ExpertInnen im Gespräch Interview

Kindliche Sprachentwicklung: über elterliche Aufmerksamkeit, Native Speaker und sinnbefreites Fernsehen

„Jetzt sag doch mal etwas! Wann beginnst du denn endlich zu sprechen?“, dröhnt es an der Supermarktkassa an mein Ohr. Ein Vater spricht mit seinem Sohn, der im Kindersitz des Einkaufswagens hockt und wild gestikuliert. Der Mann fand zwar schnell heraus, was genau sein Kind ihm sagen wollte, aber er dürfte genervt davon sein, dass es sich „nur“ mit Händen und Füßen ausdrückt und nicht verbal.

Ich verurteile den Vater nicht, denn auch mir sind ähnliche Aussagen schon rausgeruscht, wenn die Nacht mal wieder kurz und der Tag überlang war. Wenn die Nerven einfach nicht mehr so recht halten wollen. Und es tut mir so unsagbar leid und weh, wenn es passiert.

Dabei wäre es viel besser, sein Kind einfach nach bestem Wissen zu Fördern, von Anfang an. Es wäre auch besser, dem Kind die Zeit zu geben, die es braucht. Es wäre so viel besser, sich einfach in Geduld zu üben. Denn wenn es etwas gibt, das Kinder uns vor allem anderen lehren, so ist das Geduld.

Und während man als liebender und meistens geduldiger Elternteil also abwartet, begleitet und Tee trinkt – in meinem Fall Kaffee – kann man ja auch jemanden fragen, der sich auskennt.


Logopädin Carina Kittelberger über kindliche Sprachentwicklung

Ich habe mit der diplomierten Logopädin Carina Kittelberger über die Sprachentwicklung bei Kindern gesprochen und wollte wissen, wie wir unsere Kinder auf dem Weg des Sprachenlernens ideal unterstützen können und was wir lieber bleiben lassen.

MaM: Wann beginnt die Sprachentwicklung bzw. wie läuft sie ab?

Carina: Die Sprachentwicklung beginnt schon in den ersten Lebenstagen. Das Kind wacht auf und verzieht das Gesicht und die Mama sagt „Guten Morgen, hast du Hunger?“. Anfangs richtet sich die Aufmerksamkeit des Babys noch ganz auf einen Gegenstand und die Erforschung der Dinge. Zum Beispiel liegt das Kind auf der Decke und lutscht an einem Kauring, der Papa sagt „Mh, schmeckt der aber gut!“. Das Baby lässt den Kauring fallen und lächelt den Papa an.

In diesem Alter ist es für das Kind noch nicht möglich, die Welt der Dinge mit der Welt der Personen zu verknüpfen. Das ändert sich um das 1. Lebensjahr, wenn das Baby lernt, beide Welten miteinander zu verbinden.  Das Kind wird ein Spielzeug in die Hand nehmen und dabei die Mama anschauen, als ob es fragen will „Na, was sagst du dazu?“. Diesen Blick nennen wir Logopäden „triangulären Blickkontakt“, er ist für uns der Ursprung der Sprachentwicklung.

MaM: Gibt es irgendwelche „Meilensteine“, die man festmachen kann?

Carina: Es gibt einige Punkte, die man bei der Sprachentwicklung beachten kann. Mit etwa einem Jahr spricht das Kind die ersten Worte wie „Mama“ oder „Papa“.  Auch das mächtige Wort „Nein“ spielt hier eine wichtige Rolle. Um das zweite Lebensjahr versteht das Kind einfache Aufforderungen wie „Gib mir den Ball“. Es kommt zu dem typischen Wortschatzspurt, bei dem die Kleinen innerhalb kürzester Zeit bis zu 200 Wörter sprechen können. Um das dritte Lebensjahr versteht das Kind absurde Aufforderungen wie „Gib der Puppe mit dem Kamm zu essen.“, es kommt zu korrekten Mehrwortäußerungen und – ganz wichtig – es lernt, zu sich selbst „ich“ zu sagen.

Zu den Meilensteinen habe ich auf meiner Sprecherei Homepage eine tolle Übersicht über die Sprachentwicklung.

