Motherhood

Kinder trösten: „Ist doch gar nicht schlimm!“ Doch, das ist es!

Kinder trösten mann hält seine Tochter im arm

Schmerz ist eine zutiefst individuelle Erfahrung, und dennoch trifft eines immer zu: Niemand möchte damit alleingelassen werden. Warum verlangen wir dann von unseren Kindern, ihren Schmerz runterzuschlucken und „sich nicht so anzustellen“? Übers Wahrnehmen und Verbalisieren von Schmerz.


Dieser Artikel erschien in der Sommer 2016 Ausgabe des TIPI Magazins.


Kinder trösten

Letztens nach dem Einkaufen. Vollbepackt sind wir auf dem Weg zu unserem Auto. Meine Tochter, ein knapp zweijähriger Wirbelwind, läuft vergnügt voraus, stolpert und fällt auf den rauen Asphalt. Sie blickt mich verdutzt an und zieht die Mundwinkel nach unten. Ich hocke mich neben sie und sage: „Hoppla! Du bist gestolpert und mit den Knien auf den harten Boden gefallen. Hast du dir wehgetan?“ Noch bevor sie antworten kann, dröhnt es aus dem Hintergrund: „Natürlich nicht, es ist doch nichts passiert!“

Unerwünschte Zwischenrufe

Das ist nur eines von unzähligen Beispielen aus unserem Alltag. Die unerwünschten Zwischenrufe Dritter, die aufgeschürfte Knie oder blaue Flecken kleinreden oder übergehen, sind unsere ständigen Begleiter. Sätze wie: „Tu doch nicht immer gleich so!“ oder „Na, das war doch nicht schlimm!“ reihen sich aneinander.

Genervt und verunsichert begann ich zu recherchieren und thematisierte meine Erlebnisse auf meinem Blog. Der Artikel wurde binnen weniger Stunden zu meinem meistgelesenen Beitrag. Viele Mütter schrieben mir und berichteten in den Kommentaren von ihren eigenen Erfahrungen – ich dürfte in ein Wespennest gestochen haben: „Den Schmerz ernst nehmen heißt nicht, dass man ihn überbewertet. Ich finde es schön zu sehen, wie meine Tochter darauf vertraut, von mir getröstet zu werden. Dann tut es nämlich viel schneller auch nicht mehr weh.“

Es war schön zu lesen, wie häufig auch sehr kleine Kinder durch die liebevolle Zuwendung ihrer Eltern Schmerzen bereits früh lokalisieren können. Eine Entwicklung, die oft länger auf sich warten lässt.

Eine Mama beschrieb am eigenen Beispiel, wie gefährlich es sein kann, kindlichen Schmerz über Jahre nicht wahrzunehmen „Meine Mutter hat mir auch nie geglaubt, wenn ich Schmerzen hatte. Somit habe ich mit 11 oder 12 Jahren meine nachtepileptischen Anfälle verschwiegen. Ich wusste nicht, was es ist, und meine Mutter hätte eh nur gesagt, dass ich mir das einbilde. Und dann lag ich da und wäre fast an meinem Erbrochenen erstickt. Gut, dass meine Oma mich gefunden hat. Und dann kam der Spruch: ‚Warum hast nichts gesagt?‘“

Wurzeln in der Vergangenheit

Aber woher kommt der strenge Umgang, dieser Hang zur Härte in der Kindererziehung? Ein Blick auf die erfolgreichen Erziehungsratgeber der Vergangenheit führt zu der Lungenfachärztin Johanna Haarer. Die Mutter von fünf Kindern, die keinerlei pädagogische oder psychologische Ausbildung hatte, zeichnet verantwortlich für eines der meistgelesenen Erziehungsbücher der NS-Zeit.

Der Bestseller „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, der 1996 zum letzten Mal eine Neuauflage erfuhr und über 1,2 Millionen Mal verkauft wurde, warnt davor, Kinder bloß nicht zu „verzärteln“: „Versagt auch der Schnuller, dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. […] Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“

Haarers Ratgeber zu lesen, schmerzt. Ihre „Erziehungstipps“ klingen für die Ohren einer liebenden, modernen Mutter einfach absurd.

Die Strenge – heute

Wie tief verankert einige der Aussagen jedoch sind, wird ersichtlich, wenn man bedenkt, wie oft junge Eltern heute noch vorm „Verwöhnen“ ihres Säuglings gewarnt werden. Die Psychotherapeutin Nina Petz sieht die Ursache dafür, dass Aussagen wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ nach wie vor so weit verbreitet sind, in unserer eigenen Kindheit. Viele Menschen, die mittlerweile zu Eltern wurden, wuchsen selbst mit derlei Formulierungen auf. Oftmals war es so, dass auch die eigenen Gefühle damals von den Eltern entweder nicht ernst oder gar nicht wahrgenommen wurden. Es ist schwer, Sprachmuster, die so verinnerlicht wurden, loszulassen. Sie in der Kommunikation mit den eigenen Kindern zu erkennen, ist der erste Schritt, aber gerade in Stresssituationen gelingt es oft nicht, das erlernte Verhalten tatsächlich zu ändern.

Wir dürfen unsere Kinder ein Stück des Weges begleiten, ihre Hand halten und sie wissen lassen: „Ich bin für dich da.“

Macht Trost zur Mimose?

Susanne Mierau, Kleinkindpädagogin, Familienbegleiterin und Inhaberin des Blogs „Geborgen Wachsen“ aus Berlin, beobachtete eines Tages, wie ein kleiner Bub vom Spielpodest mit dem Kopf voran nach hinten fiel. Sie sagte: „Oh, das hat sicher wehgetan!“, aber die Mutter des Buben erklärte: „Das hat nicht wehgetan. Kinder sind ja hart im Nehmen. Die fangen erst zu heulen an, wenn Eltern ein erschrecktes Gesicht machen. Am besten nicht darauf reagieren.“ Stimmt das? Werden Kinder tatsächlich zu „Mimosen“, wenn wir sie nach Bedarf trösten?

