,) und deinen Worte, die mich alle im herzen erreichen!
    Danke für das alles!🤗❤️
    Claudi

    • Reply
      Jeannine
      28. Februar 2017 at 21:21

      Oh wow, welch wundervolles Kompliment! <3 Danke dir für deine lieben Worte! Ich weiß noch, am Tag nach dem Haarschneiden damals, bin ich weinend zu meinem Freund gelaufen und hab ihm gesagt, dass das die schlechteste Entscheidung meines Lebens war... heute kann ich es mir nicht mehr anders vorstellen! Und fühl mich mega weiblich! 😉 Ich bin mir sicher, der Pixie steht dir ganz fantastisch! 😀 Alles Liebe dir! Und danke fürs Lesen!

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