Es gibt natürlich auch Faktoren die berücksichtigt werden müssen, wie zum Beispiel Kinder mit Down Syndrom oder jene, die bilingual aufwachsen.

MaM: Wie kann ich mein Kind – alters- und entwicklungsgerecht – fördern und was wäre kontraproduktiv?

Carina: Von Anfang an gilt: Reden Sie mit Ihrem Kind! Erzählen Sie was Sie gerade tun, von Menschen oder Dingen in Ihrer Umgebung. Ich glaube, dass gerade im Zeitalter des Smartphones die Kommunikation oft zu kurz kommt. Kleine Verse, Fingerspiele und Auszählreime fördern die Aufmerksamkeit und den Blickkontakt des Kindes und vermitteln Freude am Sprechen und der Sprache. Überfordern sie ihr Kind nicht mit Spielsachen, hier gilt wirklich „weniger ist mehr“.

Was ich nicht oft genug sagen kann: Fernsehen fördert die Sprachentwicklung NICHT! Kinder brauchen Blickkontakt und direkte Ansprache um Sprache zu erlernen.

MaM: Dann sind also auch Serien, die eigentlich helfen sollen, Fremdwörter im Sprachgebrauch des Kindes zu etablieren, aus logopädischer Sicht sinnfrei? Ich denke da an Zeichentrickserien, in denen Deutsch gesprochen wird und immer mal wieder ein paar Englische oder Chinesische Ausdrücke vorgestellt werden.

Carina: Kinder lernen Sprache durch Interaktion, darüber habe ich ausführlicher in meinem Blogartikel „Der Ursprung der Sprachentwicklung“ geschrieben. Man braucht ein Gegenüber. Ich rate meinen Patienten immer, das Fernsehen auf ein Minimum zu reduzieren und sich mehr mit den Kindern zu beschäftigen, statt sie einfach vor den Fernsehen zu setzen. Statt einer Zeichentrickserie, könnte man doch auch eine CD mit englischen Liedern abspielen. So kriegen die Kleinen einen ersten Eindruck von einer Fremdsprache und man fördert gleichzeitig auch den auditiven Kanal, also das Hören, und das Rhythmusgefühl.

MaM: Stichwort bilinguale Erziehung. Worauf sollten Eltern achten?

Carina: Ich bin ein großer Fan von bilingualer Erziehung. Eine Sprache kann auf keine andere Weise besser oder schneller erlernt werden.

Kinder müssen lernen, die Sprachsysteme zu trennen. Das heißt, jeder Elternteil sollte die Sprache sprechen, in der er sich wohl fühlt. Das Kind soll wissen: Die Mama sagt zu dem silbernen Ding „Löffel“ und der Papa „spoon“. Ich kann auch hier nur noch einmal betonen: Fernsehen hilft bei Kindern nicht, eine Sprache zu verbessern.

MaM: Braucht es für die bilinguale Erziehung „Native Speaker“?

Carina: Ich glaube nicht, dass man Gefühle und Emotionen wie z.B. Ärger oder Freude, in einer Fremdsprache genauso ausdrücken kann, wie in seiner Muttersprache. Man könnte doch stattdessen in Kinder-Englisch-Kurse gehen um dem Kind eine Fremdsprache spielerisch näher zu bringen.

MaM: Wie „schlimm“ ist „Babysprache“ – also Verniedlichungen, elterliches Nachplappern der Babylaute, Wauwau, Schatzimausi, Hast-du-ein-Gacksi-gemacht-Aussagen – wirklich? Bzw. ist es das überhaupt oder steht eher im Vordergrund, dass mit dem Kind auf liebevolle Art kommuniziert wird?

Carina: Natürlich geht es erstmal um den Kontakt und den Austausch. Auf die Dosis kommt es an. Wenn ich zu einem vierjährigen Kind sage „Magst du hamham machen?“, ist das etwas anderes, als wenn ich mit einem Baby spreche.

Man darf nicht vergessen, dass man ein Sprachvorbild ist und wenn ich von Anfang an die richtigen Wörter verwende, wird das Kind auch gleich die richtigen Wörter lernen.

MaM: Wann sollte man den Rat einer Logopädin aufsuchen?

