• „Erziehen ohne Regeln?“ – Nein! Ich verzichte auf Erziehung! (Einführung in (m)eine Erziehungsfreiheit)

    Ich schreibe von Erziehungsfreiheit. Von einem Weg, auf dem man mit seinen Liebsten – egal, wie alt sie sind – in Beziehung lebt und darüber, dass diese Beziehung die Erziehung ersetzt. Damit sorge ich oftmals für erstaunte Gesichter, sowohl durchs geschriebene Wort, als auch in Gesprächen. Es kommen viele Fragen: zum Verständnis auf der einen Seite, zur Lebbarkeit auf der anderen. Manchmal sind es auch nicht Fragen, auf die ich treffe, sondern Missverständnisse und falsche Schlüsse.

    Einsteigerfragen: Wie ich Erziehungsfreiheit lebe

    Auf Erziehung zu verzichten bedeutet nicht, Gehorsam und elterliche Machtausübung durch eine „Methode“ zu ersetzen, die „funktioniert“. Es ist vielmehr eine moralische Entscheidung, nach der man dann so gut es möglich ist, lebt.

    Dabei spielt die Sensibilisierung für eigene Themen, die man aus der Kindheit „mitgenommen“ hat und die nun, durchs Elternsein, wieder zutage treten, eine wichtige Rolle. Ebenso essentiell ist es, die eigenen Gedanken und Handlungen zu reflektieren und Verantwortung dafür zu übernehmen.

    Bereits bei diesen Sätzen und entsprechend auf diesem Blog generell stolpern LeserInnen oftmals über Begriffe, die sie womöglich noch nicht kannten, wenn sie frisch im Thema sind. Ich möchte deshalb Fragen, die eine Redakteurin mir unlängst stellte, hier aufgreifen. Weil ich hoffe, dass meine Antworten zu einem ganzheitlicheren Blick verhelfen und ein paar Dinge klarer werden lassen können.


    Was hat dich zu deiner Erziehungseinstellung bzw. zum Umdenken gebracht?

    Als meine Tochter vom Baby immer mehr zum Kleinkind wurde, entstanden neue Situationen, mit denen ich nicht umgehen konnte. Mein Kind entwickelte seinen eigenen Willen und konnte den auch immer deutlicher äußern. Das ist großartig! Aber es war, wie für vermutlich jeden jungen Elternteil, auch verunsichernd. Hier hörte ich von vielen Seiten: „Wenn du dich jetzt nicht durchsetzt, hast du verloren!“ oder „Da musst du schon konsequent sein, sonst hüpft dir dein Kind auf der Nase herum!“

    Dieser Blick aufs Kind, als unersättlich, auf der Nase herumhüpfend, als etwas, dass es zu er-ziehen und verbiegen gilt, da es sonst zum Tyrannen wird… der Blick war für mich grundverkehrt. Ich wollte, dass mein Kind sich bedingungslos angenommen und geliebt fühlt. Immer! Weil es so ist, wie es ist. Und nicht nur, wenn es tut, was ich will.

    Wieso können wir schwierige Situationen nicht einfach gemeinsam lösen? Was wäre, wenn ich meinem Kind zuhören würde, anstatt nur nach meinen Vorstellungen zu handeln? Wenn ich anerkennen würde, dass mein Kind ganz wundervoll ist, wie es ist?

    Ich begann mich zu informieren, las viel, recherchierte und stellte fest: Mit diesen Gedanken bin ich nicht alleine. Es gibt viele Menschen, die ihre Kinder liebevoll und frei von Angst begleiten möchten. Und massenweise wertvolle Literatur dazu.

    Was meinst du, wie es deiner Tochter im Leben helfen wird?

    Kinder, die von Anfang an liebevoll begleitet werden, deren Bedürfnisse gestillt werden und die wissen, dass all ihre Gefühle (auch jene, die Eltern mitunter Angst machen, wie Wut, Zorn, Trauer,…) sein dürfen, fühlen sich bedingungslos angenommen und geliebt.

    Kinder sind so im Kontakt mit sich selbst, mit ihren authentischen Emotionen. Wenn es uns Eltern gelingt, ihnen das nicht „abzutrainieren“, bleibt dieses wertvolle Fundament erhalten.

    Kinder sind so im Kontakt mit sich selbst, mit ihren authentischen Emotionen. Wenn es uns Eltern gelingt, ihnen das nicht „abzutrainieren“, bleibt dieses wertvolle Fundament erhalten.

    So bleiben sie „bei sich“, wodurch sie gesunde Beziehungen zu ihren Mitmenschen führen können, gestärkt durchs Leben gehen und auch gewappnet sind für die Herausforderungen, die das Leben so mit sich bringt. Ich hoffe, meine Tochter in einer Weise zu begleiten, die es ihr ermöglicht, ihr Leben bewusst zu gestalten, für ihre Überzeugungen einzustehen und ein geschätzter Teil ihrer Gemeinschaft zu sein.

    Gibst du dennoch klare Regeln vor?

