In den letzten 72 Stunden habe ich einmal mehr erfahren, wo meine Grenzen liegen. Ich habe gespürt, bis wohin ich gehen kann und wo genau der Punkt ist, an dem ich anfange eine Mutter zu sein, die ich nicht sein möchte. Über Geduld, Verständnis und Angst und darüber, was passieren kann, wenn das Kind die Medizin verweigert und man als Mama nicht mehr weiter weiß.

Ein Artikel ohne Lösung, weil ich keine kenne.


Ich tippe diese Zeilen ohne zu wissen, wohin genau sie mich führen werden. Dieses Wochenende war hart. Am Donnerstag ging es los. Meine Tochter hatte Schmerzen. Zwei kurze Telefonate später wusste ich, dass weder unsere Kinderärztin, noch unsere Hausärztin verfügbar waren. Ich nahm also das Kind und wir machten uns auf zu einem unbekannten Arzt in der Nähe. Der war schnell beim Ergebnis: Die Kleine braucht Antibiotikum. Wir fuhren noch flugs zur Apotheke – alles mit schreiendem, traurigen und doch so tapferen Kind – und hatten das Medikament dann daheim.

„Mama, ich brauch dich!“ – übers Mitleiden

Ihr kennt das ja, das Kleinkind hat Schmerzen, weint, braucht die Mama und möchte kuscheln. Und man selbst leidet so mit, ist total aufgelöst, so unendlich besorgt. Niemals hätte ich mir vor der Geburt meiner Tochter vorstellen können, wie sich so etwas anfühlt. Man möchte helfen, unterstützen, es ihr abnehmen. Tausendmal lieber möchte man als Mama selbst die Schmerzen haben, bevor die Kinder leiden und krank sind.

Am ersten Tag nahm sie das wirklich ekelhaft schmeckende Antibiotikum beinah anstandslos. Am zweiten Tag jedoch begann sie, ihre Medizin zu verweigern. Und für mich bedeutete das, kreativ zu werden.

Die Minuten vergingen und meine anfangs noch durchaus originellen Ablenkungsversuche mutierten zu verzweifelten Erklärungsversuchen. Nachdem sie mir vollkommen ernst mit einem klaren „Nein“ vermittelt hatte, dass sie nicht daran dachte, das Antibiotikum zu nehmen, versuchte ich es mit Handpuppen. „Nein.“, meinte sie nur. Ich versuchte, ihr zu erklären, warum sie ihre Medizin nehmen müsste. Sie verstand, aber das änderte nichts.

Ich will nicht „Wenn… dann…“ sagen!

„Wenn du das schluckst, wirst du wieder gesund.“, sagte ich anfangs noch lächelnd. Irgendwann, beim zweiten Anlauf ein paar Stunden später, wurde daraus: „Liebling, wenn du die Medizin nicht nimmst, müssen wir ins Spital fahren.“

Wenn ich jetzt darüber schreibe, kann ich gar nicht in Worte fassen, wie diese Situationen sich anfühlten.

Ich versuchte wirklich alles, um meine Tochter davon zu überzeugen, das so wichtige doofe Antibiotikum zu schlucken. Sie ließ mich warten, wollte den Löffel selbst halten, wir schütteten alles daneben, ich machte alles wieder sauber, wir wechselten den Raum, sie ignorierte mich, wir versuchten es mit einer Pipette, ich reichte ihr ihren liebsten Saft und bot dann auch Schokolade an, obwohl ich davon gar nichts halte… nichts half.

„Nein.“

Nun saß ich also da und wusste wirklich nicht weiter.

Was sein muss, muss sein?

In meinem Kopf hörte ich verschiedene Stimmen. Auch welche, die mit Nachdruck sagen: „Wenn es nicht anders geht, muss man es ihr irgendwie verabreichen. Was sein muss, muss sein.“ Ich schüttle den Kopf, werde traurig. Ich möchte mein Kind nicht festhalten, um ihm eine Medizin zu geben. „Das kann es doch nicht sein, das geht doch nicht!“, dachte ich mir, als ich mir die Situation vorstellte. Und es tat mir so weh. Gibt es da keinen anderen Weg? Auf der anderen Seite war dieses Kleinkind, dieses wundervolle, intelligente kleine Geschöpf, das sein Antibiotikum wirklich dringend brauchte, um gesund zu werden. Was soll ich tun? Wie lösen wir diese Situation?

Am Abend gelang es Papa, ihr – mit der Pipette und mit Wasser und Tee verdünnt – das Antibiotikum zumindest zum größten Teil zu geben. Sie wunderte sich über den seltsamen Geschmack und ließ uns dann mit skeptischem Blick wissen, dass da etwas drin gewesen war, das nicht hinein gehörte. Auch vom „Austricksen“ halte ich nichts, es passt nicht zu uns und nicht zu den Maximen, nach denen ich mein Mamasein leben möchte. Aber manchmal geht es nunmal nicht anders, Attachment Parenting hin oder her.

Als wir es endlich geschafft hatten, waren über den Tag verteilt sowohl bei meiner Tochter, als auch bei mir die Tränen geflossen.

Einfach nur „Nein.“

Ich dachte mir, jetzt haben wir’s. Nun kann ich sie mit der Pipette und dem stark verdünnten Antibiotikum irgendwie ablenken. Bereits am nächsten Morgen musste ich aber feststellen: Weit gefehlt.