Carina: Spricht Ihr Kind mit zwei Jahren noch nicht, mit drei Jahren noch keine Mehrwortsätze oder hat Ihr Kind mit vier Jahren noch nicht alle Laute erworben, wären das Indikatoren, um eine Logopädin aufzusuchen.

Ich glaube, sobald sich Eltern Sorgen machen, wäre ein guter Zeitpunkt für eine Diagnostik. Sie wissen oft am Besten über ihre Kinder, deren Stärken und Schwächen Bescheid. Im besten Fall sind ihre Ängste unbegründet. Sind ihre Sorgen berechtigt, tun sie ihrem Kind einen großen Gefallen, denn je früher logopädische Therapie beginnt, desto besser.


mini-and-me-carina-kittelberger-matzl-sprecherei-sprachentwicklung-bei-kindernCarina Kittelberger, Dipl. Logopädin

Sprecherei – Logopädie für Ihr Kind

Carina ist diplomierte Logopädin und Inhaberin der „Sprecherei“ in Wien 19. In der 2013 eröffneten Praxis betreut sie ihre kleinen Patienten mit zwei weiteren Logopädinnen und dem Havaneser-Malteser-Mischling Charly.

Homepage: sprecherei.at


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Titelbild CC0 via Pexels
Portrait © Carina Kittelberger

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13 Kommentare

  • Reply
    Kirsi
    11. Mai 2016 at 9:31

    Super spannendes Thema! Freu mich schon auf die sprachliche Entwicklung meiner zweisprachigen Kinder irgendwann in der Zukunft. Ich bin nämlich Finnin und mein Mann Österreicher – das wird sicher lustig 😀

    • Reply
      Jeannine
      11. Mai 2016 at 16:30

      Hi Kirsi, danke, find ich auch! Und wie schön, das ist eine Kombination, die ich in unserem Bekanntenkreis gar nicht kenne. Klingt total spannend! 😀

  • Reply
    L
    11. Mai 2016 at 9:51

    Unserer wächst Englisch/Deutsch auf. Er ist jetzt drei (und ääh… 3 Monate) und es funktioniert richtig gut. Zu Hause sprechen wir Mischmasch. Aber wenn die Oma fragt was das auf deutsch heisst übersetzt er es ihr. Das ist jetzt aber neu. Das R kann er noch nicht rollen, hoffe das wird noch. Versuchen es spielerisch zu trainieren. Ansonsten war die Sprachentwicklung immer relativ altersgemäß. Und das trotz starker Benutzung technischer Medien in unserem Haushalt (weniger TV, mehr IPad).

    • Reply
      Jeannine
      11. Mai 2016 at 16:27

      Hey L, das klingt super spannend! Ich hätte so, so gern eine bilinguale Erziehung bei unserer Kleinen etabliert, da ich ziemlich gut Englisch kann. Aber natürlich kann es nie so sein, wie bei einem Native Speaker. Deshalb haben wir es dann auch gelassen. Unsere Kleine verwendet auch regelmäßig das iPad, iPhone und manchmal TV. Nie lange, aber trotzdem fast täglich ein paar Minuten. Ich finde das nicht schlimm, da sie nicht stundenlang davor „geparkt“ wird und sich niemand mit ihr beschäftigt. Ich denk, es kommt auf die Dosis an. 😉

    • Reply
      Carina
      15. Mai 2016 at 16:06

      Das klingt doch super. Fein, dass die bilinguale Erziehung bei euch so gut klappt.
      Ich glaube Medien wie Tablet oder TV sind aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Auf die Dosis kommt es an 🙂 und wegen dem R musst du überhaupt nicht besorgt sein. Dieser Laut wird als spätester erworben und soll etwa mit 4 – 4,5 Jahren korrekt gesprochen werden.
      Liebe Grüße
      Carina

  • Reply
    Magda
    11. Mai 2016 at 11:18

    Mein Sohn ist 17 Monate alt und wächst bilingual/trilingual auf. Ich spreche deutsch, Papa englisch (wir leben in England) und wenn Oma bzw meine Geschwister zu Besuch sind dann noch polnisch. Bisher spricht er noch kein einziges Wort. Mache mir aber keine Sorgen, da er alle drei Sprachen versteht (z.b. Wenn ich Frage wo das Auto ist dann holt er es etc)

    • Reply
      Jeannine
      11. Mai 2016 at 16:29

      Hi Magda, wow, wie toll! Ich hätte es mir gewünscht, zweisprachig aufzuwachsen und empfinde das als eine riesengroße Bereicherung! 🙂 Ich denke auch, das braucht einfach seine Zeit, so viele verschiedene Eindrücke zu verarbeiten!