    Unerzogen bedeutet nicht ungezogen und auch nicht antiautoritär. Hier gilt es klar zu unterscheiden. Wenn ich sage, dass ich all meinen Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen möchte, heißt dass nicht, dass ich nicht klar und deutlich meine persönlichen Grenzen aufzeige. Das tue ich. Und meine Tochter darf das auch. Respekt ist keine Einbahnstraße. Denn nur so können wir Beziehungen gestalten: Indem ich weiß, was ich will und was nicht und das meinem Gegenüber auch entsprechend kommuniziere. Wertschätzend und dennoch deutlich.

    Es gibt bei uns wenige fixe Regeln, weil ich eingesehen habe, dass mir persönlich die meisten Dinge relativ egal sind und ich nicht sehe, wieso ich meine eigenen Vorstellungen über andere drüberstülpen sollte.

    Wie genau funktioniert diese Methode?

    Gar nicht. Erziehungsfreiheit ist keine Methode, sondern eine Haltung. Ich entscheide (!) wie ich kleinen und großen Mitmenschen begegnen möchte, wie ich leben möchte. Und dann verhalte ich mich entsprechend. „Unerzogen“ (nicht „ungezogen“) gehört für mich zur bewussten Lebensgestaltung, über die ich auch auf meinem Blog schreibe.

    Erziehungsfreiheit ist keine Methode, sondern eine Haltung.

    Es gibt leider kein Rezept, keine Taktik, die immer „funktioniert“, denn keine Beziehung ist wie die andere und ebenso jeder Mensch anders als der nächste. Für mich gilt es, auch in schwierigen Situationen „bei mir“ zu bleiben und mein Kind liebevoll, als verantwortungsbewusste Erwachsene, zu begleiten. Miteinander, voller Vertrauen und gleichwürdig.

    Bist du selbst ähnlich erzogen worden?

    Ähnlich: Ja. Genauso: nein. Vergleicht man die Erziehung meiner Eltern mit der anderer, würde ich schon sagen, dass ich sehr offene, liberale Eltern habe. Sie hatten keine Angst vor Konflikten, nahmen mich ernst, ließen meine Meinung gelten und waren fair.

    Vor allem eines ist ihnen gelungen: Ich fühlte und fühle mich von ihnen immer bedingungslos geliebt. Das ist eine absolute Seltenheit in unserer Gesellschaft und etwas, wofür ich unsagbar dankbar bin. Diese empfundene Bedingungslosigkeit macht stark und begleitet Kinder ein Leben lang, auch als Erwachsene.

    Worauf verzichtest du dabei bewusst?

    Ich will auf jede Art der Machtausübung verzichten. Als die Großen fällt es uns leicht, unsere automatisch vorhandene elterliche Macht einzusetzen, um unser Kind dazu zu bringen, dass es tut, was wir uns wünschen. Wir können erpressen und drohen  („Wenn du nicht aufisst, dann darfst du nicht fernsehen!“), Urängste wecken („Dann geh ich halt ohne dich!“), schreien und anders psychisch oder gar physisch Gewalt anwenden.

    Das können wir theoretisch einfach machen. Leider.

    Weil das Kind sich nicht wehren kann, es liebt uns und braucht uns.

    Diese Macht können wir ausnützen. Und das will ich nicht. Ich will Beziehung leben statt Erziehung. Wenn ich in Beziehung bin mit meinen Mitmenschen (denn das gilt auch für Partner und Co.), dann muss ich nicht erziehen und Menschen nach meinen Vorstellungen verbiegen.

    Diesen Ansatz zu leben ist nicht immer leicht. Er braucht viel Fingerspitzengefühl und Selbstreflexion. Nicht immer gelingt es mir beispielsweise, ruhig zu bleiben. Manchmal werde ich laut und danach fühlt es sich unglaublich schlecht an. Dieses Gefühl will ich weder für mein Kind, noch für mich. Deshalb arbeite ich an mir. Und genieße das Leben, mit mir, mit Kind, mit Familie.

    Welche positiven Aspekte erkennst du an deiner Einstellung?

    Diese Frage möchte ich gerne auf mein persönliches Wachstum beziehen. Ich glaube, dass unsere Kinder, wenn sie in unser Leben treten, eine Einladung aussprechen: Sie fragen uns, wer wir sind. Sie wollen, dass wir uns zeigen und fordern uns heraus, unser Bild vom Leben und uns darin zu überdenken.

    Diese einmalige Chance sollten wir ergreifen, denn sie kommt nicht wieder.

    Haben wir keine Angst, uns selbst und unsere Unzulänglichkeiten zu reflektieren, Althergebrachtes zu hinterfragen und mutig unseren ganz eigenen Weg zu gehen, kann uns das näher an das führen, was wir eigentlich wollen.