Susanne Mierau gibt der Mama des Buben in einem recht: Kinder sind erstaunlich robust. Sie fallen hin, holen sich blaue Flecken und Schürfwunden. Aber genauso, wie das Kind solche Erfahrungen benötigt, braucht es in schmerzhaften Situationen auch eine andere Erkenntnis: Es ist jemand da, der mich wahrnimmt und mir durchs Spiegeln meiner Gefühle ein Bild über mich selbst vermittelt. Jemand, der sagt: „Ich sehe deinen Schmerz oder dein Erschrecken. Ich bin für dich da. Es wird wieder gut.“ Erst mit etwa drei Jahren können Kleinkinder die Gefühle anderer Menschen gut verstehen und sich in sie hineinversetzen – aber nur dann, wenn sie zuvor von ihrer Bezugsperson gelernt haben, wie das funktioniert.

Schmerz nicht wahrnehmen

Wenn wir unseren Kindern keine Wege aufzeigen, mit ihren Gefühlen umzugehen, werden sie es schwer haben, welche zu finden. Aus Angst, Kinder zu „verweichlichen“, lassen wir sie mit wichtigen Erfahrungen alleine. Nina Petz warnt davor, die Gefühle der Kinder nicht ernst zu nehmen, ihre Schmerzen abzutun oder gar nicht wahrzunehmen. Ein solches Verhalten kann die Beziehung und das kindliche Vertrauen in die Eltern nachhaltig schädigen. Sie betont: „Kinder, die lernen, ihren Gefühlen zu misstrauen, denen immer wieder gesagt wird: ‚Das ist nicht so schlimm!‘ oder: ‚Du fühlst dich gar nicht so!‘, verlieren den Zugang zu sich selbst.“ Hier wird mitunter der Grundstein für psychische Probleme im Erwachsenenalter gelegt.

Ich sehe deinen Schmerz. Ich bin für dich da. Es wird wieder gut.

Was bleibt?

Nehmen wir also an, wir Eltern schaffen es: Wir springen über unseren Schatten, bringen die nötige Zuversicht sowie eine große Portion Mut auf und begleiten unsere Kinder liebevoll und aufmerksam. Wenn wir den Schmerz unserer Kinder verbalisieren und ihnen dabei helfen, ihn einzuordnen, fühlen sie sich geborgen, aufgefangen und geliebt. Gerade kleine Kinder brauchen, laut Nina Petz, Unterstützung beim Umgang mit ihren Gefühlen. Sie leben im Moment und wissen noch nicht, dass Schmerz auch wieder vergeht. Gefühlsausbrüche werden nicht weniger, wenn man sie bagatellisiert, im Gegenteil: „Es ist wichtig, Kindern Worte zu geben und sie bei Schmerzen zu begleiten. So lernen sie Gefühle erst so richtig kennen und später auch allein zu bewältigen.“

Die Aussicht auf selbstbewusste Kinder, die geliebt und geborgen aufwachsen, ist es doch sicher wert, ganz ohne veraltete Denkmuster, vorgebetete Scheinweisheiten und vermeintliche Anti-Tyrannei- Floskeln auszukommen.

Ich für meinen Teil werde mit all meinem Herzen weiterhin „übertreiben“, mein Kind „verwöhnen“ und die ermahnenden Zwischenrufe weglächeln. Weil ich weiß, dass es für uns so richtig ist.


Wie tröstet ihr?

Welche Erfahrungen habt ihr selbst und mit euren Kindern gemacht?

Wenn dieser Artikel nützlich für dich war und du meine Arbeit unterstützen möchtest, dann würde ich mich über deinen Share, Like oder auch ein Kommentar sehr freuen!

Von Herzen, vielen Dank! <3

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PS: Mini and Me gibt’s auch auf Facebook! Sehen wir uns dort? 🙂


Text © Jeannine Mik
Photo via Pexels

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4 Kommentare

  • Reply
    Anna
    25. Juni 2016 at 19:57

    Oh, was für ein schöner Artikel!
    Und JA, es ist so wichtig, hinzusehen, anzunehmen und zu spiegeln. Ein gut gemeinter „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ ist nicht gut gemacht, denn es wertet das Gefühl des Kindes ab. Es macht das Gefühl nicht stimmig. Und das ist das Problem: wie soll man dann lernen, ein Gespür für sich selbst zu bekommen, oder gar, Empathie zu zeigen?
    Ich tröste meine 8 Monate alte Tochter derzeit häufig, wenn ihr kleiner Körper nicht so mobil ist, wie ihr Kopf es gerne wäre. Sie weint dann vor Wut, ist frustriert. Ich bin da, rede mit ihr und halte sie, manchmal weint sie in meinen Armen, manchmal sammelt sie schnell neuen Mut und versucht es nochmal.

  • Reply
    Hör auf deinen Bauch - vom Bauchgefühl -
    21. November 2016 at 7:19

    […] Ich muss sofort an den Artikel von Mini an Me – a mom and lifestyle blog denken. […]

  • Reply
    Muttis Nähkästchen
    22. November 2016 at 13:43

    Aus der Mottenkiste … Das war einer meiner ersten Artikel als Bloggerin aus dem Jahr 2009: http://muttis-blog.net/ist-doch-gar-nix-passiert-oder-doch/
    Damals hab ich mich noch richtig kurz gefasst … 😉

    • Reply
      Jeannine
      22. November 2016 at 20:50

      Kurz, knackig und Vieles gesagt! 😉

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