    • Reply
      Carina
      15. Mai 2016 at 16:08

      Hallo Magda.
      Man sagt Kindern die Mehrsprachig aufwachsen dürfen bei der Spracheentwicklung etwa ein halbes Jahr länger brauchen. Wenn das Sprachverständnis gut funktioniert, muss man sich auch erstmal keine Sorgen machen.
      Liebe Grüße
      Carina

  • Reply
    Vero Lévesque
    13. Mai 2016 at 14:03

    Meine Tochter ist 19 und erfolgreich zweisprachig und zweikulturell aufgewachsen (dt / franz). Wir haben die Sprachen nicht nach Personen, sondern nach Situationen getrennt – das hat bestens funktioniert und sie war nie die Einzige der Familie, die zwischen Sprachen wechseln musste. Für uns ein Erfolgsrezept – und ein grosser Spass 🙂

    • Reply
      Jeannine
      13. Mai 2016 at 19:43

      Liebe Vero, vielen Dank für diese Einblicke! Schön zu lesen, dass es so für euch der richtige Weg war. Ich freu mich ja immer, wenn etwas auch „anders“ funktioniert. Danke dir!

    • Reply
      Carina
      15. Mai 2016 at 16:10

      Liebe Vero.
      Genau, man kann bei Mehrsprachigkeit nach Personen oder Situationen trennen. Fein, dass es bei euch so gut geklappt hat.
      Liebe Grüße
      Carina

  • Reply
    M
    14. Mai 2016 at 14:43

    Hallo!!!
    Ich finde den Artikel super gelungen. Ich habe nur etwas Schwierigkeiten mit der AUssage, sobald Eltern Angst haben sollten sie sich Hilfe holen. Denn Angst bekommt man schnell, wenn das Umfeld einen immer wieder auf Sprachfehler hinweist, die man weiß, aber mit Geduld beobachtet.
    Mein 5 jähriger Sohn hat Mama und Papa, Ja und Nein schnell für sich entdeckt, jedoch am besten konnte er sich mit seinem Körper mitteilen, so richtig mit langen Sätzen begann er im Kiga also mit 3. Nach dem die Sprache entdeckt und angewendet wurde von ihm, hatte er Problem mit dem S und Sch und da bekam ich erst richtig zu hören, dass mein Sohn unbedingt Unterstützung bekommen sollte, ich habe mich dann mit der Kindergärtnerin zusammen gesetzt und mit einer Sprachexpertin und beide meinten ich sollte mir keine SOrgen machen und ihm Zeit geben, Hatte aber trotzdem große Sorge ob ich das Richtige tue, nach einiger Zeit legte sich dieses Sprachproblem und alles war ganz ok, bis ich wieder Kritik abbekam und nun das nicht richtig gesprochen R als Problem angesehen wird.
    Lange Geschichte kurzer Sinn. Wir Eltern sollten uns selber Vertrauen und nicht immer auf die Anderen hören, Und da man schnell Angst durch Besserwisser entwickelt, kann ich nur eines Raten- Beobachtet Eure Kinder und Vertraut ihnen,.

    • Reply
      Carina
      15. Mai 2016 at 16:21

      Hallo.
      Du hast ganz Recht. Am Besten man hört auf sein Bauchgefühl. Oft sind Eltern besorgt und es reicht dann schon von uns ein „geben Sie Ihrem Kind noch Zeit“.
      Wichtig ist allerdings auch, dass man früh genug auf Defizite aufmerksam wird und diese rechtzeitig therapiert, um dem Kind den Alltag zu erleichtern.
      Liebe Grüße
      Carina

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