    Es ist die Möglichkeit, Beziehungen endlich so zu gestalten, wie wir es wirklich wollen. Authentisch und in Kontakt mit uns selbst zu leben, uns wieder „zu spüren“. Denn viele von uns wurden auf eine Art und Weise erzogen, die viele kleine und große Entwicklungstraumata hinterlassen hat, die wir unser ganzes Leben mit uns herumtragen. Bleiben sie im Verborgenen, sind wir womöglich unser Leben lang nicht imstande dazu, es so zu leben, wie wir es uns eigentlich wünschen. Nie wirklich glücklich, nie wirklich im Jetzt, nie bewusst.

    Deshalb will ich hinsehen, auch wenn es manchmal weh tut.

    Ich will die Chance aufs persönliche Wachstum ergreifen und meine Tochter nicht blind führen, sondern sie an die Hand nehmen und mit ihr gemeinsam entdecken.

    Viele von uns wurden auf eine Art und Weise erzogen, die Traumata hinterlassen hat, die wir unser ganzes Leben mit uns herumtragen. Bleiben sie im Verborgenen, sind wir womöglich unser Leben lang nicht imstande dazu, es so zu leben, wie wir es uns eigentlich wünschen.

    Gibt es auch negative Aspekte?

    Sicher ist Erziehungsfreiheit schwieriger als Gehorsam, weil es manchmal anstrengend ist, gemeinsam Wege und Lösungen zu finden, mit denen alle halbwegs d’accord sind. Es kann ermüdend sein, über sich selbst und die eigenen Taten nachzudenken.

    Eine Beziehung zu gestalten, bei der ich die Meinung des anderen anerkenne und so stehen lasse, fordert mich heraus. Immer wieder. Egal, ob in Beziehungen zu Kindern oder zu Erwachsenen.

    Das Leben ist nicht einfach. Wieso sollte es Elternschaft dann sein? Schön, erfüllend, wundervoll… ja! Aber einfach? Nein, nicht immer.

    Wie reagiert das Umfeld? Bist du manchmal mit Vorurteilen konfrontiert?

    Selten. Ich weiß, dass manche Verwandte mit der Art, wie ich etwa den ganz natürlichen Aggressionen meiner Tochter und ihrer Äußerung begegne, nicht mitgehen. Es ist beispielsweise normal, dass viele Kleinkinder hauen. Das Gehirn ist noch nicht so weit entwickelt, als dass sie bis zu einem gewissen Alter über eine andere Form der Impulskontrolle verfügen würden.

    Hier geht es darum, wie ich in einer solchen herausfordernden Situation reagiere: Bin ich selbstsüchtig und gebe meinem Kind mit meiner Reaktion womöglich ein schlechtes Gefühl („Du machst mich traurig!“), oder verteidige ich meine eigenen Grenzen („Ich will das nicht!“), oder schaffe ich es vielleicht sogar in diesem Moment, mein Kind zu begleiten. Indem ich ihm zum Beispiel Worte für seine Emotionen gebe, die ihm helfen, das Erlebte einzuordnen, etwa: „Oh wow, du bist anscheinend richtig wütend! Ich frage mich, was dich so zornig gemacht hat!“

    Klar kann und darf ich äußern, dass ich nicht geschlagen werden will. Dabei möchte ich ermutigen, im Hinterkopf zu behalten, dass das Kind davon aber nichts mitnehmen kann, außer der Info, dass ich es doof finde. Deshalb versuche ich, das in einer ruhigen Situation zu kommunizieren. In dem Moment des Hauens sehe ich, dass mein Kind offenbar in Not ist und versuche mich zu verhalten wie die liebende Erwachsene, die ich bin. Und entsprechend zu begleiten. Auch wenn es schwer ist!

    Ich halte nichts davon, bei Schönwetter und wenn es leicht geht beziehungsorientiert und frei von Erziehung zu leben, und dann aber in schwierigen Momenten plötzlich Gehorsam von meinem Kind zu verlangen. So will ich nicht leben, womit wir wieder bei dem Thema wären, dass Erziehungsfreiheit eine moralische Entscheidung ist.

    Was also tun, in solchen Situationen? Ich weiß es nicht. Am ehesten: Verschiedenes ausprobieren und sehen, welche Reaktion sich für mich im Nachhinein gut anfühlt. Wenn ich mich schlecht fühle mit der Art und Weise, auf die ich reagiert habe, so habe ich beim nächsten Konflikt die Option, etwas anderes auszuprobieren. Bis ich das Gefühl habe, so reagiert zu haben, dass es für mich persönlich stimmig ist.

    Der Umgang mit Aggressionen ist für mich ein absolut essentielles Thema. Deshalb hier die Herzensempfehlung des Buchs „Aggression“ von Jesper Juul. (Sowie diese Videoreihe zu Aggressionen in der Familie.)


    Erziehungsfreiheit ist nicht laissez-faire, nicht willkürlich. Ich begleite meine Tochter auf Augenhöhe, gleichwürdig und liebevoll. So gut ich es kann. 

    Ich hoffe, ich konnte dir einen kleinen Einblick in meine Gedanken und in mein „Wie“ geben. Wenn du Fragen hast, darf ich dich ermutigen, sie jederzeit zu stellen. Ich freu mich darauf!

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    Text: Jeannine Mik, Foto: Fotolia