Wir saßen wieder in derselben Situation, allerdings waren wir beide noch missmutig und belastet mit den negativen Erfahrungen des Vortrages. Wenn man einmal so ein schlechtes Gefühl mit einer Sache verbindet, ist es sehr schwierig, davon wieder loszukommen. Zumindest empfinde ich es so. Ich kann nur erahnen, wie schwierig es für ein Kind sein muss, dass ja aus Erfahrungen noch viel unmittelbarer lernt, als wir es tun.

Ich versuchte, sie abzulenken und als das nicht gelang, wiederum zu erklären, dass sie nur so wieder schnell gesund werden könne. Und sie verweigerte sich. Wieder. Ich war am Ende. Ich wurde laut, ging auf den Balkon, weil ich nicht wusste, wohin ich meine Emotionen packen sollte. Dieses dumpfe Stechen in der Brust. Ich brauchte Luft. Und die ganze Zeit die Frage: „Was mache ich, wenn sie es einfach nicht nimmt?“

Ein Satz, der bleibt: „… dann kann ich nicht bei dir sein.“

Ich sah uns schon wieder im Spital, wie im Jahr davor. Ich erinnerte mich an mein nicht ganz ein Jahr altes Kind und an die Verzweiflung und Angst in seinem Blick, als die Nadel für die Infusionen gestochen werden musste. Bilder, die man nicht vergisst. Und ich denke daran, wie machtlos ich war; daran, dass ich zusehen musste, weil sie die Hilfe der Ärzte so dringend brauchte. Ich wusste, das müssen wir anders schaffen.

Und dann sagte ich: „Wenn du die Medizin nicht nimmst, müssen wir ins Krankenhaus fahren. Aber dann kann die Mama nicht die ganze Zeit bei dir sein.“

In der Sekunde blickte sie auf, starrte mich erschrocken an und begann zu weinen.

Sie lief zu mir, sagte verzweifelt: „Halten!“ und vergrub ihr kleines, zartes Gesicht ganz tief an mich geschmiegt.

Ich hatte meinem Kind schreckliche Angst gemacht.

Es tat mir so leid. Die Dinge, die ich über die Stunden zu ihr gesagt hatte, die Verunsicherung, all die negativen „Wenn-Danns“, die ich so niemals verwenden möchte. Diese schiere Ohnmacht und die Angst auf beiden Seiten; Unverständnis auf beiden Seiten.

In diesen Situationen habe ich uns beide nicht wiedererkannt. Und ich weiß, dass meine Tochter mir nur deshalb so fremd war, weil ich nicht ich selbst war. Nicht die Mama, die ich sein will. Nicht die Frau, die immerzu versucht, so informiert und wohlüberlegt und sich selbst treu zu sein.

Unsere Versprechen

Wie sehr ich auch diese Aussage und mein unsägliches, überfordertes Verhalten bereute, so erschreckend effektiv war es. Wir schafften es, sie nahm das Antibiotikum verdünnt mit Tee. Vor dem Schlafengehen versprach sie mir, es auch am Morgen darauf zu schlucken. Was ich gesagt hatte, klang offenbar in den Ohren meines Kindes nach. Das wollte ich nicht. Angst vorm Alleinsein war nicht die Art von Motivation, die ich mir wünschte. Gar nicht.

Sie hielt ihr Versprechen. In nur etwa fünf Minuten war die Sache abgehakt und wir konnten frühstücken.

Und so, wie sie mir versprach, das Medikament zu nehmen, so verspreche ich mir und ihr, dass ich meiner Tochter nicht in so emotionalen, aufgewühlten Momenten Dinge sagen möchte, die so vielleicht wahr sind, aber einfach in der Situation keinen Platz haben.

Weder möchte ich ihr Angst machen vorm Krankenhaus, weil es ja leider durchaus sein kann, dass wir wiedermal dorthin müssen; noch möchte ich ihr in einer so schlimmen Situation sagen, dass es Momente und Zeiten geben wird, wo ich nunmal wirklich nicht bei ihr sein kann.

Diese Dinge verdienen ihren Platz, brauchen ihn. Aber ich bete und hoffe, dass sie solche Situationen erst viel später in ihrem Leben erfahren wird müssen. Ich möchte da sein, so lange und wann immer ich das kann.

Und jetzt? Alles auf Anfang.

Am Nachmittag waren wir bei unserer Kinderärztin, die wieder und auch gleich für uns da war. Sie konnte die Wahl des Antibiotikums überhaupt nicht nachvollziehen, recherchierte und telefonierte lange, bevor sie uns ein anderes verschrieb. Eines, das besser wirkt und kindgerechter schmeckt.

Das holten wir gleich aus der Apotheke und nun steht die erste Gabe an.


Kennt ihr ähnliche Momente? Wie habt ihr euch verhalten?

„Aus der Situation gehen“ oder „im Kopf bis fünf zählen“ und durchatmen funktioniert nicht immer. Vor allem wenn sich Angst dazugesellt, kann es so unglaublich schwer sein, bei sich zu bleiben.

Tut mir leid, dass ich diesmal keine Lösungen für euch parat habe. Mittlerweile hab ich einiges gelesen, kenne diverse Ansätze verschiedener Pädagoginnen, Psychologinnen – vieles davon teile ich am Blog mit euch. Aber direkt in der Situation, da nützt das alles oftmals nichts.

Ich freu mich auf eure Erfahrungen!

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